Am Abend baute der Bergmann Miniaturen

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Bernd Wende sammelt erzgebirgische Volkskunst. Besonders die Bergbautradition hat es ihm angetan. Hier präsentiert er ein sogenanntes Buckelbergwerk. ▪

KIERSPE ▪ Prächtig zieht vor der Kulisse des erzgebirgischen Städtchens Schneeberg der Bergaufzug daher, die Parade der Bergleute mit den verschiedenen Gewerken vom Steiger über den Hauer, Zimmerling, Haspeler, Kunstknecht, Wettermann und Grubenjungen bis zum Schmied jeweils in ihren typischen Trachten und dazu dann noch die Bergmannskapelle.

Es handelt sich bei dem Modell in der Wohnung von Bernd Wende um eine Form des Dioramas, in der das soziale Milieu der Bergleute dargestellt ist. Die Figuren sind nur ein paar Zentimeter groß und trotzdem in den winzigsten Kleinigkeiten originalgetreu nachgebildet. Unten im Stollen sind die Bergmänner bei der Arbeit zu sehen, ob mit Lore und Spitzhacke beim Silbererzabbau oder auch in dem von einem Pferd angetriebenen Aufzug, mit dem das Erz von unter Tage nach oben befördert wurde. Die Darstellung übt einen unvergleichlichen Reiz auf den Betrachter aus, der immer neue Details entdeckt.

Ob die Bergleute ihre Arbeitswelt unter Tage wohl deshalb so gern in einem Modell nachgebaut haben, weil sie in der Grube von allen anderen Menschen abgeschlossen waren und niemanden dorthin mitnehmen konnten? Jedenfalls haben sie mit ihrer Feierabendkunst die bergmännische Welt zu einem festen Bestandteil der heimatlichen Weihnachtskultur gemacht. Dabei haben sie nicht nur den Abbau der Erze, sondern das gesamte Geschehen um das Bergwerk herum wiedergegeben. Gerade diese Modelle, die vielfach bewegliche Elemente haben wie Bergmänner bei ihren Tätigkeiten, auf Laufbändern und rotierenden Tellern oder auch Wasserkreisläufe, alles von elektrischen Pumpen und Motoren, aber auch Spieluhren und Handkurbeln angetrieben, spiegeln auf besondere Weise die Detailfreude und das technisch-handwerkliche Geschick der Erzgebirger wider. Manche der Bergmänner wurden so konstruiert, dass sie an eine Mechanik angeschlossen werden können und beispielsweise die Arme mit dem Werkzeug rauf und runter bewegen.

Bergwerksdarstellungen finden sich in der erzgebirgischen Volkskunst neben den Dioramen zudem als Miniaturen in Zündholzschachteln, jedoch ebenfalls in Schwibbögen und Pyramiden. Eine Pyramide nennt auch Bernd Wende sein Eigen: Auf den oberen Etagen ist der Bergaufzug mit Kapelle zu sehen, weiter unter arbeiten die Bergmänner. Neben der unterirdischen Welt der Stollen und Schächte sowie der in die Tiefe führenden Fahrten gehören zu den Darstellungen der Bergbaulandschaft genauso die Halden mit den tauben Gesteinsmassen auf der Erdoberfläche, Schachtöffnungen, Stollenmundlöcher und die Hut- oder auch Zechenhäuser, in denen sich die Bergleute bei Schichtbeginn versammelten und die teilweise auch zum Abstellen der Gerätschaften sowie zudem als Wohnungen der Steiger dienten.

Eine besondere Form des Bergwerksmodells sind die Buckelbergwerke, von denen der 64-jährige Kiersper ebenfalls eines besitzt. „Buckelbergwerke wurden auf dem Rücken, erzgebirgisch Buckel, getragen“, berichtet Wende. Es handelte sich um in tragbare Kästen eingebaute Modelle mit realistischer Darstellung eines Grubenbetriebes. Eingebaute Effekte sind ebenfalls hier Bewegung und Akustik wie das rhythmische Klopfen des Pochwerkes oder der Schlag der Grubenglocke.

Die soziale Absicherung der Bergleute sei nicht besonders gewesen, so der begeisterte Fan erzgebirgischer Volkskunst. Daher hätten sie nach dem Ausscheiden aus dem Dienst oft ein Buckelbergwerk gebaut und seien damit übers Land gezogen, schildert er. Sie hätten es dann in Funktion präsentiert, um dafür ein paar Groschen einzunehmen. Im 19. Jahrhundert, so heißt es, verbesserten besonders invalide Bergleute ihre missliche wirtschaftliche Lage, indem sie mit Buckelbergwerken zu Jahrmärkten und Volksfesten zogen und dem schaulustigen Volk den Bergwerksbetrieb am beweglichen Modell erklärten. Der Detailreichtum auch dieser Modelle macht das prima nachvollziehbar. Dabei hatten sie immer ein flottes Sprüchlein auf Lager. Auch andere Reisende wie Arzneihändler, die mit Kräuterextrakten aus dem Erzgebirge handelten, führten oft ein solches Buckelbergwerk in ihrem Gepäck mit.

