Rönsahler Lehrer baut jahrzehntelang Streichpsalter

+
Im Besitz von Brigitte Potthoff ist ein Streichpsalter, den ihr Vater Fritz Speckenbach gebaut hat.

Rönsahl -  Ein sehr spezielles Musikinstrument befindet sich im Besitz mehrerer älterer Rönsahler Bürger. Die Rede ist vom Streichpsalter. Denn im Grenzdorf lebte und wirkte jahrzehntelang ein Lehrer, der dieses Instrument in großem Stil selber baute.

Das Streichinstrument hat mit dem mittelalterlichen Psalter nur den Namen gemeinsam, entwickelt wurde es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus der Violinzither. Dabei sind über einen Resonanzkasten aus Holz Stahlsaiten unterschiedlicher Länge gespannt, die jeweils einen fixierten Ton ergeben. Gestrichen wird der Psalter mit einem Bogen.

Eberhard Mittmann, Lehrer aus Rönsahl, kannte den Streichpsalter und entwickelte ihn weiter. Den Korpus aus Eichen-, später aus Eschenholz gestaltete er dreieckig, die Saiten stimmte er chromatisch in Halbtonschritten und strich sie über den Aufhängungen. In dieser Form fand das Streichinstrument Eingang in den Musikunterricht der damals noch acht Schuljahre umfassenden Volksschule. Der Vorteil dabei: Das Psalterspiel lässt sich leicht lernen. Weil der Ton festliegt, wie etwa bei einem Klavier, entfällt das Problem der Tonbildung. Eigentlich stehe er dem Glockenspiel näher als der Geige, meinte sein Erbauer. „Es haftet seinem Körper und seinem ausstrahlendem Ton etwas Urhaftes an, die Kraft und der Zauber, die Schlichtheit und Reinheit des Ursprünglichen. Der Psalter ist ein Vertreter der Musikinstrumente in ihrem archaischen Zustand wie die klingenden Hölzer und Metallstäbe“, formulierte er in der blumigen Sprache der 1950er-Jahre. Die ideale Ergänzung zum Streichpsalter sei die Blockflöte, vor allem aber der Gesang, meinte Eberhard Mittmann.

Lehrer stattete Klassen mit Instrumenten aus

Der fleißige und umtriebige Lehrer stattete nach und nach ganze Schulklassen mit seinen Streichpsaltern aus. Helmut Bremecker besitzt heute noch zwei davon. Einer davon ist ein Prototyp, den Mittmann ihm geschenkt hatte. Denn der Lehrer griff bei der Produktion auf die Hilfe seiner dörflichen Umgebung zurück. Die Bretter für den Resonanzkasten schnitt ihm ein Schreiner zurecht. Bremeckers Vater, von Beruf Sattler und Polsterer, versorgte ihn mit Polsternägeln, die Mittmann anfangs als Abstandhalter benutzte.

Der Lehrer war ein Tüftler, die Saitenlängen ermittelte er auf empirischem Wege. Mit der Zeit produzierte der Lehrer seine Psalter in Serie und vertrieb sie deutschlandweit. „Er hatte eine Manufaktur“, so Bremecker, der sich heute noch daran erinnern kann, wie Lehrer Mittmann mit dem Handkarren Pakete zur Post brachte. In drei verschiedenen Stimmlagen, mit 20, 26 oder 30 Saiten, bot Mittmann seine Psalter an.

Nach seinen Plänen werden auch heute noch Streichpsalter gebaut. Einer seiner Nachfolger war Fritz Speckenbach aus Dorn, der in fortgeschrittenem Alter den Psalterbau als Hobby für sich entdeckte. Seine Tochter Brigitte Potthoff spielt zwar selbst nicht darauf, hält den Streichpsalter ihres Vaters aber in Ehren.

Birgitta Negel-Täuber

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare