Traditionsbetrieb schließt nach 55 Jahren in Kierspe

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Das Gelände an der Waldheimstraße wurde verkauft. Heute wird die Halle und das Grundstück von der Firma Nutzfahrzeugservice Fischer genutzt.

Kierspe - Es fällt Elfriede Wohlgemuth sichtlich schwer, über das Ende ihres Betriebes zu sprechen. Eigentlich hätte sie mit ihren Kindern und Mitarbeitern am 1. Januar den 55. Geburtstag des Busreiseunternehmens feiern wollen. Statt dessen war dies dann der erste Tag nach langer Zeit, an dem die Kiersperin nicht mehr als Inhaberin der Traditionsfirma geführt wurde.

„Eigentlich sollten meine Tochter und mein Sohn das Unternehmen weiterführen. Die beiden sind ja auch schon lange Jahre in der Firma tätig gewesen und haben das Unternehmen, nach dem Tod meines Mannes 1991, mit mir gemeinsam geführt“, erzählt Elfriede Wohlgemuth. Doch im vergangenen Jahr starb nach kurzer schwerer Krankheit Sohn Bernd. Neben dem Schicksalsschlag für die Familie bedeutet dieser frühe Tod auch den Ausfall desjenigen, der sich um die Technik der Fahrzeuge kümmerte und die weiten Reisen fuhr. „Die Firma ohne ihn weiterzuführen, wäre nur sehr schwer möglich gewesen“, erklärt Susanne Rösges, die Tochter der Unternehmerin.

Ein Bus mit Panoramadach war ein echter Hingucker. Vor allem bis in die 1980er Jahren waren Busreisen eine beliebte Art des Urlaubs.

Begonnen hatte alles 1962 mit einem gebrauchten Ford Transit und 70 Mark Bargeld – so steht es in dem Bericht der Meinerzhagener Zeitung über den 25. Geburtstag des Reisedienstes Wohlgemuth, der im Januar 1987 gefeiert wurde. Anfangs ging es darum, die katholischen Schüler zur Schule zu bringen. Danach wurde auf Anfrage der Stadt Kierspe ein großer Teil des Schulbusverkehrs durch das heimische Unternehmen abgewickelt. Um das auch mit entsprechenden Fahrzeugen erledigen zu können, erwarb Unternehmensgründer Wilhelm Wohlgemuth den Führerschein für große Busse. Mit den Jahren wuchs das Unternehmen kontinuierlich – wobei der Schulbusverkehr, der später zum Linienverkehr wurde, bis zum Ende ein wichtiges Standbein blieb.

„Die Hochzeit des Unternehmens war sicher in den 1980er Jahren“, erinnert sich Elfriede Wohlgemuth. 1982 begann Tochter Susanne ihre Ausbildung im elterlichen Betrieb zur Bürokauffrau, Sohn Bernd kam nach der Bundeswehrzeit 1984 als Reisebusfahrer und zur Unterstützung in der Werkstatt dazu. 1987 erwarb Susanne auch den Omnibusführerschein und übernahm eine Schulbuslinie und kleinere Sonderfahrten.

Unternehmensgründer Wilhelm Wohlgemuth startete mit einem Ford Tranist und 70 Mark Bargeld in das Busgeschäft.

Insgesamt befanden sich zu dieser Zeit elf Busse im Besitz des Familienunternehmens. In den Herbstferien, die damals nur eine Woche lang waren, ging es auch schon mal mit drei Bussen nach Spanien und im Winter sorgten Wohlgemuths dafür, dass die Wintersportler, die mit Sonderzügen nach Meinerzhagen kamen, auf die verschiedenen „Skigebiete“ verteilt wurden. „Damals haben wir auch noch Butterfahrten ausgeschrieben und Einkaufsfahrten nach Amsterdam angeboten“, ergänzt Rösges.

Doch auch wenn es in den 1990er- und 2000er-Jahren ruhiger wurde im Busgeschäft – Vereine und Gruppen buchten nach wie vor gerne bei Wohlgemuths und auch ein größerer Reiseanbieter griff gerne auf die zuverlässigen Partner aus Kierspe zurück.

Elfriede Wohlgemuth und Sabine Rösges haben sich schweren Herzens von dem Familienbetrieb getrennt.

Insgesamt ist Elfriede Wohlgemuth 50 Jahre gefahren, Tochter Susanne immerhin 29 Jahre. Wobei die Unternehmerin gerne noch weitergefahren wäre, doch das ließen die Verträge mit dem Auftraggeber MVG nicht zu. Trotz Verlängerung fuhr Elfriede Wohlgemuth ihre letzte Tour 2013 – und wurde herzlich von „ihren Kindern“ verabschiedet.

Da man die Verträge zum Schuljahresende 2016 an die MVG zurückgegeben hatte, hieß es nun am letzten Schultag auch für Tochter Susanne Abschied nehmen. An fast allen Haltestellen standen Eltern mit Blumen oder Geschenken. Manche der Eltern hatte sie schon als Kinder zur Schule gefahren. „Das fiel schon ganz schön schwer“. Für die OVAG im Oberbergischen Kreis endeten die Verträge erst im Dezember 2016.

Danach trennte sich Elfriede Wohlgemuth dann auch von den letzten Bussen und natürlich auch von dem Firmengelände samt Halle. Gekauft wurden Halle und Grundstück von der Firma Nutzfahrzeugservice Fischer, die dort nun ihre Spezialreinigungsfahrzeuge parkt und wartet.

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