Von Kirche gefällte Kastanie löst heftige Kritik aus

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Ob die 150 Jahre alte, unter Schutz stehende Kastanie der evangelischen Kirchengemeinde wirklich so geschädigt war, dass sie gefällt werden musste, daran wurden Zweifel laut. Auf jeden Fall jedoch erkannte der Stadtrat klare Verfahrensverstöße. ▪

KIERSPE ▪ Um den Jahreswechsel fiel der mächtige Baum der Motorsäge zum Opfer. Die evangelische Kirchengemeinde hatte die Fällung veranlasst. Im Rat herrschte am Dienstag heftige und deutlich spürbare Verärgerung darüber, dass dies ohne weitere Abstimmung mit der Stadt passierte.

Und dies, obwohl die Kastanie im Baumschutzkataster steht. Die rund 150 Jahre alte Kastanie stand einst markant vor dem alten Pastorat am Büscherweg, in dem sich der Kindergarten Abenteuerland befindet. Vorwürfe musste sich vor allem der Grüne Hermann Reyher gefallen lassen, weil er im August des vergangenen Jahres bei der Begutachtung des Baumes durch die Baumarbeitsgruppe mit dabei gewesen war und er als Mitglied des Presbyteriums dann am Entscheidungsprozess in der Kirchengemeinde beteiligt war. Unmut zeigten einige Kommunalpolitiker vor allem, weil von Reyher eigentlich eine hochsensible Herangehensweise erwartet hätte werden müssen, da er sich immer so sehr für den Erhalt der Kastanienallee bei der Isenburg engagiert hatte. Von dem FDP-Politiker Jürgen Rothstein musste sich der Grüne sogar den Vorwurf gefallen lassen, dass der Baum mit „auf sein Betreiben“ beseitigt worden sei.

Die Aktion ist natürlich unumkehrbar, trotzdem wollte der Rat wissen, wie das passieren konnte. Aber auch nach den verschiedenen Aufklärungsversuchen, bleiben die Zusammenhänge letztlich einigermaßen undurchsichtig: Bürgermeister Frank Emde informierte, dass die Kommune nach der Besichtigung des Baumes durch die Arbeitsgruppe den Eigentümer lediglich aufgefordert habe, Pflegeschnitte vorzunehmen und ein Gutachten erstellen zu lassen. Danach sollten die Ergebnisse der Stadt mitgeteilt werden. Letzteres aber sei nicht passiert, ergänzte der Beigeordnete Olaf Stelse. Und auch Emde übte Kritik: „Es ist nicht so vorgegangen worden, wie wir es erbeten hatten, und daher sind wir überhaupt nicht erfreut.“ In solchen Fällen würden stets Maßnahmen ergriffen, die künftig ähnlich gelagerte Fälle ausschließen sollten.

Von dem UWG-Ratsmitglied Clemens Wieland wurde provokativ gefragt: „...wenn das eine Privatperson gemacht hätte.“ Hier werde mit zweierlei Maß gemessen, es sei mit fehlender Sensibilität vorgegangen worden, so sein knallharter Vorwurf.

Hermann Reyher selbst warf ein, dass die Versicherung der Gemeinde erklärt habe, nicht bereit zu sein, etwaige Schäden zu decken, wenn der Baum krank sei. Und er schilderte zudem den Fall eines Pfarrers aus dem Paderborner Raum, der strafversetzt wurde, weil vor einem kirchlichen Gebäude ein Mensch durch einen Baum oder Ast erschlagen wurde, und die folgende staatsanwaltliche Untersuchung ergab, dass es Versäumnisse bei der Kontrolle und Pflege gegeben habe. Außerdem erwähnte er, im Presbyterium dafür gesorgt zu haben, dass eine Ersatzpflanzung vorgenommen wird, und sprach dabei von einer Linde. Gestern betonte er außerdem, verhindert zu haben, dass die nun entstandene Freifläche zur Schaffung von mehr Parkplätzen vor dem Kindergarten genutzt wird.

Der Presbyteriumsvorsitzende Reiner Fröhlich berichtete gestern, dass nach dem städtischen Brief aus dem September, in dem auf Baumschäden mit Flüssigkeitsaustritt hingewiesen und ein Gutachten gefordert worden sei, ein Fachmann mit der Begutachtung dieses und anderer Bäume auf den Grundstücken der evangelischen Kirchengemeinde beauftragt worden sei, tatsächlich von diesem dann jedoch kein Gutachten vorgelegt worden sei.

Daraufhin habe die Gemeinde einen „Kiersper, der täglich mit Bäumen zu tun hat“, so Fröhlich, gebeten, sich die Kastanie anzusehen. Mit einem Beiltest sei Rinde entfernt worden und ein Befall durch den Austernseitling an zwei Seiten des Stammes festgestellt worden. Darüber sei die Baumarbeitsgruppe der Stadt informiert worden. Zudem sei von der Kindergartenleiterin berichtet worden, dass die Kastanie im Sommer „kaum Blätter und auch keine Früchte getragen“ habe. Auch sie hatte auf ein mögliches Gefährdungspotenzial hingewiesen.

„Für uns war klar, dass von dem Baum eine Gefahr für die Kindergarten- und Schulkinder sowie auch andere Fußgänger ausgehen könnte. Und bei Gefahr im Verzug, musste der Baum ab. Daher haben wir kurz vor Weihnachten die Fällung in Auftrag gegeben“, rechtfertigte der Pfarrer die Aktion, räumte dann aber zugleich große Kommunikationsmängel ein. Fakt bleibt darüber hinaus, dass ein Nachweis über das Vorliegen eines Gefährdungspotenzials nicht erbracht wurde. ▪ Rolf Haase

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