„Die Sprache ist der erste Schritt zur Integration“

Vera Esser ist eine der „Deutschlehrerinnen“, die zweimal die Woche ins Gemeindehaus kommen.

Kierspe - Es ist eine bunt gemischte Gruppe, die sich da Woche für Woche im Gemeindehaus Vollme am Herlinghauser Weg einfindet, um gemeinsam Deutsch zu lernen. Aus Eritrea, Syrien und dem Irak stammen die jungen Männer, die gemeinsam die „Schulbank“ drücken.

Von Johannes Becker

Dass sie überhaupt die Sprache lernen können, verdanken sie vor allem den ehrenamtlichen „Lehrern“, aber auch der Spende einer Kiersper Unternehmerin.

Auf dem Tisch im Gemeindehaus Vollme liegen Prospekte heimischer Supermärkte. Damit sollen die jungen Männer, die von Vera Esser und Jörg Schorn unterrichtet werden, ein Gefühl für die Themen Ernährung und Einkaufen bekommen, die an diesem Tag auf dem Stundenplan stehen. „Wir haben unseren Kindern Deutsch beigebracht, dann wird das hier wohl auch klappen“, sagt Jörg Schorn, der früher sein Geld als Arzt verdiente und heute „Freizeit genug hat, um anderen Menschen zu helfen.“ Gemeinsam mit Vera Esser kommt er zweimal die Woche ins Gemeindehaus und unterrichtet die Flüchtlinge, die wenige Meter weiter in der städtischen Unterkunft wohnen, in seiner Muttersprache, die in den Ohren der Menschen aus dem arabischen Raum seltsam fremd klingen muss. „Die jungen Männer haben bisher vor allem Arabisch gesprochen und geschrieben, da ist Deutsch schon eine große Umgewöhnung“, so Schorn weiter. Doch es klappt ganz gut. Auch deshalb, weil die Unterrichtenden auf ein Lehrbuch zurückgreifen können, das so konzipiert ist, dass Erwachsene die Sprache in ihren Grundzügen erlernen können.

Die Anschaffung des Lehrmaterials war nur möglich, weil Frauke Brader-Vollmerhaus, Geschäftsführerin der Firma Pollmann & Sohn, 1000 Euro gespendet hatte. „Ich wollte gezielt helfen. Deshalb habe ich für den Unterricht gespendet. Denn ich glaube, dass das Beherrschen der Sprache der erste Schritt zur Integration ist“, erzählt die Unternehmerin.

Das sieht Vera Esser genauso und hat sich deshalb auch für den Unterricht gemeldet. „Ich bin keine Pädagogin und überrascht, wie gut das hier klappt“, erklärt die Kiersperin und möchte weiteren Menschen Mut machen, sich für diese Arbeit zur Verfügung zu stellen. Das bestätigt auch Hubert Sudahl – und der muss es wissen, schließlich ist er der einzige Pädagoge im Gemeindehaus an diesem Vormittag. Er ist auch eher zufällig dort, denn er musste aus Termingründen den Unterrichtstag tauschen. Den jungen Männern, die er unterrichtet, ist das aber sicher egal. Wichtig ist ihnen vor allem, dass überhaupt jemand die Zeit findet, sich mit ihnen zu beschäftigen und sie zu begleiten in dem unbekannten und derzeit auch sehr kalten Land.

Umgekehrt sind die „Lehrer“ aber auch von ihren Schülern sehr begeistert. Schorn: „Alle sind extrem freundlich und hoch motiviert. Das ist schon erstaunlich. Denn die Gruppe ist sehr unterschiedlich zusammengesetzt.“ So gebe es in der Gruppe im Gemeindehaus einen ausgebildeten Juristen, einen Studenten der Informatik aber auch Lernende, die lediglich drei oder vier Jahre Schulbildung hätten.

Neben den beiden Gruppen in Vollme gibt es auch noch Unterricht im DRK-Heim am Heideweg, in zwei Wohnungen an der Kölner Straße und für vier jüngere Flüchtlinge an der Gesamtschule, die diese als Gastschüler besuchen.

Vorbereitet wurden die „Lehrer“ von VHS-Mitarbeitern, die in Integrationskursen unterrichten. „Doch ich denke auch ohne diese Einführungist es für jeden, der Interesse hat, möglich, Deutschunterricht zu geben.

Ist der Status der Flüchtlinge geklärt, dürfen jene, die im Land bleiben dürfen, auch einen Integrationskursus besuchen. Für diese Menschen endet dann der ehrenamtlich erteilte Unterricht. Doch die Helfer machen sich keine Gedanken darüber, dass sie bald keinen Unterricht mehr geben müssen. Denn derzeit kommen nahezu wöchentlich zwei neue Flüchtlinge nach Kierspe.

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