Reliquie von Papst Johannes Paul II. kommt nach Kierspe

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Gregor Myrda und Ulrich Jatzkowski sind sich einig, dass die Reliquie ein besonderes Geschenk für die Gemeinde ist.

Kierspe - Die Katholische Gemeinde St. Josef bekommt am kommenden Sonntag durch den Erzbischof Mieczyslaw Mokrzycki aus Lemberg in der Ukraine eine Reliquie des Heiligen Papstes Johannes Paul II. (1978 bis 2005) überreicht. Die Messe, an der auch Domkapitular Johannes Broxtermann aus Lüdenscheid teilnehmen wird, beginnt um 10 Uhr.

Vor diesem Ereignis führte Gemeindemitglied Laura Schönwies ein Gespräch mit Gregor Myrda, Pfarrer der Gemeinde, und Ulrich Jatzkowski, Vorsitzender des Gemeinderats, über dieses besondere Geschenk.

Gregor Myrda, wie kam es dazu, dass unsere Gemeinde diese Reliquie von Papst Johannes Paul II. bekommt? 

Pastor Gregor Myrda: Die Idee, es zu versuchen, ist mir im vergangenen Jahr im Dezember gekommen. Ich wusste, dass der Erzbischof persönlicher Sekretär von Johannes Paul II. war. Wir kennen uns durch unsere Arbeit für das Hilfswerk Renovabis. Deshalb habe ich ihn gefragt, ob die Möglichkeit bestände, eine Reliquie zu bekommen. Es hieß, ich müsste unseren Essener Bischof, Franz Josef Overbeck, um Erlaubnis bitten, ob wir die Reliquie haben dürfen. Bischof Overbeck hat mir direkt „grünes Licht“ gegeben. Er sagte, er würde sich sehr mit uns über „dieses wunderbare Geschenk“ freuen. 

Warum muss der Essener Bischof gefragt werden, ob die Gemeinde die Reliquie bekommen darf? 

Ulrich Jatzkowski: Das Bistum ist sicher interessiert daran zu wissen, wo welche Reliquien stehen. Reliquien sollen an zentralen Orten aufbewahrt werden, wo viele Menschen sie verehren können. 

Was ist der Unterschied zwischen Verehrung und Anbetung? 

Myrda: Heilige sind für uns Mittler zwischen den Menschen und Gott, sie sind aber nicht Gott selbst. In der katholischen Kirche kennen wir eine Reihe an Menschen, die etwas Besonderes in ihrem Leben getan haben. Wir ehren sie dafür und erinnern uns an Gedenktagen an ihre großen Taten. 

Gemeindemitglied und Nachwuchs-Journalistin Laura Schönwies im Gespräch mit Gregor Myrda, Pfarrer der Gemeinde.

Jatzkowski: Wenn ich jemanden anbete, stelle ich ihn eine Stufe höher, als wenn ich ihn nur verehre. Verehrung bedeutet für mich Achtung vor einem Menschen zu haben, Achtung vor seiner Lebensleistung und vor seinem Tun. Wenn wir dich jetzt für deine Arbeit achten, ist das auch eine Form von Verehrung.

Was wird der Besitz der Reliquie für Auswirkungen auf die Gemeinde haben? 

Jatzkowski: Wir wollen keine Wallfahrtsstätte werden, auf keinen Fall. Für uns ist es ein Geschenk, das der Pastor unserer Gemeinde bekommen hat. Man kann diese Geste als Achtung seiner Arbeit verstehen. Daher habe ich mich unheimlich für Gregor gefreut. Gleichzeitig wird in einer Heiligsprechung aber auch deutlich, dass die Person weltweit und öffentlich verehrt wird. Deshalb wäre es schade, wenn Pastor Myrda die Reliquie Johannes Pauls „im Wohnzimmer verschließen würde.“ 

Was macht Johannes Paul II. zu einer besonderen Person? 

Myrda: Für uns ist er eine besondere Person, weil wir ihn aus seinen Lebzeiten so gut kennen. Selbst Jugendliche, die jetzt zur Firmung gehen, haben ihn noch in seinem Amt erlebt. Ich denke, dass eine unbekannte Person nicht die gleiche Anziehungskraft auf uns hätte. 

Jatzkowski: Und nicht nur auf uns. Wir haben sehr viele polnisch-stämmige Gemeindemitglieder und für sie ist dieser Papst ein Sinnbild für Freiheit, dass sie ihren Glauben leben konnten. Daher glaube ich, dass sie dieser Reliquie ganz anders gegenüberstehen als deutsche Katholiken.

Und was macht ihn zum „Heiligen“? 

