Rönsahl, das „Dorf der Diakonie“

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Derzeit leben 47 Menschen unterschiedlichen Alters in den Räumlichkeiten des Rönsahler Wohnheims im Bereich des Wohnverbunds Volmetal des Johanneswerkes, das auf eine fast 70-jährige und auch wechselvolle Geschichte im Dienste der Diakonie zurückblicken kann.

Kierspe - Rönsahl ist als "Dorf der Diakonie" bekannt. Wie es dazu gekommen ist, hat Rainer Crimmenerl zusammengetragen und beschreibt die Ereignisse an der Waldheimat von den 30er Jahren bis heute.

Von Rainer Crummenerl

60 oder 70 Jahre sind kaum mehr als ein flüchtiger Hauch im dicken Buch der Geschichte, so wie sie über Jahrhunderte die Seiten der Rönsahler Ortschronik füllte. Und doch: Auf den Punkt gebracht und näher betrachtet ist eine solche Zeitspanne gleichbedeutend mit einem Menschenleben. Manches verändert sich im Verlauf der Jahrzehnte – auch im Umfeld eines Dorfes wie Rönsahl mit all seiner (immer noch vorhandenen) Beschaulichkeit. Im Blickfeld der Betrachtung liegt die Ortslage „Am Stade“, genauer gesagt das Terrain, wo heute der Gebäudekomplex der Waldheimat zu finden ist.

Unlösbar verbunden mit der Waldheimat – heute Teil des Wohnverbunds Volmetal im Bielefelder Johanneswerk – ist der nun schon fast seit sieben Jahrzehnten bestehende Ruf Rönsahls als weithin bekanntes „Dorf der Diakonie“.

Und dass sich hieran auch nach dem kürzlich erfolgten Umzug der Märkischen Werkstätten aus dem ehemaligen Werkstattgebäude in Rönsahl nach Kiersperhagen nichts Grundlegendes ändern wird, mag folgender Bericht belegen: Wenn um das Jahr 1930 die Reichsjugendwettkämpfe (vergleichbar mit den heutigen Bundesjugendspielen) ausgetragen wurden im damaligen Amt Kierspe, dann gehörte auch Rönsahl zu den Austragungsorten.

Turnverein hatte Sportplatz angelegt

Damals hatte der hiesige Turnverein auf dem Gelände der jetzigen Waldheimat einen Sportplatz angelegt. Der hatte zwar nicht die Ausmaße eines „modernen“ Platzes, aber für die damaligen Zwecke genügte er. Wie die Dorfchronik berichtet, waren „hier die großen Spiele wie Fußball oder Handball noch keine Mode“. Von den Nazis wurde der Platz enteignet zwecks Errichtung eines so genannten Arbeitsdienstlagers.

Etwa ein Dutzend Baracken beherbergten die Arbeitsdienstmänner, die zum Beispiel eingesetzt wurden als es galt, einige Wiesentäler im Gemeindegebiet zu verbessern. Im 2. Weltkrieg waren Arbeitsmaiden im Lager untergebracht. Gegen Kriegsende erfolgte ein Angriff feindlicher Flieger auf das Lager. Glücklicherweise, so der Bericht, gingen fast alle Bomben in der Umgebung des Lagers nieder, so dass nur eine Tote und wenige Verletzte zu beklagen waren.

Nach 1945 überschlugen sich die Ereignisse auch im kleinen Rönsahl. Die amerikanische Bezirkskommandantur als Besatzungsmacht forderte die Übergabe von zehn Häusern in Rönsahl, damit dort die damals so genannten „displaced persons“, vor allem russische Zwangsarbeiter, die auf die Rückkehr in ihre Heimat warteten, eine Unterkunft fänden. Das (die Evakuierung von zehn Häusern) durfte auf keinen Fall geschehen. Geschicktem Taktieren von Bürgermeister Artur Voswinkel und Hilfspfarrer Adalbert Turck war es zu verdanken, dass damals der Gedanke ins Spiel gebracht wurde, die vorhandenen Baracken für die Arbeit der Inneren Mission zu nutzen und auf diese Weise die Einquartierung von „displaced persons“ in Rönsahl zu verhindern.

Bis Ende 1945 lebten 40 Männer in einer Baracke

Unter großzügiger Auslegung der amerikanischen Auflagen war es noch im selben Jahr möglich geworden, das Projekt, alten, pflegebedürftigen Menschen und vor allem auch durch Kriegseinwirkungen verwaisten Kindern eine neue Bleibe zu geben, in die Tat umzusetzen. Das „Evangelische Alters- und Kinderheim“ war aus der Taufe gehoben und damit der Grundstein für den Beginn der praktizierten diakonischen Arbeit in Rönsahl, die in den folgenden Jahrzehnten dazu führte, dass der Ort fortan weithin als „Dorf der Diakonie“ bekannt und geschätzt wurde.

Bis Ende 1945, so ein Bericht, lebten 40 alte Männer in einer Baracke mit vier Zimmern.

