Auf den Spuren einer weiteren Talsperre für Kierspe

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Der Landschaftswächter Hermann Reyher steht unterhalb von Loherhammer und damit ziemlich genau dort, wo die Planungen des Ruhrtalsperrenvereins eine Sperrmauer vorsahen.

Kierspe - „Wollen wir heute noch eine Runde um die Kierspe-Talsperre drehen?“ „Du meinst die Kerspe-Talsperre.“ „Nein, ich meine die Kierspe-Talsperre!“ So könnte eine Unterhaltung verlaufen, wenn in den 1920er-Jahren die Pläne des Ruhrverbandes umgesetzt worden wären.

Dort, wo heute die Kierspe ins Tal und in Richtung Haus Rhade mäandert, Pferde auf den Wiesen bei Berkermühle grasen und Forellen ihre Runden in den Teichen in Halzenbach drehen, könnte heute auch Wasser stehen, zumindest dann, wenn die Pläne des Ruhrverbandes, der zu Zeiten der Weimarer Republik noch Ruhrtalsperrenverein heißt, umgesetzt worden wären. Wobei heute niemand mehr so genau weiß, wie weit diese Pläne überhaupt gediehen waren, eine Talsperre zu bauen. 

Hermann Reyher stieß eher durch Zufall auf die Pläne zur Errichtung des Bauwerks. 2011 wurde er zum Kiersper Landschaftswächter und damit auch zuständig für das Naturschutzgebiet im Kierspetal, das sich von hinter Haus Rhade durchs Tal hochzieht über Berkermühle, Halzenbach bis Lammecke. Bei seinen regelmäßigen Begehungen suchte er auch immer wieder mit Spaziergängern und Anwohnern das Gespräch, um möglichst viel über das Gebiet und seine Geschichte zu erfahren. 

So war schnell klar, dass dort auch der Loherhammer angesiedelt war, auf den oberflächlich nichts mehr hinweist, und das von der Berkermühle eigentlich nur noch der Name übrig ist – zumindest deutet von außen an dem einzigen Gebäude nichts auf den früheren Mühlenbetrieb hin. „Ein Spaziergänger hat mir dann von der geplanten Talsperre erzählt, doch das ist sicher schon drei oder vier Jahre her“, erzählt Reyher. In der Folgezeit hat er sich immer mal wieder mit Kierspern unterhalten, die normalerweise bestens über die Geschichte der Volmestadt informiert sind. „Niemand wusste etwas, nicht einmal der frühere Ortsheimatpfleger.“ 

Doch letztlich wollte Reyher es genau wissen und fragte Ende des vergangenen Jahres beim Ruhrverband in Essen nach. Und er hatte Glück, die Archivarin des Verbandes Anke Hödel nahm sich der Sache an – und wurde fündig. Im sogenannten Talsperrenatlas fand sie auf Blatt 30 die Kierspetalsperre. Als Jahreszahl ist 1927 vermerkt. Klar ist, dass die Sperrmauer an der Engstelle des Tals zwischen Haus Rhade und Loherhammer gebaut werden sollte. 

Es wäre wohl ein imposantes Bauwerk geworden, denn hinter der Mauer sollte sich das Wasser bis auf eine Höhe von 38 Meter stauen. Insgesamt hätte der sich hinter der Mauer bildende See rund zehn Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen können. Das Niederschlagsgebiet wurde mit einer Fläche von neun Quadratkilometern ausgewiesen und hätte sich zum größten Teil in Kierspe, zu einem kleinen Teil aber auch in Halver befunden. Begrenzt wäre dieses Gebiet in Kierspe durch die heutige L 528, Neuenhaus, Vor der Mark, Hölterhaus, Lohfeld, Romberg, Vornholt und Berkenbaum. In Halver endet das Gebiet in Schmidthausen, Hohl, Brüninghausen und Sticht. Die Talsperre selbst wäre in Kierspe an die Ortschaften Lammecke, Feld, Hemecke, Berken und Loh gestoßen. Halzenbach und Berkermühle hätten sich auf dem Grund des künstlichen Sees befunden. 

Warum die Sperre letztlich nicht gebaut wurde und welchem Zweck sie gedient hätte – Trinkwassergewinnung oder Regulierung für die Ruhr, wie das unter anderem der Biggesee sicherstellt – konnte die Archivarin nicht klären, da sich keine weiteren Unterlagen für die weiteren Bauplanungen finden. Hösel vermutet, dass die Pläne letztlich zugunsten einer anderen Talsperre aufgegeben wurden. Klar ist aber, dass es keinen Zusammenhang mit dem Bau der Jubachtalsperre gibt, die auch bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet wurde.

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