Auch nach 110 Jahren noch im Dienst

Sanierung der Kerspe-Staumauer

Die Krone der Kerspestaumauer ist bereits saniert. Jetzt müssen nur noch die Steine, die den schmückenden Abschluss bilden, wieder aufgesetzt werden. Die komplette Sanierung der Mauer wird noch bis weit ins kommende Jahr dauern.
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Die Krone der Kerspestaumauer ist bereits saniert. Jetzt müssen nur noch die Steine, die den schmückenden Abschluss bilden, wieder aufgesetzt werden. Die komplette Sanierung der Mauer wird noch bis weit ins kommende Jahr dauern.

Niemand würde wohl sein Leben einer 100 Jahre alten Maschine, die unter Denkmalschutz steht, anvertrauen wollen. Was in einem Industrieunternehmen unvorstellbar ist, ist bei Staumauern Alltag. Talsperrenmeister Uwe Steinhauer sagt: „Ich würde heute mein Wohnhaus unterhalb der Mauer bauen.“ Und damit dieser Satz auch noch in etlichen Jahren gesagt werden kann, laufen derzeit umfangreiche Arbeiten an der Mauer.

Kierspe - Seit Monaten sind dort Spezialisten mit der Sanierung der Mauerluftseite beschäftigt, um diese für einen weiteren Betrieb instand zu halten. Und da es eben die Luftseite ist, läuft der Betrieb der Sperre weiter. „Bei dieser Mauer handelt es sich um eine technische Anlage, deren Aufgabe es nicht nur ist, das Wasser in der Talsperre zu stauen“, erklärt Betriebsleiterin Friederike Mürkens. Und tatsächlich laufen durch die Mauer Rohre, die das entnommene Wasser in das Wasserwerk Herbringhausen führen. Messgeräte registrieren jede kleinste Bewegung des Bauwerks und auch, ob durch Risse in der Mauer Wasser eindringt. Bei einem Hochwasser dient die Mauer darüber hinaus zur Regulierung des Wasserstands.

Als vor einigen Wochen der Starkregen den Pegel der Kerspe ansteigen ließ, liefen große Mengen Wasser durch den Überlauf, der sich oben an der Mauer und unterhalb des Weges auf der Krone befindet. Das Wasser stürzte dabei die Mauer auf der Luftseite hinab, sammelte sich im sogenannten Tosbecken und floss dann in Richtung Wipper und damit auch in die Wupper.

Martin Langfeld schaut sich die neue Verfugung im oberen Bereich der Mauer an.

Dabei wurde auch das mächtige Gerüst beschädigt, das derzeit an der Mauer steht, um die Sanierungsarbeiten zu ermöglichen. Und obwohl diese Schäden zu einer Unterbrechung der Arbeiten führten, rechnen die Verantwortlichen nicht mit einer starken Verzögerung der Arbeit. Dabei spielt sicher auch eine Rolle, dass für die Sanierung ein Zeitraum von eineinhalb Jahren eingeplant wurde.

In den 1990er-Jahren wurde die Mauer aufwendig auf der Wasserseite saniert (Info-Kasten). Da diese Seite nicht dem Denkmalschutz unterliegt, konnte man damals eine Betonwand vorsetzen und auch einen Kontrollgang ganz unten an der Mauer schaffen. Auf der denkmalgeschützten Luftseite ist solch eine Maßnahme nicht vorstellbar.

110 Jahre hat die Mauer auf dieser Seite klaglos die Wassermassen ertragen, die bei hohem Wasserstand über sie ins Tal stürzten, wurde von Pflanzen bewachsen und war dem Wetter ausgesetzt. Doch regelmäßige Pflegemaßnahmen, bei denen kleine Schäden ausgebessert wurden und den Pflanzen – soweit möglich – der Garaus gemacht wurde, sorgten dafür, dass das Bauwerk auch nach mehr als 110 Jahren noch seinen Dienst versehen kann.

Betriebsleiterin Friederike Mürkens und Talsperrenmeister Uwe Steinhauer haben die umfangreichen Arbeiten an ihrer Mauer im Blick.

Als in den 1990er-Jahren auf der Wasserseite gearbeitet wurde, nutzte man die Gelegenheit, um auch etwas größere Arbeiten an der Luftseite vorzunehmen. Doch nun sei es Zeit, sich der Mauer auf dieser Seite intensiver zu widmen, befand der Wupperverband.

