Schüler der Kiersper Gesamtschule lernen Demokratie nicht nur als Fach, sondern auch in Parlamenten

Schüler erleben Demokratie hautnah - als Parlamentarier

Bevor die eigentliche Arbeit in den Parlamenten begann, bekamen die jungen Politiker erst noch eine Einweisung im PZ. Anschließend tagten die Stufenparlamente für die Jahrgänge 5 und 6 sowie 7 und 8 in verschiedenen Räumen.
+
Bevor die eigentliche Arbeit in den Parlamenten begann, bekamen die jungen Politiker erst noch eine Einweisung im PZ. Anschließend tagten die Stufenparlamente für die Jahrgänge 5 und 6 sowie 7 und 8 in verschiedenen Räumen.

Kierspe – Mit 27 Jahren ist Roman Müller-Böhm der jüngste Bundestagsabgeordnete. Aus Sicht der jüngsten Parlamentarier der Gesamtschule ist er damit uralt. Denn dort sind die Jüngsten gerade einmal elf Jahre alt. Doch ihre Stimme hat nicht weniger Gewicht als die der Abiturienten, die meist so zwischen 18 und 20 Jahre alt sind.

So ganz genau wussten die jungen Politiker noch nicht, was auf sie zukommen würde, als sie sich mit Abstand und Maske im PZ der Gesamtschule zu ihrer ersten Sitzung trafen. Doch sie sind die Ersten, die als gewählte Vertreter ihrer Jahrgangsstufen die neuen Stufenparlamente mit Leben füllen sollen.

„Man kann in Deutschland unter Umständen Abitur machen und alles über den Zitronensäurezyklus gelernt haben, aber nichts darüber, wie Demokratie funktioniert“, formuliert Schulleiter Johannes Heintges etwas überspitzt. Um diesem Trend etwas entgegenzusetzen, hat die Gesamtschule vor mehr als einem Jahr das Fach „Demokratie lernen“ auf den Lehrplan gesetzt – erst einmal für die Jahrgänge 5 bis 7. Dass nicht weitere Jahrgänge von dem Fach profitieren, liegt – man ahnt es schon – am Geld. „Wir sind schon froh, dass wir die Mittel für die unteren Jahrgänge bewilligt bekommen haben“, so Heintges. Das Fach wird zusätzlich zum normalen Unterricht mit einer Wochenstunde unterrichtet.

Es ist wichtig, eine Haltung zu entwickeln und auch, demokratische Prozesse und Mehrheiten zu akzeptieren.

Anne Reiche

Während vieles, was in der Schule gelernt wird, in der Welt der Theorie bleibt, soll dieses Fach auch Niederschlag im Schulalltag finden. Bereits jetzt gibt es mit der Schüler- und Schülerinnenvertretung (SV) ein Gremium, dessen Einfluss nicht gering ist – was unter anderem in der Schulkonferenz deutlich wird. Denn diese ist zu gleichen Teilen aus Schülern, Eltern und Lehrern besetzt. Schaffen es die Schüler, die Elternvertreter auf ihre Seite zu ziehen, können sie auch gegen den Willen der Lehrer Beschlüsse herbeiführen. Als Beispiel nennt Heintges eine Regelung in den Pausen. Während sich die Lehrer dafür ausgesprochen haben, dass in der warmen Jahreszeit die sogenannte Pausenhalle nicht genutzt werden soll, haben Schüler und Eltern durchgesetzt, dass auch wenn’s warm ist, die Schüler in den Pausen in der Halle bleiben dürfen.

„Es hat sich aber in der SV gezeigt, dass die Wünsche und Beiträge der Schüler aus den unteren Jahrgängen oft untergehen. Manchmal trauen sich die Kleinen auch eine Wortmeldung nicht zu“, erklärt SV-Lehrerin Claudia Koch-Meitz. Das soll durch die Stufenparlamente anders werden, denn dort beraten die Parlamentarier, aus jeder Klasse zwei gewählte Vertreter, aus insgesamt vier Jahrgängen. Und so gibt es in der Startphase auch nur zwei Parlamente – eines für den Jahrgang 5 und 6, ein weiteres für 7 und 8. In der Anfangsphase ist immer noch eine Lehrerin dabei, später sollen die Parlamente eigenständig zusammenkommen – erst einmal zwei Mal im Jahr.

