Sägen und Pulver aus Kierspe gehen nach Übersee

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Der Historiker Dr. Oliver Schulz beleuchtete in seinem Vortrag die Beziehungen zwischen dem rheinisch-westfälischen Raum und den Niederlanden und Frankreich bis ins 19. Jahrhundert. ▪

KIERSPE ▪ Die Lüdenscheider Preußenausstellung dokumentierte im vergangenen Jahr 400 Jahre Zugehörigkeit der rheinischen und westfälischen Gebiete zu Brandenburg-Preußen. Daran knüpfte der Historiker Dr. Oliver Schulz in einem VHS-Vortrag im Alten Amtshaus an, setzte aber andere Akzente.

In einem „Überblicksreferat“ beleuchtete er zunächst die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen des Herzogtums Kleve und der Grafschaft Mark zu den Niederlanden im 17. und 18. Jahrhundert. Wobei die Niederlande der frühen Neuzeit nicht identisch gewesen seien mit dem heutigen Staatsgebilde. Sie hätten im wesentlichen das heutige Benelux sowie nordfranzösische und deutsche Randgebiete umfasst.

Die Konfession habe eine bedeutende Rolle gespielt. Der „Große Kurfürst“ sei zeitweise in den Niederlanden aufgewachsen, sei Calvinistgewesen und habe diese strenge Form des Protestantismus nach Kräften gefördert. In der Grafschaft Mark habe sich das unter anderem bei der Besetzung von Beamtenposten aus oder bei der Ansiedlung reformierter Facharbeiter in Hagen-Eilpe ausgewirkt.

Darüber hinaus sei Amsterdam zu dieser Zeit der bedeutendste Finanzplatz Europas gewesen. Vor allem die Iserlohner Kaufmannschaft habe über die Niederlande Handelsbeziehungen auch nach Übersee geknüpft.

Schulz nannte ein Beispiel: Das Hauptbuch des Lüdenscheider Kaufmanns Peter Sandhövel aus dem Jahr 1802 ist erhalten geblieben. Daraus ergeben sich Wirtschaftskontakte bis nach Südeuropa und in die USA. Sägen aus Kierspe und Jagdpulver aus Rönsahl gelangten auf diese Weise bis nach Amerika.

Für die Ansiedlung der Pulvermacher in Rönsahl haben wohl auch konfessionelle Gründe eine Rolle gespielt. Sie seien ursprünglich im katholischen Kölner Raum beheimatet gewesen. Da sie aber Protestanten waren, seien sie immer weiter nach Osten gewandert, bis sie endlich an der märkisch-bergischen Grenze vor Verfolgung sicher waren.

Die Kaufleute dieser Zeit seien beweglich und reisefreudig gwesen. Anhand von Heiratsregistern könnten Historiker die „Oberschichtenmigration“ gut nachvollziehen. Niederländische und französische Einflüsse auf Mode, Wohn- und Alltagskultur im rheinisch-westfälischen Raum lassen sich so belegen.

Eine kleine, aber interessierte Zuhörerschaft folgte im Alten Amtshaus dem Referat des Historikers. Oliver Schulz hat seinen Forschungsschwerpunkt in der Geschichte Preußens des 18. Jahrhunderts. Insbesondere über die westfälische Regionalgeschichte hat er viel veröffentlicht. ▪ bnt

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