Stele erinnert an die Zwangsarbeiter

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Klaus Müller (links) und Rolf janßen hatten sich für die mahnende Erinnerung eingesetzt. ▪

KIERSPE ▪ Selbstmörder und Verbrecher wurden früher traditionell am Rand des Friedhofs bestattet. Und aus der Lage der Gräber der 27 Zwangsarbeiter, die in Kierspe den Tod fanden und auf dem Friedhof am Büscherweg begraben wurden, ist der Stellenwert der Menschen zu erkennen, die aus ihren Heimatländern verschleppt und als Sklaven in Kiersper Betrieben und in der Landwirtschaft ausgebeutet wurden.

Lediglich schlichte liegende Grabsteine erinnerten bislang an die Menschen, die fern ihrer Heimat starben und beerdigt wurden. Doch das hat sich nun geändert. Erinnert doch nun eine Stele samt Inschrift an die Zwangsarbeiter und ihr Schicksal.

Ursächlich dafür war eine Begehung des Friedhofs durch die Verwaltung und einen Vertreter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberstiftung vor rund zwei Jahren.

Dabei wurde auch der Soldatenfriedhof unter die Lupe genommen, auf dem Soldaten aus den beiden Weltkriegen ihre letzte Ruhe gefunden haben. Darunter etliche, die bei den Gefechten mit amerikanischen Einheiten am 11. April 1945 ums Leben kamen. Mittlerweile wiesen einige der rund 70 Granitkreuze Beschädigungen auf und wurden in der Folge der Begehung ersetzt oder repariert.

Auf deutlich mehr Arbeit wies der Vertreter der Kriegsgräberfürsorge beim sogenannten Zwangsarbeiterfeld hin. Dort monierte er eine Hecke, die die Grabstätten am Rande des Friedhofs noch zusätzlich von den anderen Gräbern abtrennte, außerdem waren die Grabsteine durch Witterungseinflüsse so stark in Mitleidenschaft gezogen worden, dass sie mittlerweile nicht mehr lesbar waren.

Die Grabsteine wurden danach ebenfalls durch neue, in Lüdenscheid hergestellte, sogenannte Kissensteine ersetzt. Die Kosten dafür wurden von der Kriegsgräberfürsorge und damit vom Land übernommen. So sieht es das Gräbergesetz von 1965 vor, das nicht nur regelt, wer die Kosten für solche Maßnahmen zu tragen hat, sondern auch, welche Grabstätten als Kriegsgräber gelten.

„Wir wollten aber nicht nur die Steine erneuern, sondern auch darauf hinweisen, wer an dieser Stelle seine letzte Ruhe gefunden hat“, so Klaus Müller, der beim Tiefbauamt für die Kiersper Friedhöfe zuständig ist. Da traf es sich gut, dass der geschichtlich an der Zwangsarbeit sehr interessierte Rolf Janßen sich mit der gleichen Idee an die Stadt wandte. Gemeinsam mit dem Historiker Werner Sinnwell aus Halver, der bereits zwei Bücher zum Thema Zwangsarbeit verfasst hatte, wurde überlegt, mit welcher Inschrift eine Stele versehen werden sollte, die von der Stadt angeschafft wurde. Schließlich verständigte man sich auf folgenden Text: „Zur Erinnerung an die zwischen 1939 und 1945 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppten Menschen. Hier ruhen 19 Frauen und Männer sowie acht Kinder aus Polen und der Sowjetunion, die in Kierspe den Tod fanden.“

Insgesamt waren rund 1400 Zwangsarbeiter während der Kriegszeit in Kierspe, in dem damals keine 7000 Menschen lebten. Der größte Teil von ihnen musste als Arbeitssklaven in 31 Kiersper Firmen arbeiten, 350 wurden in den landwirtschaftlichen Betrieben eingesetzt.

Leben mussten die Verschleppten zum größten Teil unter schlimmsten hygienischen Bedingungen in zehn Lagern in Kierspe, wobei allein die Hälfte der Zwangsarbeiter im Lager Ebenstück inhaftiert wurde (das Lager befand sich damals in etwa dort, wo heute die katholische Kirche steht). Von diesem Lager aus mussten die Verschleppten jeden Tag zu ihrem Arbeitsplatz in eine von 15 Kiersper Firmen gehen.

In diesem Lager starben auch die meisten Zwangsarbeiter, unter anderem auch alle Kinder, die entweder mit ihren Müttern verschleppt wurden oder im Lager zur Welt kamen. Unter ihnen auch das jüngste Opfer der Versklavung – ein Säugling, der am Tag seiner Geburt starb. Die älteste in Kierspe verstorbene Zwangsarbeiterin war allerdings in einem anderen Lager untergebracht. Mit 75 Jahren starb Anna Jakusch am 14. Februar 1044. Als Todesursache war Altersschwäche vermerkt.

Die Namen und Daten der Zwangsarbeiter finden sich genau wie die Strebeurkunden im Archiv der Stadt, da die Zwangsarbeiter ironischerweise als Einwohner der Stadt gezählt wurden. Für Janßen ein glücklicher Umstand, wollte er doch mit seiner Forschungsarbeit zu den Verstorbenen diese aus der Anonymität holen. ▪ Johannes Becker

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