Den eigenen Platz in der Gesellschaft finden

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Mit Adventsgestecken als Geschenk besuchten Teilnehmer der Qualifizierungsmaßnahme, Mitarbeiter des Trägers Inab und eine Berufsberaterin der Arbeitsagentur die Seniorenresidenz. ▪

KIERSPE ▪ Menschen mit Behinderung haben nicht nur mit ihrem Handicap zu kämpfen, sondern auch mit den Vorurteilen ihrer Mitmenschen. Dass auch Arbeitgeber nicht frei sind von solchen Bedenken, haben viele Menschen mit Behinderung leidvoll erleben müssen – vor allem und gerade dann, wenn die Behinderung nicht sehr schwer ist. Dieser Situation begegnet die Arbeitsagentur in Zusammenarbeit mit dem Bildungsträger INAB mit einem Qualifizierungsprogramm.

„Gerade Menschen, die zu stark für einen Platz in einer Behindertenwerkstatt aber zu schwach für das Erreichen eines Ausbildungsabschlusses sind, haben es sehr schwer, einen regulären Arbeitsplatz zu finden. Aber auch Menschen, die unter einer psychischen Behinderung leiden oder aufgrund eines Unfalls oder einer Krankheit nicht mehr die Leistung bringen können, die sie früher erbracht hatten, haben oft kaum eine Möglichkeit, im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen“, erklärt Susanne Reich vom Bildungsträger INAB, einem Tochterunternehmen des Berufsförderungswerkes. Seit 2009 beschäftigt sich dieser Träger mit einem neuen Programm, dass die Aufgabe hat, Menschen, die in die genannte Gruppe fallen für den sogenannten freien Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Eine Arbeit, die Früchte trägt, davon konnten sich die Inab-Mitarbeiter und die Arbeitsagentur in Kierspe gleich bei zwei Arbeitgebern überzeugen.

So gibt es in der Küche der Seniorenresidenz eine Mitarbeiterin, die diese Maßnahme durchlaufen hat. Zwei Jahre lang wurde die junge Frau von der Inab betreut und in verschiedenen Praktika für ihren Einsatz fit gemacht. Die letzten acht Monate verbrachte sie dann bereits in der Küche der Residenz, wo sie im Anschluss auch einen regulären Arbeitsvertrag bekam, der nach Haustarif entlohnt wird und nun bereits zum ersten Mal verlängert wurde. „Wenn sich nichts ändert, dann wird das befristete Arbeitsverhältnis im kommenden Jahr in ein unbefristetes umgewandelt“, freut sich die Leiterin der Seniorenresidenz Sabine Troschinski.

Ganz so weit ist ein weiterer Mitarbeiter in dem Seniorenheim noch nicht. Dieser hatte die letzten neun Monate seiner Qualifizierung bereits in der Residenz gearbeitet, dort Tische gedeckt, die alten Menschen zum Mittagessen begleitet und weitere Arbeiten in erledigt. Im November hat er dann einen Arbeitsvertrag bekommen. Troschinski: „Für uns ist dieses Programm eine große Chance, da es immer schwerer wird, examinierte Pflegekräfte zu bekommen. Dann stellt es schon eine starke Erleichterung dar, wenn diese von Arbeiten, die nichts mit der Pflege zu tun haben, befreit werden. Aber die Einstellung von Menschen mit Behinderung gibt uns auch die Chance, unsere Werte zu leben.

In der Einrichtung selbst steht den beiden Mitarbeitern der Pflegedienstleiter Peter Oles als sogenannter Pate zur Verfügung. Oles hat die neuen Mitarbeiter bereits während der Maßnahme begleitet und eng mit der INAB zusammengearbeitet. Da trifft es sich gut, dass der Pflegedienstleiter, bevor er in der Residenz einen Arbeitsplatz fand, in einer Behinderteneinrichtung tätig war. „Nur wenn der Arbeitgeber auch bereit ist, eng mit uns zusammenzuarbeiten, kann er als Betrieb an dieser Maßnahme teilnehmen“, womit Reich auch noch einmal unterstreicht, dass die Teilnehmer im Mittelpunkt stehen.

Die Berufsberaterin der Arbeitsagentur Sabine Kowalewski betont aber auch die Chancen für den Arbeitgeber: „Wir sorgen für eine entsprechende technische Ausstattung des Arbeitsplatzes, zahlen eine Förderung um eventuelle Nachteile auszugleichen, stehen als Ansprechpartner bereit und haben mit dem Bildungsträger vereinbart, dass dieser auch weiterhin zur Betreuung zur Verfügung steht.“

Ein lohnendes Engagement, sind doch rund 70 Prozent der Teilnehmer des ersten Lehrganges, der 2009 gestartet ist, nach Abschluss der zweijährigen Qualifizierung vermittelt worden. Ria Berges, die ebenfalls bei dem Träger INAB beschäftigt ist, sieht die Gründe für diesen Erfolg vor allem in der individuellen Förderung: „Maximal werden in einer Gruppe fünf Menschen mit Behinderung betreut. Und neben den qualifizierenden Maßnahmen im Betrieb findet einmal wöchentlich ein sogenannter Projekttag statt, an dem sich die Teilnehmer untereinander austauschen können.“ Den letzten Tag dieser Art nutzten die Teilnehmer dazu, um Adventsgestecke für die Seniorenresidenz zu basteln.

Sabine Kowalewski hob in diesem Zusammenhang auch noch einmal das Engagement der Teilnehmer hervor, die mit großem Ehrgeiz bei der Sache wären und lediglich eine geringe Aufwandsentschädigung bekommen würden: „Das zeigt aber auch, wie wichtig es den Teilnehmern ist, arbeiten zu können und so ein Stück Normalität in ihr Leben zu holen.“

Auf diesem Weg ist auch Patrick Ciomperlik, der seit einigen Monaten in der Maßnahme ist und seine erste Stelle bei dem sozialen Dienst Rat und Tat an der Kölner Straße gefunden hat, wo er im Hausmeisterservice eingesetzt wird.

Sein Pate ist dort Firmengründer Ralf Ulrich, der selbst lange Jahre beim Berufsförderungswerk gearbeitet hat und daher genau weiß, wie viel er dem jungen Mann zumuten kann, wann er ihn über- oder unterfordern würde. „Ich bin sehr zufrieden damit, wie sich Patrick Ciomperlik einbringt. Aber auch die Betreuung durch die Inab-Mitarbeiter ist erstklassig.“ Und obwohl das die erste Arbeitsstelle des Teilnehmers ist, kann sich Ulrich gut vorstellen, dass er den jungen Mann fest übernimmt, wenn es seine Auftragslage zulässt. ▪ Johannes Becker

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