Die Christuskirche wird zum Denkmal

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Die Christuskirche in Kierspe wird unter Denkmalschutz gestellt. Das Gebäude wurde Anfang der 1950er-Jahre errichtet, der Turm kam dann rund zehn Jahre später hinzu.

Kierspe – Der Platz reichte vorne und hinten nicht mehr. Durch den massiven Zuzug von Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs Kierspe stark – und damit nahm auch die Zahl der Gemeindemitglieder in den Kirchengemeinden zu.

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg gab es Bestrebungen im Ortsteil Bahnhof eine Kirche zu bauen, umgesetzt wurde der Bau aber erst Anfang der 1950er-Jahre, der Turm wurde sogar erst Anfang der 1960er-Jahre errichtet.

Damit steht die Christuskirche nicht nur stellvertretend für viele Sakralbauten, die nach dem Krieg und dem massiven Zuzug aus dem Osten errichtet wurden, sondern auch für die Siedlungsgeschichte Kierspes, so begründet der Landschaftsverband Westfalen-Lippe die Unterschutzstellung der Kirche als Denkmal. Diese war auch gestern Thema im Rat, wobei die Politiker letztlich nur Kenntnis zu nehmen hatte, da sie keinen Einfluss auf die Entscheidung hatten.

„Für die Erhaltung liegen architektonische Gründe vor. Es handelt sich um einen typischen, hier sehr vollständig überlieferten Kirchenbau aus der ersten Bauphase nach dem Zweiten Weltkrieg, die von den Architekten des Landeskirchlichen Bauamtes maßgeblich geprägt wurde. Einfache Rechteckräume mit Holzbalkendecken sowie ausgeschiedenem Altarraum prägen diese Kirchen. Manchen, wie die Christuskirche in Kierspe, wurden als Emporenkirche ausgeführt und nehmen damit Bezug auf die bergisch-märkische Bautradition“, ist in der Begründung zu lesen, die auch auf künstlerische Gründe verweist. Aber auch die städtebaulichen Gründe der Unterschutzstellung werden erwähnt, „da die am Hang in unmittelbarer Nachbarschaft zu der Grünanlage mit Kriegerehrenmal gelegene Kirche und Turm im Ortsbild sehr präsent sind“.

Der Altarraum der Christuskirche, links sind noch Teile der Kanzel zu sehen.


Der Bedarf entstand erst durch die Ansiedlung von Menschen und Gebäuden nach dem Bau der Eisenbahn 1892. 1928 gab es erste Planungen für eine Kirche, die allerdings erst viel später umgesetzt wurden. Bis 1944 wurde die evangelischen Gottesdienste im sogenannten Betsaal, einem Klassenraum der Pestalozzischule, gefeiert. Später dann im Saal der evangelisch Freikirchlichen Gemeinde an der Kölner Straße. 1949 schließlich wurde mit den Planungen der Christuskirche durch das Landeskirchenamt begonnen.

Die Kirche selbst wird von den Denkmalschützern als Putzbau mit Natursteinsockel beschrieben. Auffällig seien im Außenbereich das Ornamentband mit Kreuzmuster am Chorbau und die Segmentbogengauben in beiden Dachflächen.

Der Innenraum der Christuskirche mit seinen drei Emporen.

Im Inneren wird unter anderem die Empore hervorgehoben, aber auch die bemalte Holzbalkendecke. Der Landschaftsverband schreibt: „Die Raumwirkung wird wesentlich von der ornamental bemalten Holzbalkendecke sowie den auf Holzpfeilern eingestellten holzvertäfelten Emporen geprägt. Die an klassizistischen Vorbildern orientierte und an Schablonenmalerei erinnernde Ornamentik wurde zur Bauzeit von Paul Thol geschaffen. Er gestaltete auch im gleichen Stil die Altarrückwand mit Rosette sowie die Prinzipalstücke. Der wohl jüngere Taufstein aus Bronze ist ein Werk Waldemar Wiens.“ Zu lesen ist auch, dass die Orgel auf der Empore in den 1950er-Jahren von Förster und Nicolaus aus Gießen gefertigt wurde.

Paul Thol

Paul Thol wurde 1887 in Magdeburg geboren. Von 1901 bis 1904 machte er eine Lehre als Dekorationsmaler und parallel bis 1905 erste Studien an der Kunstgewerbeschule Magdeburg. 1908 Umzug nach Berlin, um eine praktische Arbeit als Dekorationsmaler und von 1909 bis 1912 ein weiteres Studium an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin aufzunehmen.

Im Ersten Weltkrieg wurde Paul Thol 1916 eingezogen, sein Dienst war der eines Künstlerischen Beirates bei einer Kriegsgräber-Inspektion des preußischen Kriegsministeriums. Nach der 1918 erfolgten Entlassung aus der Armee war er wieder als Dekorationsmaler tätig und wurde dann Honorarlehrer an der Kunstgewerbeschule.

Im Oktober 1933 erfolgte die Berufung von Thol als außerordentlicher Professor an die Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst und im März 1939 wurde er ordentlicher Professor. Neben der Leitung der Denkmalsklasse und der für dekorative Malerei oblag ihm auch die Leitung der Werkstatt für Denkmalpflege. Er war Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste in Berlin.

Während des Zweiten Weltkrieges war Thol ab 1943 als Reichskunstwart der kirchlichen Denkmalpflege nach dem Einsetzen der alliierten Bombenangriffe der Koordinator der Schutzmaßnahmen. Er entschied über die Auslagerung der Kunstwerke aus den Kirchen. Seine Nähe zum Nationalsozialismus verhinderte nach dem Krieg die Rückkehr in den Schuldienst, er widmete sich dem Wiederaufbau von Kirchen in Brandenburg, so wurden von ihm etwa mehrere Glasfenster für den Brandenburger Dom St. Peter und Paul gestaltet.

Ab 1948 verlegte Thol seinen Wohnsitz nach Gelsenkirchen. Hier war er beim Wiederaufbau der Städte Gelsenkirchen und Hagen leitend tätig, wie auch bei den Kirchen in Gladbeck, Lüdenscheid oder Eisbergen. Paul Thol verstarb 1956, während er in einer Lüdenscheider Kirche Ausmalungsarbeiten ausführte.

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