Prävention wichtig: „Wenn die Polizei kommt, ist es zu spät“

Prävention wichtig: „Wenn die Polizei kommt, ist es zu spät“

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Nach wie vor steht der Gebrauch von Cannabis-Produkten an erster Stelle bei den illegalen Drogen. Auf Platz zwei sind die Amphetamine gerückt.

Kierspe - Die Drogen und ihre Konsumenten waren das beherrschende Thema in einer gemeinsamen Sitzung der Ausschüsse Demografie, Soziales und Familie, Schule und Kultur sowie Sport und Jugend. Damit saßen dann letztlich fast so viele Politiker, Referenten und Verwaltungsmitarbeiter im Ratssaal wie es Drogenabhängige in Kierspe gibt.

„Es ist den Ausschussvorsitzenden wichtig, dass die Mitglieder der Fachausschüsse auf den gleichen Stand gebracht werden. Aber genauso wichtig ist uns auch, von den Fachleuten zu erfahren, welche Hilfen ihnen die Kommunalpolitik geben kann“, erklärte Clemens Wieland (UWG) gleich zu Anfang.

„Wenn sie sich für unsere Arbeit interessieren, dann ist das schon viel. Darüber hinaus können sie dafür sorgen, dass das Geld bereitsteht, damit wir unsere Arbeit tun können“, kam es dann auch gleich von Stefan Hertel, dem Leiter der Anonymen Drogenberatung des Märkischen Kreises (Drobs) zurück. Er führte auch aus, dass die Präventionsarbeit einen großen Stellenwert in der täglichen Arbeit habe: „Die Behandlung von chronisch kranken Abhängigen ist sehr viel teurer als jede Präventionsarbeit.“ 

Und um den Politikern der Ausschüsse alle Illusionen zu nehmen, führte Tertel aus, dass er davon ausgehe und darauf auch die tägliche Arbeit hindeute, dass es in Kierspe alle Drogen gebe - „wie in jeder anderen Kommune in Deutschland auch“. Dabei kam er auch darauf zu sprechen, dass neben den klassischen Drogen Arzneimittel konsumiert würden und auch vom Alkohol ein großes Suchtpotenzial ausgehe. Er untermauerte diese Aussagen mit Zahlen, die die Drobs für Kierspe ermittelt hat. Demnach gibt es in der Volmestadt 290 Alkoholabhängige, 322 Erwachsene mit erheblichem Alkoholkonsum und 486 Medikamentenabhängige.

Drobs: Prävention steht an erster Stelle

Da jedoch die Arbeit mit den Abhängigen von illegalen Drogen nach wie vor einen großen Stellenwert einnimmt, ergriff nach seinem Chef Bernd Weißflog das Wort. Der Drobs-Mitarbeiter ist unter anderem für die Beratung von Konsumenten und Angehörigen zuständig. Er führte aus, dass die Drobs derzeit von rund 66 Drogenabhängigen in Kierspe ausgehe. Droge Nummer eins sei nach wie vor Cannabis, gefolgt von Amphetaminen, wobei letztgenannte in Kierspe „gut und leicht“ zu bekommen seien. Nach wie vor spielten aber auch Substanzen wie Heroin und Kokain eine gewisse Rolle, dieses seien aber aufgrund des hohen Preises nicht mehr so gefragt. „Glücklicherweise haben wir bislang nur ganz vereinzelt mit Chrystal Meth zu tun“, so Weißflog.

Damit das auch so bleibt, arbeitet Rene Sadowski jeden Tag im Südkreis. Der für Prävention zuständige Mitarbeiter stellte die verschiedenen Tätigkeiten vor und betonte, wie wichtig diese Arbeit bereits im Kindergarten- und Grundschulalter sei. Aber auch Veranstaltungen wie das „Camp“ im Sommer des vergangenen Jahres in Rönsahl und den Night-Move, der bereits seit Jahren in Kierspe stattfindet, ließ Sadowski nicht unerwähnt.

Bemerkenswert fanden die Politiker, dass in Kierspe besonders viele Frauen drogenabhängig seien. Gründe für deren Sucht - aber auch für die Sucht der Männer - seien Langeweile, Gruppenzwang und zerrüttete Herkunftsfamilien, führten die Drobs-Mitarbeiter aus.

Polizei: 100 Delikte im Jahr

Die Polizei, die von Wachleiter Michael Stumpe und Peter Bauer vom Jugend-Kriminalitäts-Kommissariat in der Sitzung vertreten wurde, verzeichnet pro Jahr rund 100 Delikte im Jahr in Kierspe, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Konsum und dem Handel von Drogen stehen. Damit liege Kierspe im guten Mittelfeld bei rund 1500 Fällen im gesamten Kreisgebiet, so Bauer, der weiterhin erklärte: „Die Beschaffungskriminalität wird in einer gesonderten Statistik und von einem anderen Kommissariat erfasst.“

Auch der Polizeibeamte sah Cannabis und Amphetamine an den ersten Stellen der konsumierten Drogen. Nach seinen Erkenntnissen seien die Preise in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, was daran liege, dass die Nachfrage das Angebot deutlich übersteige. „Das hat auch noch einmal die Auswertung einer vor Kurzem erfolgten Telefonüberwachung ergeben“, so Bauer.

Der Beamte nutzte seine Redezeit, Eltern und Lehrer zu ermutigen, jeden Verdacht auf Drogenkonsum und -handel zu melden. „Die Polizei muss jedem Hinweis nachgehen. Diese Ermittlungen können durchaus bei einem Jugendlichen einen heilsamen Schock auslösen.“ Auch räumt er mit der weitverbreiteten Meinung auf, dass der Besitz geringer Mengen weicher Drogen (Cannabis) keine strafrechtlichen Folgen haben würde. „Bei dem ersten Aufgreifen stellt die Staatsanwaltschaft vielleicht noch ein, beim zweiten Delikt ist das aber sicher nicht mehr der Fall.“

Stumpe appellierte im Hinblick auf die Eingangsfrage von Wieland an die Politiker: „Unterstützen sie die Präventionsarbeit. Wenn die Polizei kommt, ist es schon zu spät.“

Streetworking: Immer im Gespräch bleiben

Sibylle Wiehle, die als Streetworkerin in Kierspe unterwegs ist, warnte im Rahmen der Sitzung vor übertriebener Panik: „Viele Jugendliche probieren in der Pubertät einiges aus, danach verlieren aber auch Drogen für die meisten Jugendlichen ihren Reiz. Das Wichtigste ist bei alledem aber, mit den Jugendlichen im Gespräch zu bleiben.“

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