Soziales Bürgerzentrum in Sorge

Weiblich, ledig, alt und – arm

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Gerade Frauen sind von Altersarmut bedroht. Befürchtet wird, dass die Zahl der Betroffenen noch deutlich zunimmt.

Kierspe - Altersarmut in Kierspe? Wenn, dann betrifft das in erste Linie ältere Frauen in der Volmestadt. Warum ist das so und gibt es Lösungen?

Wer in Kierspe über Altersarmut spricht, spricht vor allem über die Armut älterer Frauen, das sind die Erfahrungen von Rita Kattwinkel und Wolfgang Koll vom Sozialen Bürgerzentrum Hand in Hand. Beide befürchten aber, dass sich die Situation in den kommenden Jahren verändert und verschärft.

„Wer ein Leben lang vollzeit gearbeitet hat, der wird sicher immer mehr Rente bekommen als ein Sozialhilfeempfänger an Leistungen bezieht. Doch die Menschen, die eine gestörte Arbeitsbiografie haben, haben auch Probleme, mit ihrer Rente auszukommen“, sagt Rita Kattwinkel. Die Rönsahlerin ist nicht nur bei Hand in Hand engagiert, sondern war viele Jahre auch Leiterin des Fachbereichs Soziales bei der Stadtverwaltung Kierspe.

Weniger in die Rentenkasse eingezahlt

Wenn Kattwinkel über gestörte Arbeitsbiografien spricht, dann meint sie damit Menschen, die aufgrund von Kindererziehung oder Teilzeitbeschäftigung nicht so viel in die Rentenkasse einbezahlen konnten wie diejenigen, die vollzeit tätig waren. „Deshalb sind es in erster Linie Frauen, die von Altersarmut betroffen sind“, da ist sich Kattwinkel sicher. Und diese Aussage decke sich auch mit dem, was sie im Sozialen Bürgerzentrum erlebe.

Erst nach langem Überlegen fallen ihr und Koll ein älteres Ehepaar ein, das regelmäßig zur Lebensmittelausgabe kommt. „Ansonsten sind das eben vor allem ältere Frauen. Darunter aber auch solche, die gar nicht gearbeitet haben und deren Witwenrente nicht zum Leben reicht.“

Viele Renten der Kiersper Frauen in dieser Situation lägen zwischen 600 und 900 Euro, weiß sie noch aus ihrer beruflichen Praxis. Ziehe man da die Miete ab, dann bleibe nicht mehr viel zum Leben. 

Auch in ihrem beruflichen Leben seien fast nur Frauen in die Verwaltung gekommen, um die sogenannte Grundsicherung im Alter zu beantragen. „Allerdings gab es in den letzten Jahren meines Berufslebens einige Ausnahmen, da kamen dann auch ,kleine’ Selbstständige, die fürs Alter nicht ausreichend vorgesorgt hatten, zum großen Teil, weil ihnen das auch nicht möglich war“, erzählt Kattwinkel.

"Viele Scheinselbstständige sind von Altersarmut bedroht"

„Ich rechne damit, dass in diesem Bereich in Zukunft aber noch mehr kommt. Viele Scheinselbstständige und Menschen, die als sogenannte Ich-AG arbeiten, sind von Altersarmut bedroht. Man kann auch sagen, dass alle Arbeitsrechtsreformen, die im Zusammenhang mit der Agenda 2010 und der Hartz-IV-Gesetzgeben zu tun haben, vermuten lassen, dass die Altersarmut zunimmt“, formuliert es Wolfgang Koll. 

Einig ist er sich mit Kattwinkel auch darin, dass es durch die große Zahl der Alleinerziehenden auch ein großes Potenzial an Menschen gebe, die von Armut im Alter betroffen sein könnten. Kattwinkel: „Und das werden auch wieder in erster Linie Frauen sein.“

Sicher sind sich die beiden auch, dass nur ein kleiner Teil der Menschen, die eine Berechtigung haben, Lebensmittel im Sozialen Bürgerzentrum zu bekommen, diese auch abholen würden. So teilt Koll mit, dass es Ende des vergangenen Jahres 492 Menschen mit einer Berechtigungskarte gegeben habe, von diesen aber beispielsweise im Februar nur 152 zur Lebensmittelausgabe gekommen seien. 

Er weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich hinter den 492 Berechtigten aufgrund der familiären Situation 914 Menschen verbergen würden, bei den 152, die im Februar kamen, sind es 375. „Das ist bei den älteren Frauen, die aufgrund ihrer geringen Renten zu uns kommen, sicher nicht anders“, sagt Kattwinkel und verweist zu dem noch auf all die, die sich erst gar keine Berechtigungskarte ausstellen lassen würden. 

„Ich kann nur jedem raten, der einen Anspruch auf die Karte hat, diese auch zu nehmen und zu uns zu kommen. Denn das Geld, das durch die gespendeten Lebensmittel gespart wird, kann an anderer Stelle ausgegeben werden“, so Kattwinkel weiter. Viele Menschen hätten gerade bei ihrem ersten Besuch eine gewisse Scheu, wenn sie ins Soziale Bürgerzentrum des Vereins Hand in Hand an der Fritz-Linde-Straße kämen. Kattwinkel: „Die verliert sich aber schnell, wenn sie erst mal hier sind und merken, dass sie nicht alleine sind. Oft erkennen wir die Erstbesucher sofort. Dann liegt es an uns Mitarbeitern, wie wir auf sie zugehen.“ 

Viele Menschen würden, wären sie erst einmal im Bürgerzentrum, auch regelmäßig zum Kaffeetrinken mittwochs wiederkommen. „Dort gibt es die Tasse Kaffee für 30 Cent und eine Waffel für 60 Cent. Das können sich auch Menschen leisten, die sonst nie außer Haus essen können. Hier kommen sie ins Gespräch und können die Angebote von Hand in Hand kennenlernen“, so Koll und Kattwinkel abschließend.

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