Das Buckelbergwerk des Kierspers wird von einer Spieluhr angetrieben und dabei bewegen sich nicht nur die Figuren, sondern es erklingt zudem das Steigerlied. Wende zieht die Spieluhr auf, und demonstriert die Funktion. „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt“, wie das Lied auch genannt wird, ist die Bergmannshymne, die zu allen festlichen Anlässen gesungen wird. Entstanden sein soll das Stück im Erzgebirge aus mehreren ehemaligen Volkliedern um das Jahr 1700. Es verinnerlicht das Leben der Bergleute wie kein anderes, das unabkömmliche Licht, welches der Bergmann benötigt, um in dem dunklen Stollen nach den Schätzen der Erde zu graben, das Denken an die Geliebte zu Hause bei der schweren Arbeit unter Tage verbunden mit der Hoffnung, wieder gesund und glücklich nach Hause zu kommen. Das Lied strahlt mit dem Text und der Melodie Hoffnung auf eine glückliche Zukunft für die Bergleute aus und diese Hoffnung hat es letztlich auch zu einem Volkslied werden lassen. Ursprünglich begann es mit dem Weckruf „Wach auf, wach auf!“.

Der lichtertragende Steiger, der selbst mitarbeitende technische Leiter der Grube, hatte die Arbeiter aller Gewerke unter sich. Er gab das Material aus und rechnete mit dem Schichtmeister und dem Grubenamt ab. Die bergmännische Trachten- und Uniformvielfalt gibt bis auf den heutigen Tag zahlreiche Anregungen zur Gestaltung von Bergmanns- und Steigerfiguren, ob sie nun gedreht, geschnitzt oder auch anhand von Holzmodellen aus Zinn gegossen sind. Schon allein die Sammlung von Bernd Wende, der selbst mit dem Sammeln Anfang der 1970er Jahre begonnen hat, nachdem seine Frau Dorothea ein Saisongeschäft mit Volkskunstartikeln betrieb, dokumentiert die enorme Vielfalt: Eines seiner schönsten Stücke ist ein Bergaufzug mit 30 Zentimeter großen Figuren. Pate stand eine Zeichnung aus dem Ort Freiberg, wo sich gerade eine Parade formiert. Darunter befindet sich neben einem Fahnenträger sogar ein Berghauptmann zu Pferd, deren Kleidung in allen Details nachgebildet ist. Etwas kleiner, vielleicht 25 Zentimeter hoch, ist eine Gruppe, die die Bergmannsparade anlässlich der königlichen Hochzeit von August dem Starken im Jahr 1719 zeigt. Fast 1000 Bergleute nahmen daran teil, so wird berichtet.

Ein Modellbergwerk aus der Sammlung ist derzeit in der Historischen Brennerei in Rönsahl neben vielen anderen Objekten der erzgebirgischen Volkskunst ausgestellt. Es weist eine noch größere Detailfülle auf und zeigt unter anderem Bergleute, wie sie gerade von der harten Arbeit erschöpft Pause machen. Wendes kooperierten damals mit einem Großhandel, der die Artikel aus dem deutschen Weihnachtsland vertrieb. Nach der Wiedervereinigung knüpften sie dann selbst Kontakte zu den Werkstätten, die sich im Laufe der Zeit weiter verfestigten. So kamen in den Besitz des 64-jährigen Sammlers zahlreiche sehr wertvolle Raritäten und wahre Schmuckstücke, die nun auch an Größe zulegten, denn vor der „Wende“ waren überwiegend nur kleinere Erzeugnisse zu kaufen.

Die Figuren und Darstellungen aus dem Bergbau übten bald den meisten Reiz auf Wende aus. „Ich fühle mich mit der Tradition des erzgebirgischen Bergbaus irgendwie verbunden“, erzählt er.

In der Bergmannstradition entstanden im Erzgebirge zudem Schwibbögen, die in der Form einem Stollenmundloch nachempfunden sind und, im Fenster aufgestellt, dem Bergmann den Weg nach Hause leuchteten. Ein bekanntes Figurenpaar sind außerdem Bergmann und Engel, letzterer steht für die Frau im Haus. Überliefert ist, dass immer genauso viele Figuren, wie Familienmitglieder dort wohnten, aufgestellt wurden. Licht spielte stets eine ganz bedeutende Rolle, denn vor allem während der Winterzeit sah der Bergmann gar keine Sonne: Fuhr er abends aus der Grube hoch, hatte sich meist schon wieder die Dunkelheit breitgemacht.

Rolf Haase

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