Shahin Rahimi lebt seit gut drei Jahren in Deutschland

Shahin bedeutet „Falke“

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In Form einer Wandzeitung erläutert Rahimi seine Flucht und die Gründe, die dazu führten.

Kierspe - Wie lange dauert Integration? Monate? Jahre? Möglicherweise sogar Jahrzehnte? Shahin Rahimi Ghabagh Tappeh lebt seit gut drei Jahren in Deutschland, im Dezember 2016 berichtete die MZ über ihn. Wie ist es seitdem weitergegangen mit dem inzwischen 27-jährigen Iraner?

Im Rahmen einer großen Informationsveranstaltung von „Menschen helfen“ war auch Rahimi mit einer eigenen Ausstellung vertreten. Er hatte eine Wandzeitung gestaltet mit Fotos von seiner Flucht, aber auch von seinem Leben in Kierspe. Deutlich wurde dabei zweierlei: Die Erfahrungen der Flucht sitzen tief, vergessen ist nichts. Und das neue Leben in Kierspe gestaltet sich mühsam, aber hoffnungsvoll.

An Eigeninitiative und Fleiß mangelt es dem jungen Mann dabei nicht: Inzwischen spricht er gut Deutsch, engagiert sich bei Menschen helfen, Hand in Hand und beim Roten Kreuz und versucht – so gut es geht – seiner eigentlichen Leidenschaft nachzugehen. „Vielleicht kann man ohne Religion leben, aber nicht ohne Philosophie, ohne Kunst und Literatur“, meint er. Vielleicht sollte man noch die Musik dazuzählen. Sie hätte ihn vor den Depressionen bewahrt, unter denen viele Flüchtlinge leiden, erzählt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Im Iran hatte er Architektur studiert, das konnte er in Deutschland nicht fortsetzen; inzwischen will er es auch nicht mehr. Denn Flucht und Neuanfang haben auch seine Einstellung zum Leben verändert. Die war ohnehin immer positiv, anders hätte er die Zeit in der Sammelunterkunft am Korteberg auch nicht unbeschadet überstanden.

Inzwischen genießt er es, dass er in Meinerzhagen eine kleine Wohnung für sich allein hat, aber auch diese Zeit neigt sich ihrem Ende entgegen: Wenn alles klappt, beginnt Shahin Rahimi im April ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Deutschen Roten Kreuz in Marburg und anschließend eine Ausbildung als Krankenpfleger.

Anderen zu helfen, ist ihm ein Bedürfnis. Das tut er, indem er andere Flüchtlinge unterstützt, seine Sprachkenntnisse kommen ihm dabei zugute. Soziale Netzwerke – analog, vor Ort, von Mensch zu Mensch – sind wichtig, das weiß jeder, der schon einmal umgezogen ist und an einem anderen Ort neu anfangen musste. Wer sich nicht verständigen kann, ist dabei doppelt isoliert. Inzwischen ist Shahin Rahimi selbst Teil eines Netzwerkes.

„Gut denken, gut sprechen, gut handeln“, zitiert er den iranischen Religionsstifter Zarathustra und fügt gleich noch eine Lebensweisheit des Sufi-Dichters Hafis hinzu: Jeder sei ein Flüchtling. Von christlicher Ethik und areligiösem Humanismus ist das nicht weit entfernt, wohl aber von einem doktrinären Religionsverständnis, wie es von der Bevölkerung im Iran verlangt wird. Die Denkverbote und Beschneidung der Meinungsfreiheit waren für Rahimi die wesentlichen Gründe sein Land zu verlassen. Auch darüber berichtet er in seiner Wandzeitung.

Im Sauerland hat er vorübergehend eine neue Heimat gefunden, nun zieht er weiter. Das passe zu ihm, meint er lachend und verweist auf seinen Vornamen: Shahin bedeutet „Falke“.

Zuweisungen

Wie viele Flüchtlinge kamen bislang nach Kierspe? Die Stadt Kierspe hat dazu eine Übersicht zusammengestellt, und zwar von 2003 bis 2019. Demnach kamen in den Jahren von 2003 bis 2013 insgesamt 102 Flüchtlinge in die Volmestadt. 2014 wurden 55 Menschen zugewiesen. Im Jahr 2015 stieg die Zahl der Flüchtlinge aber sehr deutlich an: 310 Menschen wurden Kierspe zugeteilt. Die Zahlen gingen dann ab 2016 wieder stark zurück. In dem Jahr waren es 65 Flüchtlinge, 2017 nur acht und 2018 66. Bis zum 5. März dieses Jahres wurden Kierspe elf Flüchtlinge zugeteilt.

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