Mit dem Kleinbus auf Tour durch Kierspe

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Mit dem Kleinbus auf Tour durch Kierspe

Kierspe - „Eine Reise durch die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der Stadt“: Unter diesem Motto stand am Sonntagnachmittag eine der ersten Rundfahrten des Stadtmarketingvereins durch Kierspe.

Für die Kiersper soll diese Aktion die Möglichkeit schaffen, ihre Heimatstadt aus einem anderen Blickwinkel kennen zu lernen. Für mich ist es die Chance, die Kommune von Grund auf neu zu entdecken. Eingeladen zu dieser Fahrt hat der Stadtmarketingverein Kierspe, der sich bereits vor der Abfahrt als ein guter Gastgeber erweist. Denn zur Einstimmung begrüßt Svenja Kelm, die Geschäftsführerin des Vereins, ihre Gäste mit einem ersten freundlichen „Hallo“ und einem Gläschen Sekt in Rathaus-Foyer.

Beim gemeinsamen Anstoßen fällt mir das Kennenlernen meiner Mitfahrer leicht: Mit mir an Bord des kleinen, blauen Busses werden unter anderem Bürgermeister Frank Emde und die erste Vorsitzende des Stadtmarketingvereins Dagmar Schröder Becker sowie gleich drei Stadtführer gehen. Der Stadtheimatpfleger Hans Ludwig Knau, Silvia Baukloh, Leiterin des Fritz-Linde-Museums und Clemens Wieland werden auf der rund zweistündigen Fahrt ihr Stadtwissen mit uns teilen.

Vier solcher Fahrten an festgelegten Terminen soll es in den kommenden Monaten geben, sagen der Initiatoren. Für 5 Euro – Kinder bis zwölf Jahre fahren kostenlos – geht es am 24. April, 31. Juli, 4. September und 9. Oktober durch die Stadt.

Stadtmarketingverein ermöglicht anderen Blick auf Kierspe

Pünktlich um 14 Uhr gehen für uns die Türen des Kleinbusses auf. Der Motor tuckert bereits seelenruhig vor sich hin, als ich den Einstieg hochklettere. Doch bevor wir überhaupt losfahren, erhebt Stadtführer Clemens seine Stimme. Denn der erste Punkt auf unserer 32 Kilometer langen Tour ist das Kiersper Rathaus. „Das Gebäude steht für die jüngste Entwicklung der Stadt. Der Einzug der Stadtverwaltung fand im Jahr 1986 statt. Vorher war hier eine Schraubenfabrik ansässig“, erklärt Wieland. Auch der Brunnen auf dem Vorplatz hat seine Geschichte. Er stamme von Waldemar Wien, der tatsächlich sogenannte „Afrikaspaten“ der Firma Kattwinkel zu einer Skulptur zusammengefügt hat, erfahren wir von unserem Stadtführer.

Kiersper Straßen im Wandel der Zeit

Mit einem Ruck setzt sich der Bus mit den insgesamt 24 Insassen in Bewegung. Vorbei am Beethaus der Baptistengemeinde geht es über die Thingslindestraße, die Jahrhunderte lang laut Geschichtsexperte Hans Ludwig Knau die Hauptverkehrsstraße war, zum gleichnamigen Baum. „Die alte Straße war früher so bedeutend wie die heutige A 45. Nur leider führte die Verbindung von Frankfurt nach Antwerpen am Dorfkern vorbei. Das hatte vielen Kierspern damals gestunken.“ Heute würden sie sich sicher freuen, wenn sie nicht an einer Hauptstraße wohnen müssten, denke ich, während wir unseren Weg fortsetzen.

Den Ländlichen Fahr- und Reitverein in Niederhohenholten, damals eine der wichtigsten Bauernschaften Kierspes, lassen wir rechts an uns vorbeiziehen und steuern geradewegs auf den Fritz-Linde-Stein zu, der für seinen Namensgeber 1952 als Denkmal gesetzt wurde. Dieser Findling soll mehrere hundert Meter weiter gefunden und zu dieser Stelle geschleppt worden sein, erklärt Silvia Baukloh. Den Boxerclub sehen wir nicht, erfahren aber, dass es rund 1220 angemeldete Hunde und weit über 100 Vereine mit unterschiedlichsten Ausrichtungen in der Stadt gibt.