„Wobei die Vorbereitungen bereits vor etlichen Jahren begonnen haben“, sagt Mürkens. So habe man bereits im Jahr 2009 mit Langzeitversuchen begonnen, um einen Mörtel zu finden, der möglichst lange hält. Dazu habe man, so erklärt die Betriebsleiterin, den alten Mörtel analysiert und insgesamt sechs „neue“ Mörtel hergestellt, die an „Testfeldern“ in der Mauer ausprobiert wurden.

Dabei muss der Mörtel nicht nur enormen Druck aushalten und großen Temperaturschwankungen widerstehen, sondern auch elastisch sein, um die Bewegung der Mauer auszugleichen.

Die Aufgabe des neuen Mörtels wird es auch sein, die vielen neuen Steine zu halten, die im Rahmen der Sanierung ausgetauscht werden. Insgesamt finden sich an der Außenseite der Mauer, die rund 2500 Quadratmeter groß ist, etwa 25 000 sichtbare Steine. Jeder einzelne dieser Steine wurde abgeklopft, um festzustellen, ob diese einen Riss haben. Auch wurde geschaut, ob es sichtbare Beschädigungen gibt. „Wir werden wohl rund 5000 Steine austauschen müssen“, erklärt Martin Langfeld, der die Bauüberwachung übernommen hat und für das Büro „Projektwerk“ arbeitet. Für den Mann aus dem siegerländischen Netphen ist die Mauer eine alte Bekannte, hat er doch bereits die Sanierung in den 1990er-Jahren überwacht. Langfeld erklärt auch, wie die Arbeiten ablaufen. Demnach werden die schadhaften Fugen rund um die Steine mit Wasser ausgespült. „Das geschieht unter einem Höchstdruck von 2500 Bar“, erklärt der Ingenieur. Mindestens sechs Zentimeter tief erfolgt diese Ausspülung, bevor dann der neue Mörtel ebenfalls unter hohem Druck eingebracht wird. Dort, wo Seine ausgetauscht werden, ist natürlich ein viel tieferer Eingriff notwendig.

Noch bis weit ins kommende Jahr wird das Gerüst an der Staumauer stehen, um die Sanierungsarbeiten zu ermöglichen.

Die Steine kommen aus einem Steinbruch in Lindlar, da es den Talsperren-Betreibern wichtig war, Steine zu verwenden, die eine große Ähnlichkeit zu den bisherigen haben.

Im Vorfeld hatte der Steinbruch Probesteine liefern müssen – und auch jetzt wird jeder der von Hand behauenen Steine auf Risse kontrolliert. Die Anlieferung erfolgt auf Paletten. Langfeld: „Wir verwenden Bergische Grauwacke. Das ist ein Sedimentgestein, das in Schichten aufgebaut ist. Das macht die Kontrolle so wichtig, um auszuschließen, dass sich durch die Sprengarbeiten im Steinbruch Risse in den Steinen gebildet haben. Denn unser Ziel ist es, Steine zu bekommen, die möglichst wenig Wasser aufnehmen. Dadurch wird verhindert, dass die Steine bei Frost Schaden nehmen.“

Schaut man sich den enormen Aufwand an, der bei der Sanierung betrieben wird, erklärt sich auch die Summe von mehr als 3,2 Millionen Euro, die für die Maßnahme ausgegeben werden.

Nach Abschluss der Arbeiten im Oktober des kommenden Jahres, wird die Mauer aber nicht sich selbst überlassen. „Spätestens nach fünf Jahren müssen wir wieder ran. Dann mit einer Befahrungsanlage, die einem Fensterputzeraufzug am Hochhaus ähnelt. Von der Arbeitsbühne der Anlage können wir dann Pflanzen, die dort dann vielleicht wieder wachsen, leichter entfernen“, erklärt Mürkens.

Die Kerspe-Talsperre

Die Kerspe-Talsperre wurde in den Jahren von 1908 bis 1912 gebaut. Ihre Mauer ist 360 Meter lang und im unteren Bereich rund 29 Meter stark, im oberen Bereich sind es sechs Meter. Ist die Sperre komplett gefüllt, fasst sie 15 Millionen Kubikmeter Rohwasser, aus denen dann im Wasserwerk Herbringhausen Trinkwasser für die Stadt Wuppertal bereitet wird. Umfangreiche Sanierungsarbeiten erfolgten in den Jahren 1992 bis 1995. Damals wurde auch die Mauer mit einer Betonwand auf der Wasserseite verstärkt. Auf beiden Seiten der Mauer befanden und befinden sich sauber verlegte Steinreihen, die den sichtbaren Abschluss liefern. Im Inneren wurden aus Lorenbahnen heraus Mörtel und Steine ausgekippt, die dann von Hand verdichtet wurden.

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