Serie "50 Jahre GSK"

Leben hinter Gittern: Ulf Borrmann ist Leiter der Justizvollzugsanstalt Attendorn

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Ulf Borrmann hat sich nach seiner Schulzeit an der Gesamtschule für ein Arbeitsleben hinter Mauern, Gittern und Stacheldraht entschieden. Bereut hat er es in 40 Jahren nie.

Kierspe - Mal eben auf einen Kaffee am Arbeitsplatz von Ulf Borrmann vorbeizuschauen, ist keine gute Idee. Denn der Beamte hat nicht nur einen sicheren, sondern auch einen gesicherten Arbeitsplatz.

Borrmann ist Leiter der Justizvollzugsanstalt Attendorn, gebürtiger Kiersper und Gesamtschüler der ersten Stunde. Dass Ulf Borrmann heute diese Position bekleidet, ist zum einen ungewöhnlich – und auch seiner Schulzeit geschuldet. „Ich habe mich immer für Menschen interessiert und vor allem dafür, wie sich Menschen entwickeln.

Da hat sicher der Pädagogikunterricht an der Gesamtschule geholfen, dieses Interesse zu wecken“, erzählt Borrmann, der aber auch betont, dass es ungewöhnlich sei, mit seiner klassischen Ausbildung bei der Justiz eine Vollzugsanstalt zu leiten, „meist sind es Volljuristen oder Psychologen, die die Leitung einer JVA übernehmen.“ Auch, wenn der Vater Polizeibeamter war, der Lebenslauf war bei Borrmann nicht vorgezeichnet.

Damals neu gegründete Gesamtschule besucht

In Kierspe aufgewachsen, besuchte er die Pestalozzischule, auf der er auch das fünfte Schuljahr absolvierte, um dann noch einmal die fünfte Klasse der neu gegründeten Gesamtschule zu besuchen. Viele Eltern hatten sich damals für diese Lösung entschieden, damit die Kinder nicht noch einmal die Schule wechseln mussten. „Damals war alles sehr modern, nur nicht die Schulmöbel, da mussten wir in der Anfangszeit mit einer alten Möblierung leben“, erinnert sich Borrmann.

Je länger das Gespräch dauert, desto detailreicher werden die Erinnerungen an die längst vergangene Schulzeit – das moderne Sprachlabor, das Schulessen und den Aufstand der Schüler gegen dessen schlechte Qualität, die Disco am Freitagmittag im PZ und das große Sportangebot. Vor allem erinnert sich Borrmann aber an die Inhalte: „Toleranz und Verständnis waren Werte, die an dieser Schule nicht nur im Unterricht eine Rolle spielten. Das betrachte ich bis heute als großen Gewinn.“

Gute Erinnerungen an die Schulzeit

Gerne erinnert er sich dabei auch an seine früheren Lehrer, vor allem an seinen Klassenlehrer Karl-Heinz Kraus: „Das war ein toller Typ.“ Mit einem Lächeln im Gesicht erzählt er von seinem Mathe-Lehrer Michael Fink: „Der war so in seinem Fach gefangen, dass er sich auch schon mal den nassen Schwamm unter den Arm klemmte, nachdem er die Tafel gewischt hat.“

Der Deutschunterricht bei Matthias Weißheit sei immer eine halbe Theateraufführung gewesen – und habe nachhaltig sein Interesse an Sprache und Schrift geweckt. Natürlich berichtet Borrmann auch von der hochpolitischen Zeit, in der er damals die Schule besuchte. „Ich würde mich schon als links bezeichnen, war dann aber auch schnell politisch eher bei den Grünen anzusiedeln.

Ulf Borrmann in seinem Büro der Justizvollzugsanstalt Attendorn.

An der Schule selbst habe ich mich politisch eher in der Mitte gesehen, so links waren viele andere damals.“ Mit einem Vorurteil, dass den Gesamtschülern mitunter bis heute begegnet, räumt Borrmann mit seinen eigenen Erfahrungen auf. Es heiße immer, die Gesamtschüler seien leistungsschwächer. „Ich habe in der Ausbildung mit vielen früheren Schülern aus Niedersachsen zusammengesessen.

