Mit dem Wasser steigt die Angst

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Mario Seeboth kann nicht verstehen, warum er mit dem Hochwasser leben muss, wenn andere das Niveau des Volme-Bettes verändern. Hinten links ist der Obergraben, der mit Wasser versorgt werden soll, zu sehen.

Kierspe    Mit dem Wasser steigt die Angst. Nach dem Umbau eines Wehres der Volme im Ortsteil In der Grüne ist für Mario Seeboth nichts mehr so, wie es vorher war. Rund 15 Mal hatte er seitdem Wasser im Garten, der Auffahrt und im Keller seines Hauses, das er erst vor sechs Jahren gekauft hat.

„Wenn ich gewusst hätte, was das für ein Theater gibt, hätte ich das Haus nie gekauft“, sagt Seeboth, in dessen Stimme deutlich Verärgerung, aber auch Angst vor der Zukunft mitschwingt. Aus Lüdenscheid ist Seeboth 2011 nach Kierspe gezogen. Zuvor hat er ein Haus samt Grundstück auf dem Streifen zwischen B 54 und Volme gekauft. Von außen kein Schmuckstück, präsentiert sich das Gebäude von innen ganz anders. Mit viel Eigenleistung und unter Einsatz von ebenso viel Eigenkapital hat der Neukiersper das Haus saniert. Neue Fenster, neue Böden, neue Wandgestaltung – und außen auch ein neues Dach. Wenn irgendwann noch ein neuer Anstrich kommt, dann hat er sich dann doch ein Schmuckstück in – eigentlich – idyllischer Lage geschaffen. 

Als er vor fast sieben Jahren das Haus kaufte, befand sich hinter dem Haus ein Wehr, wo das Wasser der Volme so tief stürzte, dass er eigentlich keine Angst vor einer Überflutung gehabt habe, schildert er die Situation. „Mir war schon klar, dass es hier keine ,Allround-Sicherheit’ gibt, aber ich hätte ja nie damit gerechnet, dass jemand das Flussbett auffüllt und mir damit das Wasser in den Garten drückt“, sagt er heute. 

Turbinenbetrieb ist Auslöser 

Die Ursache des Ärgers ist von seinem Haus noch nicht einmal sichtbar – letztlich ist es nämlich die Sanierung des Sessinghauser Hammers. Um diesen – oder besser seine Turbine – mit Wasser zu versorgen, musste der alte Obergraben wieder in einen funktionstüchtigen Zustand versetzt werden. Möglich war das, weil zu dem Hammer auch ein altes Wasserrecht gehört, das es erlaubt, den Graben mit Wasser aus der Volme zu füllen. 

Bei der Sanierung des Wehres wurden große Mengen Steine eingebracht, die das Niveau des Volme-Bettes angehoben haben.

Doch dazu musste das Wehr wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt werden. Denn durch den jahrzehntelangen Verfall war das Bett hinter dem Wehr so tief ausgewaschen worden, dass nicht mehr genügend Wasser in den Graben gelangte. „Die Höhen wurden eingemessen. Da ist nichts gemacht worden, was nicht dem alten Recht entsprechen würde“, formuliert es Bernd Seuthe von der Unteren Wasserbehörde des Märkischen Kreises. 

Damm bietet nur „scheinbare“ Sicherheit 

Doch ihm und auch dem Verein, der den Hammer betreut, war wohl schon klar, dass die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands eine zunehmende Überflutungsgefahr für das Grundstück von Seeboth bedeuten würde. So entschloss man sich, im Rahmen der Instandsetzung des Wehres und dem damit einhergehenden Bau einer neuen Fischtreppe auch gleich einen Schutzwall zu errichten, der das Grundstück sichern soll. „Seitdem habe ich immer wieder Wasser in großen Mengen auf dem Grundstück. Der Damm ist wohl fehlerhaft errichtet. Zwar läuft nichts darüber, wohl aber hindurch“, sagt Seeboth. Seuthe widerspricht: „Bei dem Wasser handelt es sich um Grundwasser, das durch den zunehmenden Druck bei steigendem Wasserpegel der Volme aus dem Boden tritt. Nur, dass dieses Wasser aufgrund des Damms jetzt nicht zurück in die Volme fließen kann. So ein Damm bietet nur eine scheinbare Sicherheit.“ 

