Schülerbeförderung ist Planung im Detail

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Ab dem ersten Schuljahr ist die Fahrt mit dem Bus alltäglich für die Schüler. „Drängelgitter“ wie hier an der Gesamtschule sollen verhindern, dass Schüler vor den Bus gestoßen werden. ▪

KIERSPE ▪ Für unzählige Kinder und Jugendliche gehört sie dazu, die tägliche Fahrt mit dem Bus zur Schule. Gerade in ländlichen Gebieten ist dieser Bereich des öffentlichen Nahverkehrs unverzichtbar, hätten doch sonst viele Schüler keine Möglichkeit die Schule zu erreichen. Der Aufwand an Organisation und Logistik dahinter ist vielen nicht bewusst.

Jens Piepenstock ist als Schulbetreuer bei der Märkischen Verkehrsgesellschaft (MVG) zuständig für alle Fragen rund um die Schülerbeförderung. Für die Verkehrsgesellschaft hat die jugendliche Kundschaft hohe Priorität, immerhin sind knapp die Hälfte aller Fahrgäste Schüler. Dabei steht das Gebot der Wirtschaftlichkeit mitunter im Widerspruch zum Wunsch von Schülern und Eltern nach sicherer und zügiger Beförderung. „Wir brauchen die meisten Wagen für wenige Stunden,“ resümiert Piepenstock. Zahlreiche private Busunternehmer fahren ebenfalls im Auftrag der MVG.

Von der Bezirksregierung als Aufsichtsbehörde über die Kommunen als Schulträger bis hin zu den einzelnen Schulen sind viele Menschen damit beschäftigt, Fahrpläne aufeinander abzustimmen und den Einsatz der Wagen zu planen.

Für die Schüler der Kiersper Schulen gestaltet sich das Ergebnis, je nach Wohnort und Buslinie, allerdings sehr unterschiedlich. Glück hat, wer in Meinerzhagen wohnt. In die Nachbarstadt fahren die Busse im Durchschnitt alle dreißig Minuten. Für Schüler aus Valbert oder Hunswinkel sieht das Angebot schon deutlich schlechter aus; überfüllte Busse und lange Fahrt- und Wartezeiten gehören hier zum Alltag. „Wir sind dafür nicht zuständig“, weist Piepenstock alle Schuld von sich.

Die MVG fährt nur bis zur Stadthalle in Meinerzhagen, danach übernimmt die VWS (Verkehrsbetriebe Westfalen-Süd). Die MVG hat für Valbert und Hunswinkel keine Konzession, die Beschwerden der Eltern muss Piepenstock sich trotzdem anhören.

Stefan Müller, bei der Gesamtschule zuständiger Ansprechpartner für die Schülerbeförderung, kennt das Problem. Lösen kann er es auch nicht und verweist auf die Gesetzeslage. Laut Schülerfahrkostenverordnung sind bis zu drei Stunden Schulweg pro Tag ab der fünften Klasse zumutbar. Gemessen an der umfangreichen Organisation, laufe der Schülerverkehr gut. „Die Zusammenarbeit mit der MVG klappt hervorragend,“ lobt er.

Dabei steckt der Teufel manchmal im Detail. Stefan Müller sähe es lieber, wenn die Busse bereits an der Haltestelle stehen würden, bevor die Schüler angestürmt kommen. Denn auch das ist ein Phänomen: Alle Schüler wollen gleichzeitig einsteigen. Sie drängeln, quetschen, schubsen, stoßen und so mancher lässt seinen Aggressionen freien Lauf, vielleicht auch wegen des Bewegungsmangels der letzten Stunden.

An den Haltestellen vor den Schulen sind deshalb sogenannte Drängelgitter angebracht, die verhindern sollen, dass Schüler vor den Bus gestoßen werden. Allerdings: Wer vor dem Gitter steht, dem ist der Fluchtweg nach hinten abgeschnitten. An der Gesamtschule führen deshalb zu den Stoßzeiten zwei Lehrer Aufsicht an den Bushaltestellen.

Manche Schulen setzen auch Schulbusbegleiter ein. Das sind Schüler, die an der Haltestelle Aufsicht führen und während der Busfahrt für Ruhe sorgen. Jens Piepenstock hat gute Erfahrungen mit diesem Projekt gemacht, Stefan Müller ist skeptisch. An der Gesamtschule habe man sich dagegen entschieden. Denn das nötige Durchsetzungsvermögen hätten Schüler eigentlich erst ab der Oberstufe – aber die fahren aum noch mit dem Bus.

Klagen über unfreundliche Busfahrer sind ebenfalls nicht auszurotten. „Häufig beruht das auf Gegenseitigkeit,“ meint Jens Piepenstock. „Manche Schüler wissen, welche Knöpfe sie beim Busfahrer drücken müssen, damit der ausrastet.“ Aber das seien Einzelfälle, die man nicht verallgemeinern könne.

Friedrich Breckel hat damit kein Problem. Er fährt für die Firma Groll im Auftrag der MVG auf der Linie 94 „über die Dörfer“. Von der Pestalozzischule bis nach Rönsahl führt seine Route durch zahlreiche Streusiedlungen mit Haltepunkten. Zwischendurch wartet er auf Umsteiger aus Richtung Meinerzhagen oder Wipperfürth und bringt seine Fahrgäste nach Höhlen und Höckinghausen, Lingese und Stöcken. Schmale Wege, enge Kurven und abschüssige Strecken erfordern dabei seine ganze Aufmerksamkeit. Zwanzig Sitzplätze hat sein Wagen. „Ein großer Bus käme hier nicht durch,“ meint er.

Breckel fährt gerne im Schülerverkehr, kennt die meisten Kinder und verabschiedet sie mit einem freundlichen „Auf Wiedersehen“. Auf dieser Linie gibt es wohl keine Probleme. ▪ bnt

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