Schulbus gegen Streifenwagen getauscht

Christina Werner macht die Arbeit mit den Kindern im DRK-Familienzentrum viel Spaß.

KIERSPE - 105 Schüler des elften Jahrgangs der Gesamtschule haben derzeit ihren Arbeitsplatz getauscht. Statt in die Schule geht es jetzt jeden Morgen in Firmen, Kindergärten, Buchhandlungen oder Polizeiwachen. Nach einer dreijährigen Pause wurde das dreiwöchige Praktikum wiederbelebt.

Von Johannes Becker

„Wir stellen eigentlich nur Auszubildende ein, die auch vorher ein Praktikum bei uns gemacht haben. Denn während der drei Wochen sehen wir sehr genau, welches soziale Verhalten die Schüler an den Tag legen, ob sie über ein räumliches Vorstellungvermögen verfügen und ob ihnen die Arbeit Spaß macht“, erklärt Harald Elbertshagen, Betriebsleiter der Firma Burg-Wächter. Marvin Christ ist einer der Praktikanten, die bei der Valberter Firma ein Praktikum absolvieren. Messschieber, technische Zeichnung, Metallsäge und Feile sind derzeit sein Handwerkszeug – und seine Aufgabe ist das Fertigen einer Modell-Lokomotive aus Metall.

Beworben hatte sich der Gesamtschüler des elften Jahrgangs in der Entwicklungsabteilung des Unternehmens. Da die Zyklen in einer solchen Abteilung aber zu lange dauern, um den Schülern einen Einblick in den Betriebsablauf zu geben, hat er nun seinen „Arbeitsplatz“ im Werkzeugbau gefunden. Sicher keine schlechte Wahl, will der junge Mann doch nach dem Abitur Maschinenbau studieren.

„Noch ist das Praktikum zwar keine Pflichtveranstaltung im elften Jahrgang, aber die Landesregierung setzt in der Ausbildungsordnung einen Schwerpunkt auf die Berufsorientierung“, erklärt Oberstufenleiter Rolf Muck. Das war in den vergangenen Jahren ganz anders. Da ließ die Ausbildungsordnung keine Zeit für solche Lernerfahrungen. Deshalb hat die Gesamtschule auch eine dreijährige Pause bei diesem Angebot einlegen müssen.

„Wir sind froh, dass die Schüler jetzt wieder die Möglichkeit haben, in die Berufswelt zu schnuppern und sich ein Bild von ihren angestrebten Berufen machen zu können“, so Jahrgangsleiter Christian Breidebach. Ein halbes Jahr hatten die Schüler Zeit, sich eine Praktikumsstelle zu suchen – möglichst in einem beruflichen Umfeld, in dem auch das Abitur benötigt wird. Muck: „Dabei sind wir auch offen für Praktikumsplätze, die sehr außergewöhnlich sind.“ Das zeigt sich auch an den Ausbildungsorten. Wenn auch der größte Teil der Schüler ihre Arbeitsplätze auf Zeit in der Umgebung gesucht haben, gehen einige ihrer Tätigkeit auch im Ruhrgebiet, im Rheinland oder in Dresden nach. Eine Schülerin absolviert ihr Praktikum gar in Singapur. Bei solch entfernten Orten erfolgt die Betreuung durch die Schule natürlich telefonisch. Ansonsten besuchen die Lehrer die Schüler persönlich im Betrieb.

Um Christina Werner zu besuchen, muss der zuständige Lehrer nur wenige Meter zurücklegen. Die junge Frau arbeitet gleich nebenan im DRK-Familienzentrum Felderhof. Was als Notlösung gedacht war, entpuppte sich als Glücksgriff. „Eigentlich wollte ich in einen ganz anderen Bereich, das hat aber nicht geklappt. Jetzt bin ich aber froh, hier zu sein“, erklärt Werner. Sichtlich wohl fühlt sich die Schülerin mit den Kindern und auch von der Erzieherin Karin Schmied gibt es viel Lob: „Das sichere Auftreten und die freundliche Art machen Kindern, Eltern und Kollegen den Umgang sehr leicht. Das ist nicht bei allen Praktikanten der Fall. Das liegt aber sicher auch daran, dass das Praktikum in der elften und nicht in der neunten Klasse stattfindet.“

Einen deutlich ruhigeren Praktikumsplatz hat sich Sarah Neumann gesucht. Die Meinerzhagenerin ist derzeit täglich in der Buchhandlung Schmitz anzutreffen. Eigentlich trug sie sich mit dem Gedanken, Psychologie zu studieren. Doch das Praktikum hat ihr bereits nach wenigen Tagen die Augen für andere Berufe geöffnet.

Einen spannenden Platz hat sich Vincenzo Scimeca gesucht. Er hat sich für die Polizei entschieden, ist mit den Beamten nach Diebstählen und Einbrüchen zu Einsätzen gefahren, hat die Verkehrserziehung kennengelernt und geht nun auch noch in die Wachen nach Lüdenscheid und Iserlohn. Und auch die Kripo steht noch auf dem Programm. Sein Fazit: „Der Beruf interessiert mich auf jeden Fall.“ Das gilt auch für Marijke Richter: Die Schülerin fährt jeden Tag von Halver nach Neu-Listernohl, wo sie in der Werbeagentur „Pixelbolide!“ arbeitet. Sie strebt ein Studium im Bereich Mediendesign an. Da sind die Erfahrungen, die sie in der Agentur derzeit sammeln kann, natürlich „Gold wert“.

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