Myrda: Wir sind zunächst einmal alle heilig. Durch unsere Taufe nehmen wir Christus an und sollen zum Heil für die Anderen wirken. Ich denke, dass Johannes Paul das in seinem Pontifikat besonders eindrucksvoll gelebt hat, wenn er uns daran erinnert hat, dass wir „keine Angst vor der Welt haben sollen.“ 

Jatzkowski: Das denke ich auch. Dieser Papst war in unserem Zeitalter einer der herausragendsten Christen. Er war darum bemüht, alle Religionen miteinander zu verbinden. Das interreligiöse Friedenstreffen in Assisi ist auf seine Initiative hin entstanden. Er war als erster Papst in einer Moschee und hat dort gebetet, er hat auch vor der Klagemauer gebetet. Dieser Mann ist für mich durch die Art, wie er sein Amt ausgeführt und seinen Glauben gelebt hat, ein Vorbild. Vorbilder nennen wir in der katholischen Kirche „Heilige“.

Wann haben sich seine Qualitäten besonders gezeigt? 

Ulrich Jatzkowski, Vorsitzender des Gemeinderats, möchte aus Kierspe keine Wallfahrtsstätte machen.

Jatzkowski: Nehmen wir zum Beispiel das Attentat, dass auf ihn stattgefunden hat. Er hat dem Menschen, der ihm dieses Leid zugefügt hat, vor aller Weltöffentlichkeit – nicht aus Show – sondern aus tiefstem Herzen vergeben. Ich glaube, davor kann man den Hut ziehen. Und ich halte diesen Papst mitverantwortlich dafür, dass wir in Europa wieder völlig ohne Grenzen leben können. Die globalen Auswirkungen seiner Taten konnte man an seiner Trauerfeier ablesen, die in zig Länder weltweit übertragen worden ist. Da waren so viele Staats- und Regierungschefs zugegen – ein starkes Bild für sein Wirken. 

Myrda: Das sehe ich auch so. Wir haben ihm den Zusammenbruch des gesamten kommunistischen Machtbereiches zu verdanken. Er war ein Brückenbauer zwischen Ost und West. Menschen über Nationen hinweg zu verbinden ist auch heute wieder besonders aktuell. Außerdem hat er sein Pontifikat auch in Krankheit und Schwäche ausgeführt. Nach wie vor ist er in den Köpfen präsent.

Könnte man nicht einfach ein Foto des Papstes aufhängen? 

Jatzkowski: Eine Reliquie ist viel greifbarer als ein Foto. Fotos sind heute hunderttausendfach reproduzierbar und können innerhalb kürzester Zeit über den ganzen Globus verteilt werden. Aber diese Reliquie ist eine handfeste Sache, die nicht jeder hat.

Die Gemeinde bekommt ausgerechnet eine Reliquie im Jahr des 500. Reformationsgedenkens geschenkt. Wie förderlich oder auch wie hinderlich ist dieses Geschenk für die Ökumene vor Ort? 

Jatzkowski: Ich persönlich halte es nicht für einen Hinderungsgrund. Gerade bei uns in Kierspe ist die ökumenische Zusammenarbeit sehr gut, das sollte doch nun wirklich kein Trennungsgrund sein; und eine Verpflichtung zur Verehrung besteht ja weder für Katholiken noch für Protestanten.

Ist es nachvollziehbar, dass andere Christen Schwierigkeiten mit der Reliquien-Verehrung haben? 

Jatzkowski: Also, ich habe durchaus Verständnis dafür, dass es Menschen gibt, die damit Probleme haben. Ich glaube nicht, dass man dann versuchen sollte, die Leute davon zu überzeugen. Jeder sollte nach seiner Fasson seinen Glauben leben können, glücklich sein und das friedlich mit anderen tun. Aber für uns Katholiken, und auch für die Orthodoxen, sind Reliquien ein Zeichen der Gegenwart eines besonderen Christen – und damit auch ein Zeichen der Gegenwart Gottes. Letztendlich verweisen die Reliquien immer auf Gott, wenn wir die Heiligen als Fürsprecher bei Gott anrufen. Mir tut es gut zu wissen, dass die Heiligen, von denen die Reliquien stammen, sich im Glauben und Leben manchmal genauso abgestrampelt haben wie wir; Zweifelnde und Glaubende, Suchende und Fragende waren. 

Myrda: Ich bemerke oft, wie Menschen schon zusammenzucken, wenn sie das Wort „Reliquie“ nur hören. Bei ihnen spielen sich wohl Schauerfantasien im Kopf ab, dass man einen Toten verstümmeln würde. Natürlich sind Reliquien in erster Linie immer körperliche Teile eines Menschen. Wir haben hier Haare von Johannes Paul. Außerdem haben Reliquien auch was mit Liebe zu einer Person zu tun. Jeder von uns hat solche „Reliquien“ zu Hause: Dinge, die ihn an Freunde, Ehepartner, Eltern oder Kinder erinnern und damit etwas Besonderes sind. Ich freue mich, dass wir die Reliquie bekommen.

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