Freie Sicht auf Gottes Wort

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Rund 60 Besucher wollten wissen, wie die Reformation nach Kierspe kam.

Kierspe - Die Frage einer Besucherin war die schönste an einem sehr informativen Vortragsabend: „Wo bekomme ich Luthers 95 Thesen her?“, wollte sie wissen und bekam natürlich einige Hinweise. Im Lutherjahr 2017, 500 Jahre nach der geschichtsträchtigen Veröffentlichung von Luthers Standpunkten, beantwortete Hans Ludwig Knau in der Margarethenkirche die Frage, wie die Reformation nach Kierspe kam.

Aus der Vielzahl der Thesen schloss die Fragerin haarscharf: „Der Ablass kann es ja nicht alleine sein.“ Und tatsächlich wurde an diesem Abend geklärt, worum es bei den religiösen Auseinandersetzungen sonst noch ging. Manchmal schüttelte Hans Ludwig Knau darüber verwundert den Kopf. Nach einem kurzen Überblick über die großen Stationen und Jahreszahlen des protestantischen Aufbruchs konzentrierte er sich auf die Ereignisse in Kierspe.

Der Ort war noch einigermaßen authentisch: „Die Margarethenkirche ist kein Neubau des 19. Jahrhunderts“, wies Knau auf das Alter der reformatorisch umgestalteten Kirche hin: Säulen und dicke Mauern kamen raus, um von jedem Platz den freien Blick auf die Kanzel sicherzustellen.

Freie Sicht für freie Bürger - auf Gottes Wort und die Kanzel: In Kierspe bildete sich, ähnlich wie in größeren Städten, eine bürgerliche Mittelschicht, die kritisch auf die katholische Kirche schaute.

Nach protestantischem Verständnis war es die Verkündigung von Gottes Wort, die den Glauben stiftete und die Menschen vom Zwang äußerlicher Werke befreite. Im Rückblick zeigt sich allerdings, dass die „Einführung der Reformation in Kierspe lange Zeit unentschieden“ war: Pfarrer und Vikar waren sich häufig uneins über die zu vertretende Lehre, was allerdings kein Grund für große Zerwürfnisse war: Zwischen 1550 und 1560 zeigte Pfarrer Johann Frombach keine große Neigung, zum Lutheraner zu werden.

An seiner Seite hatte er jedoch Vikar Rudolf Rövenstrunk, den „ersten lutherischen Prediger in Kierspe“. „Ein Pfarrer predigte anders als der andere“, schilderte Hans Ludwig Knau diese Situation. „Pfarrer Frombach hat den Vikar gewähren lassen.“ Der allerdings erreichte seine Schäfchen nicht: „Ganz offensichtlich hat es der Gemeinde nicht gefallen.“

„Ich mache nicht nur Eisen, sondern ab und zu auch etwas Anderes in der Geschichte“, erklärte Hans Ludwig Knau.

Der „eigentliche Reformator von Kierspe“ war Frombachs Nachfolger Thomas Egenscheid, der es aber wiederum mit einem Vikar zu tun hatte, der sich darum bemühte, den katholischen Gottesdienst aufrechtzuerhalten. So viel Akzeptanz hätte später in der Zeit der konfessionellen Spaltung und der Konfessionskriege sicherlich gutgetan. Stattdessen mussten auch Kierspes Pfarrer zwischen 1637 und 1640 „mit ihren Pfarrkindern das Elend bauen und anstatt des öffentlichen, ihren Gottesdienst in Bergen, Wäldern und Höhlen halten“.

Nicht weit von Kierspe trug sich allerdings auch schon 1529 Schreckliches zu: In jenem Jahr wurde Adolf von Clarenbach, der Reformator des Bergischen Landes, in Köln verbrannt.

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