Der Wasserfachmann sagt in diesem Zusammenhang auch: „Das Haus steht nun mal im Überschwemmungsgebiet. Da muss man bei Starkregenereignissen damit rechnen, dass das Wasser auf dem Grundstück steht. Der Eigentümer muss dann das Wasser selbst zurück in die Volme pumpen und dafür sorgen, dass sein Haus hochwassersicher ist.“ 

15 Überschwemmungen in nur einem Jahr 

Das hat Seeboth mittlerweile auch so erfahren müssen. Nach dem Bau des Dammes im Herbst 2016 musste er im Februar 2017 die Feuerwehr rufen, um der Wassermassen, die auf sein Grundstück spülten, Herr zu werden. Damals drang auch Wasser in den Keller ein – trotz einer Sicherung durch Sandsäcke. Mittlerweile hat er sich drei kleine Pumpen und eine Hochleistungspumpe gekauft. Seeboth: „Rund 15 Mal musste ich diese schon in Betrieb nehmen. Sonst wäre ich hier abgesoffen.“ Natürlich meint er damit nicht, dass sein Leben in Gefahr war, aber durchaus nicht nur der Garten, sondern auch seine Einfahrt, die Garage und seine Hauswand betroffen waren. 

Deutlich ist zu erkennen, wie sehr das Wasser das Grundstück aufgeweicht hat.

Eindringlich beschreibt er seine Angst vor jedem erneuten Hochwasser: „Wenn es tagelang regnet, fahre ich mit einem sehr unguten Gefühl zu meiner Arbeitsstelle nach Lüdenscheid. Denn ich kann die Pumpen nicht anschalten, wenn das Wasser noch nicht auf dem Grundstück steht, sonst gehen die kaputt.“ 

Zuletzt erwischte es Seeboth wieder am 3. Januar dieses Jahres. Da hatte er zum Glück Urlaub und konnte tätig werden. Die Videos, die er damals mit seinem Mobiltelefon drehte, lassen erahnen, dass eine längere Abwesenheit dem Haus nicht gut getan hätte. Deshalb kann Seeboth auch nur lachen, wenn Seuthe davon spricht, dass die Wassermengen Anfang Januar einem zehnjährigen Höchststand sehr nahe gekommen wären. 

Verein nutzt nur altes Wasserrecht 

Doch hätte es keine geeigneteren Möglichkeiten gegeben, als das Wasser durch einen Damm aus großen Steinen und Erde zurückzuhalten? Eine Spundwand wäre so tief ins Erdreich gedrungen, dass dann kein Grundwasser aufs Grundstück drücken würde. „Doch wer soll so etwas bezahlen?“, fragt Seuthe. Den Verein sieht der Wasserfachmann nicht in der Pflicht: „Die wollen ja auch keinen großen Reibach machen, sondern nur das uralte Wasserrecht nutzen, um Energie zu gewinnen.“ Auf den Einwand, dass niemand damit hätte rechnen können, dass die vor Jahrzehnten stillgelegte Wasserkraftanlage eines ebenso lange stillgelegten Hammers wieder in Betrieb geht und dafür das Niveau des Flusses verändert würde, ist die Antwort von Seuthe klar: „Doch, die Anlagen erleben bereits seit Längerem eine Renaissance. Der Käufer eines Ufergrundstückes sollte sich schon erkundigen, was dort geschehen kann und welche Wasserrechte bestehen.“ 

Noch einmal das Gespräch suchen 

Trotzdem bietet er an, noch einmal das Gespräch mit dem enttäuschten Anlieger und dem Vereinsvorstand zu suchen. Im Gespräch sei auch gewesen, dass die Wiesen unterhalb des Obergrabens als Polderflächen (zur Überflutung) genutzt werden könnten. Seuthe: „Doch wie weit da die Planungen sind, ist mir nicht bekannt. Außerdem wird sicher eine in Betrieb befindliche Turbine noch einmal Druck vom Fluss nehmen.“ Doch ob es eine Polderfläche geben wird und wann die Turbine in Betrieb gehen wird, war in den vergangenen beiden Tagen von dem Verein nicht zu erfahren, da der Vorsitzende nicht erreichbar war.

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