Aufnahme der ersten Flüchtlingskinder

Im folgenden Jahr wurde das Heim durch das Evangelische Hilfswerk Westfalen übernommen, und es erfolgte die Aufnahme der ersten Flüchtlingskinder. Damals wurde Diakon Hermann Nöh aus Bethel mit der Leitung der „Anstalt“ betraut. Er war der erste „Hausvater“ im Kinderheim, dem der Name „Wald-Wehme“, was so viel bedeutet wie „Heimat am Walde“ gegeben wurde. Im Dezember 1946 wohnten 140 Menschen im Heim, davon 60 Kinder aus dem Ruhrgebiet, die zur Erholung da waren. Auch von vorprogrammierten Schwierigkeiten und Reibungspunkten zwischen der alteingesessenen Dorfbevölkerung und dem neuen Heimbewohnern wird berichtet. Teilweise wurde unter der Bevölkerung „viel Ärgernis und Widerstand“ ausgelöst, wie es einmal heißt.

Aber die Arbeit „verantwortungsbewusster Christenmänner“ setzte sich durch. Mit der Zeit gehörte das Kinderheim zum dörflichen Leben. 1951 geht das Heim mit der Gründung des Evangelischen Johanneswerkes in dessen Trägerschaft über. Allmählich besserten sich die Zeiten. Nach und nach konnten die alten Holzbaracken abgerissen werden und massiven Neubauten weichen. Diese entstanden 1952 und 1956. Dadurch wurde die räumliche Entzerrung des Wohnangebots erreicht. 1956 lebten beispielsweise 91 Kinder in Kinderheim Wald-Wehme.

Im Laufe der folgenden Jahre änderten sich Ansprüche und Konzeptionen, die für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen außerhalb ihrer eigentlichen Familie, also in Heimen, maßgeblich waren, verschiedentlich. So gab es für die Ende 1969 hier lebenden 75 Jungen zu wenig und dadurch überlastetes pädagogisches Personal, es herrschte Platzmangel, und große Gruppen erschwerten das Zusammenleben, so ein Situationsbericht.

1970 ziehen neue Bewohner ein

Die Überlegungen in der Trägerschaft des Heimes führten dann schließlich dazu, eine grundlegende Nutzungsänderung des Gesamtkomplexes durchzuführen, und zwar dergestalt, dass das Kinderheim geschlossen und stattdessen an gleicher Stelle ab September 1970 dort Betreuungsarbeit an „männlichen Personen mit geistiger und teils auch körperlicher Behinderung“ geleistet wurde. Eine „beschützende Werkstatt mit Internat“ löste nahezu übergangslos das bisherige Kinderheim ab. Mit der Zweckänderung vollzog sich auch die Umbenennung des Hauses, das nun den Namen „Waldheimat“ trug. Im Oktober 1970 zogen die neuen Bewohner, Jugendliche über 18 Jahren, ein. „Sie sollen hier Gelegenheit finden, unter kundiger Anleitung ihren Möglichkeiten entsprechend gefördert zu werden,“ hieß es dazu.

Johanneswerk im alten Schulgebäude

Diesem Grundkonzept – wenngleich mit wechselnder Ausrichtung – ist der Träger bis auf den heutigen Tag treu geblieben. Im Laufe vieler Jahre gab es sowohl hinsichtlich der Bewohner der Waldheimat als auch der Leitung mancherlei Wechsel. Zumeist war die Kapazität des Wohnheims, das zudem während etlicher Jahre gleichzeitig auch Räumlichkeiten für arbeitstherapeutische Maßnahmen bereit hielt, mit bis zeitweise an die hundert und mehr Bewohnern trotz immer wieder durchgeführter Modernisierungsmaßnahmen mehr als ausgelastet.

Im Jahre 1980 konnte das Johanneswerk im ehemaligen Rönsahler Schulgebäude eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen einrichten, die zusätzlich auch von auswärtigen Arbeitskräften genutzt wurde. Durch Einrichtung mehrerer Außenwohngruppen in Kierspe und Meinerzhagen entzerrte sich in den Folgejahren auch die Wohnsituation in der Waldheimat als solche mit dem Ziel, die Zahl der hier noch verbliebenen und zum großen Teil bereits älteren Bewohner vor Ort von derzeit 47 auf längerfristig 24 – gedacht ist dabei derzeit an einen Zeitraum von etwa zehn Jahren – zu verringern (mit allen sich daraus möglicherweise ergebenden infrastrukturellen Veränderungen).

Derzeit jedenfalls sei der Bedarf an beschützten Wohnplätzen für Menschen mit besonderem Hilfsbedarf, so wie sie im Wohnverbund Volmetal des Johanneswerks sowohl stationär als auch in Tagesbetreuung speziell auch in Rönsahl angeboten werden, nach wie vor groß, wie Bereichsleiter Ralf Borchert im Gespräch mit der MZ diesbezüglich durchblicken ließ, so dass auch von daher gesehen der Standort Rönsahl als „Dorf der Diakonie“ auch künftig gesichert sei.

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