Koalitionspläne stoßen auch in Kierspe auf Skepsis

Geht es nach den Plänen der Bundesregierung, wird es den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde auch für freiwillige Orientierungspraktika mit einer Dauer von über sechs Wochen geben – ein Vorhaben, dass auch in Kierspe auf Skepsis stösst. - Archivfoto: Negel-Täuber

Kierspe - Trübe Aussichten für Praktikanten werden seitens der deutschen Wirtschaft befürchtet. Grund ist der Paragraf 22 im Gesetzentwurf zum Mindestlohn, der noch vor der Sommerpause vom Bundestag genehmigt werden soll.

Dieser Paragraf sieht vor, dass freiwillige Praktika mit einer Dauer von mehr als sechs Wochen mit dem Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde vergütet werden – so jedenfalls die Vorstellungen von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und der großen Koalition.

Was auf den ersten Blick für Schüler, Studenten und Absolventen verlockend scheint, erweist sich jedoch bei genauerem Hinsehen als großes Problem für die Firmen. In der „Wirtschaftswoche“ äußerte sich Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer skeptisch: „Die Pläne werden nach jetzigem Stand dazu führen, dass freiwillige Orientierungspraktika von Unternehmen so gut wie nicht mehr angeboten werden, weil sie zu teuer sind.“

Den Kiersper Metallbau-Betrieb Gebrüder Fetting betreffen diese Pläne zwar nicht. „Praktika von mehr als sechs Wochen Dauer bieten wir nicht an“, sagt Lutz Fetting. Der Firmeninhaber räumt jedoch ein: „Abschrecken würde mich das auch.“

Insbesondere beim „Hochrechnen“ des Stundenlohns von 8,50 Euro auf einen Monat werden die erheblichen Mehrkosten für Betriebe deutlich: 1400 Euro – dies ist in vielen Berufen Auszubildenden-Niveau, wenn nicht gar mehr.

Bei der Firma Gebrüder Fetting baut man stattdessen seit Jahren auf Kurzpraktika mit einer Dauer von drei bis vier Wochen. Zudem gibt es ein Abkommen mit der Gesamtschule. Regelmäßig ermögliche das Unternehmen Gesamtschülern ein Praktikum, so Lutz Fetting. Etwa alle zwei bis drei Jahre nehme die Firma auch Studenten. Die Praktika sind sowohl für Schüler als auch für Studenten unentgeltlich. Für Letztere gibt es aber einen Kostenzuschuss.

Auch bei der heimischen kunststoffbearbeitenden Firma Lahme seien „Praktika von mehr als sechs Wochen Dauer nicht üblich“, berichtet Ulrike Funke aus der Personalabteilung des Unternehmens. Stattdessen biete man ein- bis zweiwöchige Schulpraktika an. Zudem hätten in der Firma vor kurzem erstmals sogenannte Berufserkundungstage stattgefunden. Hierbei haben Schüler an zwei Tagen die Möglichkeit, sich über die verschiedenen Berufe zu informieren.

„Das wird ein Problem für die Wirtschaft“

Schlichtweg zu klein, um Praktika anzubieten, ist das Kiersper Unternehmen Potthof & Prüschenk technische Öle und Fette. „Bei uns arbeiten nur fünf Mitarbeiter“, erklärt Michael Potthoff, der gemeinsam mit Bruder Jens Geschäftsführer der Firma ist. Aber auch er steht den Mindestlohn-Plänen der Regierung generell skeptisch gegenüber. „Wenn die Kosten für Praktika von über sechs Wochen für einen Betrieb deutlich steigen, dann werden sie weniger angeboten werden“, sagt Michael Potthoff. Dies werde dann zu einem Problem für die Wirtschaft.

Auch die heimische Firma Grote & Brocksieper Kunststoffverarbeitung und Werkzeugbau stellt „in der Regel keine Praktikanten ein“, wie Geschäftsführer Jörg Becker auf MZ-Anfrage mitteilt. Für das Unternehmen sei der Mindestlohn insofern von Bedeutung, dass dort Schüler und Studenten als Ferienaushilfen arbeiten. Deren Bezahlung werde dann dem Mindestlohn angepasst.

Dominic Rieder

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