„Sterben schwer auszuhalten“

+
Die Schwestern Anja Kussek und Judith Tutt stellten im Seniorenbeirat den Palliativmedizinischen Konsiliardienst vor.

KIERSPE - In der Palliativmedizin gehe es nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben, führten die Palliative-Care-Schwestern Anja Kussek und Judith Tutt am Dienstagabend bei der Sitzung des städtischen Seniorenbeirates aus, als dieser in der Räumen der Stadtwerke tagte. Hier zitierten sie die englische Ärztin Cicela Saunders.

Von Rolf Haase

Die beiden stellten dem Gremium den Palliativmedizinischen Konsiliardienst Lüdenscheid-Olpe vor, der seinen Sitz an der Kölner Straße 77 bis 79 in Kierspe hat.

Sie präsentierten eindrucksvolle Zahlen: Das Team hat in der jetzigen Form erst 2011 die Arbeit aufgenommen. 2012 im ersten vollen Jahr wurden 408 Patienten aufgenommen und 218 bis zum Tod begleitet. 164 davon starben zuhause, 24 im Hospiz, 18 auf der Palliativstation und 12 auf einer allgemeinen Station. Dass hat sich 2013 verändert: Von den bislang 381 aufgenommenen Patienten starben bisher 261 und davon 235 zuhause in der vertrauten Umgebung. Das wird als Erfolg der Arbeit gesehen. Nur neun starben im Hospiz, 13 auf der Palliativstation und vier auf einer allgemeinen Station. Durchschnittlich wurden die Patienten 19,7 Tage betreut. Es gibt aber auch einen, der schon seit 2011 versorgt wird.

Es gehe darum, schwerkranken und sterbenden Menschen Behutsamkeit, Wärme und Geborgenheit zu vermitteln, denn ein gutes Sterben ehre das ganze Leben. Zielgruppe von Anja Kussek, Judith Tutt und ihren drei weiteren Kolleginnen sind Patienten mit voranschreitenden und bereits weit fortgeschrittenen Erkrankungen sowie einer begrenzten Lebenserwartung, weil die Erkrankung nicht mehr auf eine heilende Behandlung anspricht. Höchste Priorität besitzt aus dem Grund bei ihnen die Beherrschung der Schmerzen, anderer Krankheitsbeschwerden sowie psychologischer, sozialer und spiritueller Probleme. Überwiegend leiden sie an Krebs, Morbus Parkinson im neurologischen Bereich, Lungen- und Herzerkrankungen. Bei ihrer Arbeit sind die Schwestern und Ärzte mit Angst, Unruhe, Übelkeit, Luftnot, Schmerzen oder Schwäche der zu betreuenden Personen konfrontiert, aber auch mit Sorgen wegen der Zukunft der Hinterbliebenen nach ihrem Ableben.

Eine palliativmedizinische Versorgung ist bereits seit 2007 gesetzlich klar geregelt. „Ziel unserer Arbeit ist es, die individuellen Bedürfnisse und Wünsche eines sterbenden Patienten und seiner Angehörigen in den Mittelpunkt zu stellen, insbesondere den Wunsch, die letzte Zeit möglichst zuhause weitgehend schmerz- und symptomfrei zu verbringen. Neun Ärzte aus Olpe, Kreuztal, Attendorn, Meinerzhagen, Halver, Lüdenscheid und Altena unterstützen die Arbeit der fünf Schwestern. Erstaunt waren die Mitglieder des Seniorenbeirates, als sie hörten, dass der Palliativmedizinische Konsiliardienst für die Koordination der Arbeit pro Patient gerade einmal nur 525 Euro von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe erhält.

Gemeldet werden die Patienten vom Klinikum, von Palliativstationen, Hospizen, Alten- und Pflegeheimen, Behinderteneinrichtungen, Beatmungs-WGs, wie es eine auch in Kierspe am Asternweg gibt, ambulanten Pflegediensten und natürlich auch Privatpersonen. Dabei ist und bleibt der behandelnde Hausarzt immer Dreh- und Angelpunkt des Geschehens, wie Anja Kussek und Judith Tutt informierten, denn er kenne den Menschen oft schon seit Jahren und es bestehe eine Vertrauensbasis. Er wird meist auch gefragt, ob eine Mitbetreuung durch den Konsiliardienst von ihm gewünscht wird.

Als erstes kommt es dann zu einem Hausbesuch, bei dem ein Aufnahmegespräch geführt wird. Dabei werden Schwierigkeiten ermittelt und Hilfestellungen angeboten beziehungsweise gleich koordiniert. „Es geht darum, den Menschen Sicherheit zu vermitteln“, so Kussek und Tutt, die darauf hinwiesen, dass sie und ihre Kolleginnen für die Patienten 24 Stunden am Tag erreichbar seien. Es existiert mittlerweile ein umfangreiches Netzwerk. Partner, mit denen kooperiert wird, sind ambulante Pflegedienste, Sanitätshäuser, Hospizvereine, eine Psychoonkologin, Spezialisten für Schmerzpumpenversorgung und Ernährung, Apotheken, Palliativstationen, Wundmanager sowie Alten-, Behinderten- und Pflegeeinrichtungen.

Als erstes wird in der akuten Situation ein Palliativarzt zugeordnet, mit dem in Abstimmung dann erforderlichenfalls auch schon Medikamente umgestellt und ein Notfallplan erstellt wird. Außerdem werden andere Berufsgruppen hinzugezogen und Hilfsmittel wie Pflegebett und Toilettenstuhl organisiert, berichteten die zwei Schwestern. Auf der Grundlage des Allgemeinzustandes des Patienten wird in Absprache mit Palliativarzt, Hausarzt und Patient dann festgelegt, ob eine Teilversorgung oder eine Vollversorgung angezeigt ist. Bei der Teilversorgung kann der Patient sich jederzeit telefonisch melden und bei Bedarf auch einen Hausbesuch anfordern. Ein Patient in Vollversorgung wird täglich durchschnittlich eineinhalb Stunden lang vom Palliativarzt und Palliative-Care-Team besucht.

„Sterben ist schwer auszuhalten“, gingen Anja Kussek und Judith Tutt auf eine ganz wichtige Aufgabe der Schwestern ein. Das gelinge nur, „weil wir ein so gutes Team haben“, stellen die beiden fest und wenden sich gegen die Tabuisierung des Sterbens in der Gesellschaft.

Anschließend standen in der Sitzung noch die Wahl eines Vorsitzenden und Vertreters an: Helga Stahl wurde einstimmig wiedergewählt und Johann Grella zu ihrem Vertreter bestimmt.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare