Schuldner haben teilweise mehr als 31 Gläubiger

KIERSPE ▪ Auslöser für Überschuldung sind häufig Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Ehescheidung, Krankheit, manchmal aber auch Leichtsinn oder der Wunsch, mit anderen mithalten zu wollen. „Beispielsweise kann der Traum vom eigenen Haus auch dadurch zum Albtraum werden, wenn zusätzlich zu der Baufinanzierung noch ein Kredit für eine neue Küche oder ein neues Auto aufgenommen wird“, erklärte Petra Kayo von der Schuldnerberatung Lüdenscheid, die für die Betreuung des Bereichs Kierspe zuständig ist, als sie am Dienstagabend im Sozial- und Seniorenausschuss referierte.

Plastisch beschrieb sie: „Wenn das Einkommen nicht reicht, um alle Zahlungspflichten zu erfüllen, folgen Mahnschreiben, Kreditkündigungen, Mahn- und Vollstreckungsbescheide, Zwangsvollstreckung in der Wohnung durch den Gerichtsvollzieher, eidesstattliche Versicherung, Lohn- und Kontopfändungen sowie daneben oft auch Ehestreitigkeiten wegen der finanziellen Misere und schlaflose Nächte.“ Dann könne die Schuldnerberatung vielfach helfen. Sie berate Verbraucher, die Schulden hätten und aktuell nicht selbstständig seien.

Schulden machen

schlaflose Nächte

In fast jedem Fall seien Schulden bei Kreditinstituten vorhanden. Aber auch die Schulden im Bereich der Telekommunikation nähmen zu, wobei sie die Aufmerksamkeit besonders auf die jüngere Altersgruppe lenkte, die durch Telefon, Handy und Internet oft unabsichtlich in die Schuldenfalle tappe und bei der es damit meist beginne. Die durchschnittliche Verschuldungshöhe pro Fall bewege sich schon seit Jahren auf einem hohen Niveau. Das Scheitern der Selbstständigkeit oder der Immobilienfinanzierung treibe die Durchschnittsverschuldung in die Höhe, wie Kayo weiter ausführte.

Zum Verfahren erläuterte die Mitarbeiterin der Schuldnerberatung im Rathaus, dass Schuldnern, wenn sie sich in Lüdenscheid meldeten, meist innerhalb einer Woche Gelegenheit zu einem Erstgespräch, oft am Telefon, geboten wird. Dieses beinhalte vor allem die Abfrage der finanziellen Situation und aktueller Probleme des Klienten sowie auch die Klärung, ob es sich um einen Schuldenberatungsfall oder einen Verbraucherinsolvenzfall handelt.

„So gibt es seit Anfang 1999 für redliche Schuldner die Möglichkeit, sich durch das Insolvenzverfahren von den Schulden zu befreien“, informierte Petra Kayo. Dabei müsse der Klient sich an bestimmte Regeln halten, besonders eine angemessene Erwerbstätigkeit ausüben oder sich darum bemühen. „Nach sechs Jahren werden ihm durch Gerichtsbeschluss die Schulden erlassen, auch wenn der Schuldner während dieser Zeit nicht pfändbar war“, so die Beraterin, die dann noch betonte, dass immer ein außergerichtlicher Einigungsversuch vorausgegangen und gescheitert sein müsse. Seit 2002 könnten die teilweise nicht unerheblichen Verfahrenskosten gestundet werden. Werde ein Verbraucherinsolvenzverfahren angestrebt, erfolge die Einladung zu einer Informationsveranstaltung, die für Kierspe und Meinerzhagen abwechselnd in beiden Orten stattfinden.

Positive Erinnerung an

Gruppeninfoveranstaltung

Zur letzten gerade in der vergangenen Woche in Meinerzhagen waren 40 Klienten eingeladen worden, 34 hatten sich angemeldet und 22 waren erschienen, was einer Quote von 64,7 Prozent entsprach. Weitere fanden im Februar in Kierspe, im Dezember in Meinerzhagen und im September in Kierspe statt. An letztere Gruppenveranstaltung erinnert sich Kayo besonders gerne: „Sie war sehr gut besucht und es ging munter zu“. Von den 31 angemeldeten Klienten waren 25 erschienen, was eine Quote von 80,6 Prozent gewesen sei. Ein Klient, der sich nach der Veranstaltung meldet, bekommt innerhalb von drei Wochen einen Termin. Von der Beratungsstelle werden dann alle Gläubiger und Forderungen mit einem speziellen Computerprogramm erfasst, ein Regulierungsplan erstellt und die Gläubiger mit dem Ziel einer außergerichtlichen Einigung angeschrieben.

Petra Kayo nannte noch einige konkrete Fakten für Kierspe: So sei die Zahl der Ratsuchenden hier von 2003 bis 2007 von 117 auf den Spitzenwert von 211 Fällen angestiegen. Mit 154 Fällen in 2009 sei der Wert aber immer noch relativ hoch. In Meinerzhagen seien es 2003 150 Ratsuchende gewesen, 2007 266 und 2009 immer noch 177, in Halver 2003 104 Ratsuchende, 2007 221 und 2009 148.

In den verschiedenen Kommunen wie zudem noch Schalksmühle und Herscheid, sei die Altersgruppe von 31 bis 50 Jahren am stärksten vertreten, in Kierspe selbst die Altersgruppen von 31 bis 40 Jahren sowie 51 und älter. Die Schuldner aus Kierspe sind zu 47 Prozent verheiratet, aber der Prozentsatz der Geschiedenen ist mit mehr als 25 Prozent höher als in den anderen Kommunen.

Die Bezieher von Nettoeinkommen von bis 600 Euro sind die stärkste Gruppe, wobei es sich nicht um das Haushalts-, sondern das jeweilige Einzeleinkommen handelt. Die Gruppe der Bezieher von Arbeitsentgelt ist in Halver, Herscheid und Schalksmühle größer als die der Empfänger von Arbeitslosengeld I und II. Im Gegensatz dazu steht in Kierspe und Meinerzhagen der Zahl der Lohnempfänger sogar eine doppelt so große Zahl von arbeitslosen Schuldnern gegenüber, rund 15 Prozent Lohnempfänger und 30 Prozent Arbeitslose.

Die Durchschnittsverschuldung, so Kayo weiter, sei von 2003 bis 2006 von 32 464 auf 53 290 Euro gestiegen: „2009 war diese mit 51 368 Euro höher als in den beiden Vorjahren. Dabei sind die Schuldner mit bis zu zehn Gläubigern die größte Gruppe. 2009 gab es in Kierspe fünf Fälle mit mehr als 31 Gläubigern, das sind mehr als in den anderen Städten und Gemeinden.“ ▪ rh

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