Vier Schulstandorte – aber nur ein Schulleiter

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An der Pestalozzischule wird seit dem Jahr 2009 ein neuer Schulleiter gesucht. Bewerber gab es trotz elf erfolgter Ausschreibungen bislang nicht. ▪

KIERSPE ▪ Vier Schulen, ein Schulleiter – so stellte sich noch im Herbst des vergangenen Jahres die Situation an den Kiersper Grundschulen dar. An der Anzahl der Schulstandorte und Schüler hat sich zwar nichts geändert, doch aufgrund eines vollzogenen und eines geplanten Schulverbundes fehlt jetzt nur noch an einer Schule ein Leiter. Doch dort gibt es kaum Hoffnung, die Stelle schnell zu besetzen. Damit spiegelt Kierspe die Situation des Landes, wo 1200 Schulleiter fehlen, gut wider.

Es gab mal eine Zeit, da war ein VW Golf gut besetzt, wenn alle Kiersper Grundschulrektoren zu einem gemeinsamen Termin fahren mussten, mittlerweile bleibt sogar ein Smart halb leer. Nur Eckehard Haas ist übriggeblieben von den ehemals vier Grundschulleitern in Kierspe. Nachdem Petra Schreiber die Leitung der Servatiusschule in Rönsahl mit der Leitung einer Schule in ihrer Heimatstadt Halver getauscht hat, Marlene Umlauf aufgrund ihres Ruhestands die Schanhollenschule als Wirkungsstätte gegen den eigenen Garten eingetauscht hat und Maria Reusch die Pestalozzischule verließ, um im Schulamt tätig zu werden, waren und sind vor allem die stellvertretenden Schulleiter gefordert, die Schulen auf Kurs zu halten.

Durch den Schulverbund von Pestalozzi- und Schanhollenschule, der zum 1. August des vergangenen Jahres vollzogen wurde und dem anstehenden Verbund zwischen Bismarck- und Servatiusschule im kommenden Jahr, ist nur noch eine Leitungsstelle vakant. „Mittlerweile ist die Stelle des Schulleiters an der Pestalozzischule seit mehr als drei Jahren unbesetzt. Es hat auch elf Ausschreibungen gegeben, doch so weit wir wissen, hat sich niemand beworben“, erklärt Petra Koch, die bei der Stadtverwaltung für die Schulen zuständig ist.

Während früher die Bewerbungen bei der Stadt als Schulträger eintrafen, gehen diese nun an das Regierungspräsidium. Und die Informationen über den Stand der Ausschreibungen kommen nur sehr spärlich bei der Verwaltung am Springerweg an. Die kommissarische Leitung der Pestalozzischule mit Teilstandort Schanhollenschule, wie es nun offiziell heißt, hat bereits 2009 Reinhard Mayr übernommen, der auch schon ein Jahr überbrückt hatte, bis mit Maria Reusch 2006 eine neue Leiterin an die Schule kam. Unterstützung erhält er dabei von Thomas Block, der als Konrektor an der Schanhollenschule tätig ist.

In Rönsahl gab es aufgrund der geringen Größe der Schule keine Konrektorenstelle, dort wurde Jutta Schnittgen als dienstälteste Lehrerin im Kollegium mit der Leitung der Servatiusschule beauftragt. Wenn im kommenden Jahr auch dort der Schulverbund vollzogen wird, übernimmt Eckehard Haas die Leitung. Bereits jetzt ist der Bismarckschule-Rektor immer wieder dort anzutreffen, um bei der Verwaltung behilflich zu sein.

Gründe für das geringe Interesse, sich auf eine Rektorenstelle zu bewerben, sieht Bertold Paschert, der bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Essen für die Pressearbeit zuständig ist, in dem hohen Mehraufwand des Schulleiters, der nicht angemessen vergolten werde. So verdiene ein Grundschullehrer im mittleren Lebensalter rund 3300 Euro (A12), würde dieser Lehrer eine Grundschule von der Größe der Servatiusschule (weniger als 180 Schüler) übernehmen, so bekäme er gerade einmal 400 Euro mehr. Hätte die Schule zwischen 180 und 360 Schüler, käme dazu noch einmal eine Zulage von 180 Euro. Für die Verwaltungsarbeit gebe es aber lediglich eine Entlastung von vier bis zwölf Schulstunden pro Woche.

„Für so ein geringes Mehr beim Bruttogehalt zieht niemand um, da muss sich schon jemand aus dem Kollegium oder aus der Stadt finden, der diese Stelle übernehmen möchte. Außerdem ist die Arbeitsbelastung so hoch, dass die Stundenreduzierung beim Unterricht, den der Rektor geben muss, kaum ausreicht“, schildert Harald Kredler, ehemaliger Schulleiter und Schatzmeister der GEW-Gruppe vor Ort, seine Sicht der Dinge.

Bestätigung findet diese Aussage auch durch die Einschätzung von Petra Koch, die erzählt, dass die Aufgaben in der Verwaltung deutlich zugenommen hätten: „Heute haben die Schulleiter auch Budgetverantwortung, da ist dann auch noch betriebswirtschaftliches Handeln gefordert.“

Die Situation beschäftigt auch den Vorsitzenden des Schulausschusses Clemens Wieland (UWG) seit Jahren. Auf der Suche nach Verbündeten ist er auf die Nachbarstädte Meinerzhagen und Halver zugegangen, um sich mit diesen gemeinsam mehr Gehör beim Land zu verschaffen. So ist bereits eine gemeinsame Sitzung mit dem Schulausschuss aus Meinerzhagen geplant, „um unter anderem auch über die Lehrersituation und den Schulleitermangel zu sprechen.“ Ähnliches wird auch mit dem Schulausschuss Halver angestrebt. Wieland: „Es hat keinen Zweck, diese Situation isoliert zu betrachten. Denn nicht nur Kierspe hat ein Problem, solche Stellen zu besetzen, sondern auch die Nachbarstädte. So fehlt beispielsweise in Meinerzhagen seit längerem ein Schulleiter für die Realschule.“

Der Ausschussvorsitzende verlangt von der Landesregierung ein entschiedeneres Handeln. „Es kann nicht sein, dass die Führungspositionen so unattraktiv sind, dass sich niemand bewirbt. Jetzt muss das Land handeln, entweder muss mehr bezahlt werden oder die Stellen müssen durch Dienstverpflichtungen besetzt werden. Die Landesregierung darf den ländlichen Raum nicht in solch starkem Maße vernachlässigen. Es liegt doch eindeutig ein Fehler im System vor, wenn selbst der Schulverbund die Stelle nicht attraktiv genug macht, dass sich Lehrer bewerben und auch die Konrektoren kein Interesse haben, die Leitung der Schulen komplett zu übernehmen“, so Wieland abschließend. ▪ Johannes Becker

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