Um die Kinder entsprechend anleiten zu können, haben sich Claudia Koch-Meitz und Imke Metzner entsprechend weitergebildet – und gehören damit einem Kompetenzteam der Bezirksregierung an, auf das auch andere Schulen zugreifen können, wenn sie ähnliche Projekte umsetzen möchten.

Werden in Zukunft Beschlüsse in den Parlamenten gefasst, so werden diese im Schülerrat (der Zusammenkunft aller Schüler- und Schülerinnenvertreter) aufgegriffen.

Man kann in Deutschland unter Umständen Abitur machen und hat alles über den Zitronensäurezyklus gelernt haben, aber nichts darüber, wie Demokratie funktioniert.

Johannes Heintges

Einen Nutzen des in der Schule erlernten demokatischen Handelns erwarten die Lehrer auch außerhalb der Bildungseinrichtung, denn das Erlernen demokratischer Prozesse betrifft das gesamte gesellschaftliche Leben“, formuliert Anne Reiche, Didaktische Leiterin – und weiter: „Es ist wichtig, eine Haltung zu entwickeln und auch, demokratische Prozesse und Mehrheiten zu akzeptieren.“ Ober wie Johannes Heintges sagt: „Die Kinder lernen hier, wie wirkmächtig Demokratie ist, aber auch, wie anstrengend diese sein kann.“

Dass die Schulleitung den Schülern damit etwas aufbürdet, an dem sie kein Interesse haben, befürchten die Verantwortlichen nicht. SV-Lehrer Alican Sevim: „Die Kinder haben großes Interesse an der Politik. Das wurde gerade auch wieder bei den Wahlen in den USA deutlich.“

Aber auch an der Schule gibt es seit einigen Jahren einen Wahlkampf. Denn die Schülersprecher stellen sich mit einem kleinen Team zur Wahl, verfassen ein eigenes Programm und werben für sich bei Auftritten im PZ. Im Kleinen findet auch bei den Stufenparlamenten ein Wahlkampf statt, so seien zwar viele Mitglieder des Parlaments auch Klassensprecher, aber längst nicht alle, wie Koch-Meitz mitteilt.

Dass man gerade während der Pandemie mit dem Parlament starte, sei kein Zufall, betont Heintges: „Gerade jetzt ist es wichtig, Räume zu schaffen, in den Schüler sich austauschen können. Außerdem erhalten wir so auch ein Stück Normalität.“

Die Ziele, die mit einem Stufenparlament erreicht werden sollen

Mit dem Stufenparlament entwickelt die Gesamtschule Kierspe eine feste Mitbestimmungsstruktur, die Schülerinnen und Schülern einen Ort bietet, an dem sie die für sie wichtigen Themen besprechen können.

- Über die Stufenparlamente wird ein klarer Kommunikationsweg zur Schulleitung und zum Lehrerkollegium sichergestellt.

- Das Parlament stärkt damit die Position der Schülerinnen und Schüler im hierarchiegeprägten Schulgefüge, weil sie als Gruppe agieren können.

- Das Stufenparlament kann und soll eigene Projekte initiieren und umsetzen, sodass die Arbeit nicht nur auf der kommunikativen Ebene verläuft, sondern auch sinnlich erfahrbare „Spuren“ in der Schule hinterlässt.

- Mit der Arbeit im Stufenparlament erwerben und vertiefen die Sprecher und Sprecherinnen ihre Erfahrungen und ihr Wissen zu demokratischen Aushandlungsprozessen, in der Teamarbeit und in der Projektentwicklung und Projektdurchführung.

- Die Arbeit im Stufenparlament stärkt das Selbstbewusstsein und die Konfliktfähigkeit, weil die Schüler von der Schulleitung als „Gesprächspartner auf Augenhöhe“ behandelt werden. Sie werden mit ihren Themen ernst genommen, müssen sich aber gleichzeitig durch ihre Arbeit auch als ernst zu nehmender Handlungspartner erweisen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare