Klares Bekenntnis zu G9 – aber auch zur Gesamtschule

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Ein klares Bekenntnis zu G9 aber vor allem zu ihrer Gesamtschule kommt von Pia Hüttebräucker (rechts), Jessica Lenz und Justus Engstfeld, der auch Schülersprecher an der Kiersper Schule ist.

Kierspe - Lehrer, Eltern und Politiker streiten derzeit darüber, welche Schulzeit die bessere ist, um Kinder zum Abitur zu bringen – 12 oder doch 13 Jahre (G8 oder G9). Doch wie sehen das eigentlich die Schüler? Die Redaktion hat mit drei Gesamtschülern gesprochen. Herausgekommen ist ein klares Bekenntnis zu 13 Schuljahren – aber auch eines zur Gesamtschule.

Drei Schüler der Oberstufe haben Platz genommen im Zimmer ihres Schulleiters. Sie wollen erklären, warum sie auf dieser Schule sind – und das obwohl zumindest zwei von ihnen einen weiten Weg zur Schule zurücklegen müssen und ein Gymnasium in der eigenen Stadt haben.

Bei Justus Engstfeld, einem Schüler des 12. Jahrgangs, ist das anders. Der junge Mann ist Kiersper und die nächstgelegene weiterführende Schule ist nun mal die Gesamtschule. Aber ganz so einfach war es dann doch nicht. Als Engstfeld in der vierten Klasse war, hat er sich mit seinen Eltern auch das Gymnasium in Meinerzhagen angeschaut. „Wir haben damals intensiv über die Schulwahl gesprochen, doch letztlich überwog der Vorteil, dass ich an der Gesamtschule ein Jahr mehr Zeit habe“, erinnert sich der Kiersper.

Er erinnert sich auch daran, dass die Freunde, die auf das Gymnasium gewechselt sind, plötzlich keine Zeit mehr zum gemeinsamen Spielen hatten. Doch der junge Schüler betont noch etwas anderes. „An dieser Schule haben auch leistungsschwächere Schüler eine Chance. Hier haben sie Zeit sich zu entwickeln. Am Gymnasium hätten sie dazu sicher keine Chance bekommen“, da ist sich Engstfeld, der auch Schülersprecher der Gesamtschule ist, sicher.

Das Fördern der Schüler ist auch ein Thema für Jessica Lenz. Die Schülerin setzt sich jeden Tag ins Auto, um die 30 Kilometer zwischen ihrem Wohnort Olpe und der Gesamtschule hinter sich zu bringen. Der vorgezeichnete Schulweg hätte nach den Vorstellungen ihrer Grundschullehrer einen anderen Verlauf genommen. Die sahen die Tochter russlanddeutscher Eltern auf einer Hauptschule gut aufgehoben. Darüber setzten sich die Eltern hinweg und schulten ihre Tochter an der Olper Realschule ein – an der sie den besten Abschluss ihrer Jahrgangsstufe „hinlegte“. Danach ging es weiter aufs Gymnasium – eine Fehlentscheidung, wie sich zeigte. „Ich musste dort wieder in die zehnte Klasse, weil dort die Oberstufe beginnt. Dort saß ich dann plötzlich mit Mitschülern zusammen, die alle ein bis eineinhalb Jahre jünger waren. Dort habe ich aber auch gemerkt, dass die vieles gar nicht gelernt hatten. Durch die verkürzte Sekundarstufe 1 werden dort andere Schwerpunkte gesetzt. Das ist hier ganz anders. Man merkt einfach, dass sich die Schule mehr Zeit für die einzelnen Fächer nimmt“, erklärt Lenz. Über Freunde, die in Kierspe zur Schule gehen, entstand der Kontakt zur Gesamtschule. Nach einem halben Jahr auf dem Gymnasium stand der Entschluss, nach Kierspe zu gehen. „Hier gibt es keine Vorbehalte gegen ehemalige Realschüler und auch die Herkunft meiner Familie spielt keine Rolle.“ Im Herbst wird die junge Frau, die nach Einschätzung ihrer Grundschullehrer gerade das Zeug für einen Abschluss nach Klasse 10 gehabt hätte, in Köln „Interkulturelles Management“ studieren.

Pia Hüttebräucker, ebenfalls Jahrgang 13, wird nach ihrem Abschluss im Sommer eine Ausbildung zur Industriekauffrau beginnen – in ihrer Heimatstadt Halver. Die Schule in Kierspe zu besuchen, war eine bewusste Entscheidung: „Meine Eltern und ich haben gemeinsam entschieden, dass es besser ist, mehr Zeit in der Schule zu haben.“ Durch den Ganztagsunterricht und die neun Schuljahre auf der Gesamtschule könne sie die Hausaufgaben bereits in der Schule in der Mittagspause und den Freistunden erledigen und habe dann mehr Zeit für Hobbys und Vereine. „Ich habe mich aber auch über die Wiederholungsphasen zu Beginn der Oberstufe im elften Jahrgang gefreut. Dadurch wurde viel Druck weggenommen.“ Dass sie sich trotz ihrer Gymnasial-Empfehlung für die Schule in der Nachbarstadt entschied, habe sie nie bereut. „Hier wurde ich immer individuell unterstützt – und im Ganztag gibt es ein Förderkonzept, mit dem man den Stoff in einigen Fächern noch mal vertiefen kann. Und vor allem hatte ich mehr Zeit, mir zu überlegen, was ich nach dem Abitur machen will. Viele Bekannte im gleichen Alter wussten das nach dem Abitur am Gymnasium nicht.“ Da stimmt ihr Engstfeld zu: „Gut, dass ich noch ein Jahr Zeit habe bis zum Abitur und mich nicht jetzt schon entscheiden muss, was ich danach mache.“

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