Runder Tisch: Tipps für Arbeit mit Flüchtlingen

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Michael Wirth vom Diakonischen Werk.

Kierspe - Seit 30 Jahren ist die Flüchtlingsarbeit nicht nur Profession für Michael Wirth, sondern ein echtes Anliegen. Das wurde jetzt bei der Sitzung des Runden Tisches für Flüchtlingsarbeit im sozialen Bürgerzentrum deutlich.

Die Verantwortlichen der regelmäßigen Zusammenkunft hatten den Mitarbeiter des Diakonischen Werkes eingeladen, in der Hoffnung, den einen oder anderen Tipp für die tägliche, aber ehrenamtliche Arbeit zu bekommen. Von diesen gab es viele. So viele, dass Wirth locker den ganzen Abend mit seinen Ausführungen hätte füllen können.

Wirth: "Jeden Flüchtling individuell betrachten"

Als Michael Wirth seine Arbeit aufnahm, kamen die Flüchtlinge vor allem aus Südostasien, später dann aus dem zerfallenden Jugoslawien und heute vor allem aus Afrika, Asien und Ländern des ehemaligen Ostblocks. Doch die Schicksale der Menschen ähneln sich, wobei es Wirth ein Anliegen ist, jeden Flüchtling individuell zu betrachten. Das wünscht er sich auch für die Menschen aus dem Kosovo, „denn für jede Flucht gibt es individuelle Gründe“.

Neues psychosoziales Zentrum vorgestellt

Der Experte aus Lüdenscheid nutzte seine Redezeit in Kierspe, um das neue psychosoziale Zentrum vorzustellen, das derzeit in der Kreisstadt aufgebaut werde. „Nach unseren Erkenntnissen leiden 40 bis 50 Prozent der Flüchtlinge an posttraumatischen Belastungsstörungen, vor allem wenn sie über nordafrikanische Länder zu uns kommen. Viele der Flüchlinge wurden dort verschleppt, die Frauen häufig vergewaltigt“, nannte er als Grund für die Einrichtung des neuen Angebots, das auch Menschen offen stehe, die in Kierspe nach dem vorläufigen Ende ihrer Flucht leben würden. Dieses neue Projekt sei auch deshalb ausgesprochen wichtig, weil es nach dem Asylbewerber-Leistungsgesetz kein Geld für psychologische Hilfe gebe. Wirth: „Durch diese Behandlungsverweigerung verfestigt sich dann aber oft die Erkrankung.“

Unterstützung beim Erlernen der Sprache

Ansonsten forderte Wirth die Kiersper auf, die Menschen bei dem Erlernen der deutschen Sprache zu unterstützen. Mittlerweile gebe es spezielle Kurse, deren Inhalt auf die Arbeitsaufnahme abgestimmt sei. „Wer Menschen auf der Bettkante sitzen lässt, verschleudert Potenziale. Zurzeit kommen viele hochqualifizierte Menschen zu uns, darunter Ärzte, Apotheker und Lehrer.“ Seit dem die Arbeitsaufnahme für Flüchtlinge erleichtert worden sei, habe man gute Erfahrungen mit der gezielten Ansprache von Firmen gemacht: „Das ist oft die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, aber ausgesprochen lohnend – für beide Seiten.“

Hilfe bei Versicherungsfragen

Der Mitarbeiter des Diakonischen Werkes sagte den Mitgliedern des Runden Tisches auch Hilfe bei der Versicherung von Flüchtlingen zu, wenn diese ein Praktikum ableisten könnten.

"Viele können nicht hierbleiben"

Doch Wirth kam auch auf die grundsätzliche Situation der Flüchtlinge zu sprechen: „Derzeit leben 200 000 Menschen hier, über deren Asylanträge noch nicht entschieden wurde. Die Bearbeitungszeit liegt im Moment zwischen sechs Monaten und eineinhalb Jahren. Daran werden wohl auch die 350 zusätzlichen Sachbearbeiter, die eingestellt werden sollen, nichts ändern. Vorrangig werden die Anträge der Flüchtlinge aus Syrien und Irak behandelt. Bei diesen Menschen besteht eine gute Chance auf Anerkennung. Mehr als 60 Prozent der Anträge werden positiv entschieden. Aber es muss sich auch jeder, der sich in der Flüchtlingsarbeit engagiert, wissen, dass unter den Menschen, die er betreut, viele sind, die nicht hierbleiben können.“

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