Industrie-Revolution durch Bakelit

Unseren ersten Stopp legen wir schließlich am Alten Amtshaus ein. Das dort beheimatete Bakelitmuseum ist eines von vier Museen im Stadtgebiet. Fast im Laufschritt geht es die steile Treppe hinauf. Im Inneren werfen wir einen kurzen Blick auf alte Telefone, Wärmelampen, Radios und ein Röntgengerät. Sie alle stehen für die Entwicklung der Bakelit-Industrie in Kierspe – der leichte, kostengünstige Kunststoff, der gepresst wurde, löste eine Revolution in der Herstellung von technischen Artikeln aus. Der letzte Blick, bevor es wieder ins Freie und zurück in den Bus geht, fällt auf das farbenfrohe Stadtwappen an der Wand; von oben grüßt uns der Rauk, der über dem Märkischen Schachbalken und dem Bergischen Löwen thront.

Weiter geht es über die L 528 durch die Eierkurven bei Kotthaus. Das viele Grün dort fällt dem aufmerksamen Betrachter ins Auge. „Das Stadtgebiet umfasst 71,62 Quadratkilometer, doch nur rund zehn Prozent davon sind bebaut“, teilen uns die Stadtführer mit. „Ja, wir haben auch Tourismus. Und die Aufenthaltsdauer in Kierspe ist sogar höher als im Durchschnitt im gesamten Kreis“, sagt Wieland, der findet, dass da aber noch Luft nach oben ist.

Zum Ursprung der Stadt Kierspe

In gemächlichen Tempo ruckelt der Bus weiter über die teilweise engen Straßen Richtung Kerspetalsperre und zum Haus Rhade, wo Historiker wie Hans Ludwig Knau den Ursprung der Stadt Kierspe belegt sehen. Bereits 1003 sei dieser Ort in einer alten klösterlichen Schrift erwähnt, sagt Knau. Die Zeit wird langsam knapp, ein Ausstieg und ein Blick in den Innenhof des alten Gemäuers bleibt uns verwehrt.

Zügig setzen wir unsere Fahrt fort, entlang der B 54 durch Kierspe-Bollwerk, vorbei am Jubach hoch zur Talsperre. Während der Busfahrer sein Gefährt dreht, erfahren wir, dass nach dem Zweiten Weltkrieg einen Munitionsexplosion Teile der Sperrmauer zerstörten. Weiter gehts, der Bahnlinie entlang zum Schleiper Hammer. Dort haben wir einen kurzen Moment, um einen Blick auf die vielen Hämmer, Fräsmaschinen, Pressen und Werkstücke zu werfen, bevor es wieder in den Bus geht.

An der Freien Schule vorbei, die früher erst ein Hammerwerk, dann ein Heim für gefallene Mädchen war, fahren wir nach Kierspe-Bahnhof, dem „heutigen Sorgenkind der Stadt“, wie Wieland sagt. „Früher ließen Firmen wie Bender und Wirth und die Eisenbahn diesen Ortsteil aufleben.“

Endspurt auf Kölner Straße

Ein Stück Zukunft der Stadt erhaschen wir auf dem Gelände, wo einmal der Volmefreizeitpark zum Verweilen einladen soll. Wieland: „Der industrielle Rückbau und die interkommunale Zusammenarbeit lassen hier Naherholungsmöglichkeiten entstehen.“

Unsere Tour neigt sich dem Ende zu. Über die Kölner Straße, wo normalerweise in der Woche unzählige Lkw ihren Weg in die Stadt und zu den Gewerbegebieten finden, geht es vorbei an der Christuskirche und durch das Gewerbegebiet Wildenkuhlen, in dem einige der rund 1131 angemeldeten Gewerbebetriebe in der Stadt ansässig sind.

Am Sportplatz und Räukepütt vorbei, führt uns die Tour zum im Kreis einzigartigen Fußballgolfplatz und zur Gesamtschule und zum Bürgerzentrum. Nach einem kurzen Blick aufs Fritz-Linde-Museum und der Margarethenkirche, fahren wir vorbei am Ehrenhain und dem Friedhof. Im Kreisverkehr am Haunerbusch begrüßen wir die zahlreichen Hühnerskulpturen und sehen die katholische Pfarrkirche St. Josef bevor wir schon aus der Ferne das Rathaus erblicken können.

Viele Eindrücke habe ich auf der Rundfahrt sammeln können, vieles Neue habe ich von den drei Stadtführern dazugelernt und fühle mich in meiner beruflichen Heimat nun ein bisschen heimischer.

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