Die hatten ihr Abitur in einem CDU-Land und natürlich auf dem Gymnasium gemacht. Da hatte ich nie das Gefühl, schlechter zu sein. Auch aufs Studium fühlte ich mich optimal vorbereitet.“

Schnell an die Gitter gewöhnt

Dass Borrmann sich dazu entschlossen hat, seinen Weg in der Justiz zu gehen, lag nach eigenem Bekunden an den Blättern zur Berufskunde. Dort sei beschrieben worden, dass der Vollzugsverwaltungswirt in seinem Berufsbild vor allem mit Recht, Psychologie, Kriminologie und Pädagogik zu tun habe, „das hat mich schon sehr gereizt. Außerdem sei ein klassisches Studium teuer gewesen, das Land habe aber während Ausbildung und Studium monatlich rund 1000 Mark überwiesen."

Bereut hat er seine Entscheidung nie. „Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an Gitter, geschlossene Türen und das viele Auf- und Zuschließen gewöhnt.“ Wie sehr das auch den Gefangenen ins Blut übergeht, erzählt er am Beispiel eines Strafgefangenen, der einen Teil seiner langen Haftzeit in Asien und dann in geschlossenen Einrichtungen in Deutschland verbracht hat.

Borrmann: „Als der dann in den offenen Vollzug kam, blieb er trotzdem vor jeder Tür stehen, auch wenn diese gar nicht abgeschlossen war.“ Aufgrund der Nähe zu seiner Heimatstadt hat Borrmann in der Justizvollzugsanstalt Attendorn auch schon so einige Kiersper als Gefangene erlebt, „aber niemanden, den ich aus meiner Zeit in Kierspe kannte.“

Der offene Vollzug in NRW

Anstalten des offenen Vollzuges haben keine oder nur verminderte Vorkehrungen gegen Entweichungen. Gemäß der entsprechenden Gesetzgebung sollen Gefangene mit ihrer Zustimmung in Anstalten des offenen Vollzuges untergebracht werden, wenn sie den besonderen Anforderungen genügen, zum Beispiel Mitarbeitsbereitschaft zeigen oder offen sind für pädagogische Bemühungen, und nicht zu befürchten ist, dass sie sich dem Vollzug der Freiheitsstrafe entziehen oder die besonderen Verhältnisse des offenen Vollzugs zur Begehung von Straftaten missbrauchen. Das Leben im offenen Vollzug ist den allgemeinen Lebensverhältnissen stärker angeglichen als im geschlossenen Vollzug. Die Gefahr schädlicher Beeinflussung durch Mitgefangene ist geringer. Der offene Vollzug ist in besonderer Weise dazu geeignet, den Übergang des Gefangenen in die Freiheit zu erleichtern, zum Beispiel durch Arbeit außerhalb der Anstalt.

Justizvollzugsanstalt Attendorn

Die Justizvollzugsanstalt Attendorn entstand 1968 auf Teilen des Geländes des Klosters Ewig bei Attendorn im Sauerland in Nordrhein-Westfalen. In der JVA Attendorn werden Freiheitsstrafen im offenen und im geschlossenen Vollzug an Männern vollstreckt. Im Jahr 1967 gingen die Gebäude des Klosters Ewig in den Besitz des Landes Nordrhein-Westfalen über, das dort 1968 die erste offene Justizvollzugsanstalt des Landes einrichtete. Von 1978 bis 1988 wurde in verschiedenen Bauabschnitten die heutige Justizvollzugsanstalt errichtet, die am 25. November 1988 offiziell mit einer Feier der JVA Attendorn übergeben wurde. Die JVA Attendorn verfügt heute über 270 offene Haftplätze, darunter 30 Plätze in einem Übergangshaus. 1936 bis 2011 existierte die Justizvollzugsanstalt Siegen, untergebracht im Unteren Schloss in Siegen. Nach der Gründung der JVA Attendorn wurde diese als Zweiganstalt der JVA Attendorn geführt. Sie verfügte über 76 Haftplätze im geschlossenen Vollzug. 2011 wurde die Zweiganstalt Siegen geschlossen, nachdem der geschlossene Vollzug in einen Neubau in Attendorn verlegt wurde.

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