Steno, BASIC und Makramee

 Stetiger Wandel bei den VHS-Programmen

Die Leiterin der Volkshochschule Marion Görnig und ihre Stellvertreterin Kathleen Berchter (rechts) schauen auf die wechselvolle Geschichte der VHS-Kurse zurück.
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Die Leiterin der Volkshochschule Marion Görnig und ihre Stellvertreterin Kathleen Berchter (rechts) schauen auf die wechselvolle Geschichte der VHS-Kurse zurück.

Für Hans Ludwig Knau ist die Heimatgeschichte ein Lebensthema. Bereits 1978 führte er VHS-Gruppen auf Wanderungen durch die Geschichte des Eisenbergbaus in Kierspe. Was vor mehr als 40 Jahren begann, ist heute noch nicht beendet – noch immer laden VHS und Heimatverein zu Vorträgen mit dem Kiersper Heimatforscher ein. Andere Kurse, die vor Jahrzehnten heiß begehrt waren, sucht man heute vergeblich im Programm der Volkshochschule – so sind die bunten Programmhefte letztlich ein Spiegel der Gesellschaft und ein Stück papiergewordene Geschichte.

Kierspe - 1961 lud die VHS Kierspe, die VHS Volmetal wurde erst knapp 20 Jahre später gegründet, zum Kursus „Freude am Selbstnähen“ ein. Ein Kurs, der sich auch heute noch im Heft finden könnte, ganz anders das Angebot „Kurzschrift für Anfänger und Fortgeschrittene“. Schon seit vielen Jahren sind die Stenografie-Kurse, die es 1961 noch gab, aus den Programmen verschwunden, genau wie die Schreibmaschinenkurse. Allerdings starben diese langsam. Denn auch wenn der Computer die Maschine abgelöst hat, die Eingabe erfolgte und erfolgt über die Tastatur. Also ersetzen Kurse zum sogenannten Tastschreiben die klassischen Schreibmaschinenkurse.

In den Räumen, in denen unterrichtet wurde, ging es fortan deutlich leiser zu. Doch mit den Jahren waren diese Räume auch immer weniger gefüllt, da längst Selbstlernprogramme Einzug in die heimischen Arbeits- und Jugendzimmer gehalten hatten.

Manches Thema wurde aber nicht von der Mode oder der Technik überholt, sondern von der Zeitgeschichte. Konnte man 1963 noch dem Vortrag „Ringen um Berlin“ lauschen, wird heute eher in Berlin um Deutschland gerungen. Zwei Jahre zuvor stand ein ganzer Kontinent im Zentrum eines Vortrags: „Aufbruch der farbigen Welt – Afrika stellt Aufgaben“.

Es gibt auch heute noch gute Gründe, nach Männern und Frauen zu trennen. Ein solches Angebot kann durchaus befreiend für die Teilnehmer sein. Es muss ja nicht immer so bedrohlich klingen wie der Computer in Frauenhand.

Kathleen Berchter, VHS Volmetal

Und so fern wie Afrika damals den Zuhörern erschienen sein muss, so fern sind heute die Preise, die die VHS damals aufrief. Die Hörergebühr betrug damals 50 Pfennig, Jugendliche zahlten 30 Pfennig. „Das Geld wurde damals in Bar vom Kursleiter eingesammelt“, erzählt die VHS-Leiterin Marion Görnig, die davon aber auch nur aus Erzählungen berichten kann, kam sie doch erst 2000 hautberuflich zur VHS. Doch auch zu ihrer Anfangszeit gab es Kurse, die heute fern und fremd klingen. Görnig: „Als ich hier anfing, damals mit dem Fachbereich EDV, gab es noch den Kurs ,Der Computer in Frauenhand’. Da habe ich mich ein bisschen geschämt und das Angebot in dieser Form abgeschafft.“

Der Computer, der in den 1990er-Jahren so richtig zu seinem Siegeszug in Büro und Heim ansetzte, war ein großes Thema für die Volkshochschulen. „Da gab es Programmierkurse, vor allem die Sprache BASIC war gefragt und wurde auch unterrichtet“, so Görnig. Mittlerweile, so berichtet die VHS-Leiterin, seien eher Anwendungen gefragt – und diese gibt es dann auch mit den entsprechenden Zertifikaten.

Die Schreibmaschine war über viele Jahrzehnte das Werkzeug der Schreibtischtäter. Der Computer hat sie abgelöst – und auch die Kurse verdrängt, die eine Bedienung der Tastatur mit zehn Fingern ermöglichte.

Kathleen Berchter, stellvertretende Leiterin der VHS Volmetal, sieht auch noch ganz andere Kurse, die dem Zeitgeist unterworfen sind. So seien Anfang der 2000er-Jahre die Aerobic-Kurse ausgelaufen, die sich über Jahre hinweg großer Beliebtheit erfreut hätten. Berchter: „Dafür kam anderes.“ Dabei weist sie auf einen geschlechterspezifischen Kurs hin, der 2006 im Programm stand. „Männer bleiben fit im Alter“. Berchter: „Es gibt auch heute noch gute Gründe, nach Männern und Frauen zu trennen. Ein solches Angebot kann durchaus befreiend für die Teilnehmer sein. Es muss ja nicht immer so bedrohlich klingen wie der Computer in Frauenhand.“ Als Beispiel nennt sie das Angebot „Männer an den Herd“. So habe es früher auch Kurse für Senioren gegeben, da sich manche Ältere schwer taten, gemeinsam mit den Jungen zu lernen. „Heute gibt es da eher einen Unterschied bei den Kursen in Kompetenz und Intensität“, ergänzt Görnig. „Grundsätzlich überrascht mich kein Thema“, sagt die VHS-Leiterin und betont, dass man offen für alles sei, was von Teilnehmern und Kursleitern an das VHS-Team herangetragen werde. So könne es auch durchaus sein, dass Themen wiederkämen, die man schon nahezu vergessen habe. Bei anderen ehemaligen Angeboten ist sie sich sicher, dass diese nie wieder im Programmheft stehen werden. So habe es in den 1960er-Jahren Deutschkurse für Italiener oder Türken gegeben. Görnig: „Damals wurde noch zweisprachig unterrichtet. Das gibt es heute nicht mehr. Der einsprachige Unterricht hat sich bewährt.“

Deutsch wird aber weiterhin unterrichtet, vor allem in den Integrationskursen, die heute rund 700 Unterrichtsstunden im Jahr umfassen. Los gegangen ist das Anfang der 2000er-Jahre, damals noch mit 60-stündigen Sprachkursen.

Andere Kurse werden auch nicht mehr zurückkommen, weil die VHS nirgendwo auf eine entsprechende Ausstattung zurückgreifen könnte. So gab es über viele Jahre Angebote in Fotolaboratorien, die vor allem in Schulen vorhanden waren. Görnig: „So etwas gibt es nicht mehr. Sollte das Thema noch mal modern werden, können wir es gar nicht ins Programm aufnehmen.“ Schwer vorstellen können sich die beiden auch, dass Makramee noch mal wiederkommt. „Aber man weiß es nicht. Unser Programm unterliegt auch dem Zeitgeist.“ So gebe es heute generell weniger Kreativkurse, dafür stehe die Gesundheitsförderung hoch im Kurs. „Aber auch Naturerlebnisse werden immer stärker nachgefragt“, sagt Berchter, wie lange das aber so bleibt, dazu will sie keine Schätzung abgeben.

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