Plastika produziert für die Baubranche

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Die Belegschaft von Plastika Orth und Wächter, hier im Jubiläumsjahr 2013, ist in den vergangenen Jahren weitgehend konstant geblieben.

KIERSPE - Vielen Schülern ist das Atommodell aus dem Physikunterricht bestens bekannt. Anschaulich lässt sich damit der Aufbau von Molekülen darstellen und die Verbindungen von Stoffen sind optimal nachvollziehbar. Hergestellt werden die Kunststoffteile, aus denen sich der Baukasten zusammensetzt, schon seit den 1970er Jahren in dem Kiersper Unternehmen Plastika Orth und Wächter, das in diesem Jahr auf sein 50-jähriges Bestehen zurückblickt.

Von Rolf Haase

Die Firma, die an der Osemundstraße 13 beheimatet ist, hebt sich mit ihren Produktlinien deutlich von der Masse der Kiersper Betriebe ab, denn sie zählt nicht zu den klassischen Automobilzulieferern, sondern produziert schwerpunktmäßig für die Baubranche Reibbretter, Griffe für Sägen, Feilen und andere Werkzeuge wie Inbusschlüssel und Spachtel. Das große Spektrum an Tapezier- und Malerwerkzeug macht rund 70 Prozent des Umsatzes aus. Trotz der Billigkonkurrenz aus Fernost haben die Kiersper ihre Nische gefunden, indem sie neben einer gewachsenen schlanken Struktur, die die Basis für das erreichte hohe Maß an Wettbewerbsfähigkeit ist, zugleich extrem flexibel am Markt agieren und so zum Beispiel auch kleinere Margen, besonders auch in verschiedenen Farbausführungen, herstellen können. Beliefert werden vor allem Handwerkerfachmärkte, doch finden sich praktisch in jedem Baumarkt Werkzeuge von Plastika, wie Stefan Orth und seine Schwester Andrea Bornträger, die sich die Geschäftsführung teilen, informieren. In geringerem Umfang werden heute jedoch ebenfalls OEM-Produkte für die Elektro- und Automobilbranche hergestellt.

Stefan Orth zeichnet für Verkauf und Einkauf verantwortlich und Andrea Bornträger für Finanzen und Organisation. Auch ihr Mann Uwe Bornträger arbeitet in der Unternehmensführung als technischer Leiter mit. „Wir treffen wichtige Unternehmensentscheidungen immer gemeinsam zu dritt“, stellen die beiden Geschäftsführer fest.

Hat Plastika Orth und Wächter Ende der 1990er Jahre noch einen Umsatz von 2 Millionen D-Mark erzielt, sind es heute 1,4 Millionen Euro, was eine Umsatzsteigerung von rund 30 Prozent bedeutet. Beschäftigt werden 21 Mitarbeiter, viele davon schon seit langem. Diese Kontinuität spricht für das gute Betriebsklima.

In der Spitzerei stehen 18 Maschinen mit Schließkräften zwischen 30 und 200 Tonnen, von denen eine mit Gasinnendruck arbeitet. Roboter gestalten die Produktion effizient und erhöhen die Wirtschaftlichkeit. Es gibt einen eigenen Werkzeugbau mit, der hochmodern eingerichtet ist. Von der Idee über die Entwicklung bis zur Serienreife passiert alles im Hause. Per CAD und CAM werden die zum Teil CNC-gesteuerten Fräsmaschinen, Drehbänke, Schleifmaschinen und Erodieranlagen beschickt. Montage, Tampondruck, Ultraschweißen, Heißklebeanlage und eine kleine Metallverarbeitung speziell für die Spachtel, die gestanzt werden, ergänzen die Fertigung.

Offiziell gegründet wurde der Betrieb am 15. Oktober des Jahres 1963 gemeinsam durch den Vater Egon Orth und Paul Wächter an der Gartenstraße in Meinerzhagen. Hergestellt wurden von den zweien, die Nachbarn waren, auf zwei Spritzmaschinen, die in der Garage standen, zunächst Verschlussstopfen für die Heizkörperlackierung. Egon Orth entwickelte dann Ölstandsanzeiger für Öltanks von Heizungsanlagen. Wenig später kamen die ersten Sägegriffe für austauschbare Sägeblätter hinzu.

„Vater war Werkzeugmacher und hat bei Knoche gelernt und dann unter anderem bei Battenfeld sowie Busch und Müller gearbeitet. Paul Wächter war Verkäufer bei Grundig“, erinnern sich Stefan Orth und Andrea Bornträger. Wächter vermittelte viele Kontakte, so dass nach und nach ein Kundenstamm aufgebaut werden konnte. Wenn aus irgendeinem Grund nachts eine der Maschinen stehenblieb, klingelter es immer im Schlafzimmer, denken die Geschwister an die Pionierzeit ihres Betriebes zurück. Bereits 1965 ist Wächter aus der Firma ausgeschiedenen, weil er sich anderweitig orientieren wollte.

1966 erfolgte der Umzug nach Kierspe an den Springerweg 5. Zu dem Zeitpunkt kamen dann auch eine kleine Montage und ein Lieferwagen hinzu. Doch 1969 waren die Räume langsam schon wieder zu klein geworden und das 2633 Quadratmeter große Grundstück im Industriegebiet Wildenkuhlen wurde erworben. „Zehn D-Mark kostete damals der Quadratmeter“, schmunzeln Orth und Bornträger angesichts der Grundstückspreise von damals. Plastika war dort eines der ersten Unternehmen, das sich letztlich dann aber erst vier Jahre später 1973 ansiedelte. Bereits zwei Jahre danach kam es zu einem ersten Anbau, in dem die Wohnung untergebracht wurde. In einem Teil davon befindet sich heute das Büro.

1979 errichtete Egon Orth eine neue Halle für den Werkzeugbau und die Montage, um die Spritzerei erweitern zu können. Sukzessive wurde der Maschinenpark während der 1980er Jahre vergrößert. In dieser Zeit entwickelte der findige Unternehmensgründer für einen Bekannten, der Betriebsleiter in einem Stahlwerk war, einen Angusskorb für Stranggussanlagen. Dafür werden diverse Kunststoff- und Metallteile miteinander verbunden. Auch dieses Erzeugnis wird bis heute hergestellt und ergänzt die verschiedenen Sparten von Plastika. „Der Angusskorb zählt nach wie vor zu unseren wichtigsten Produktlinien“, macht das Geschäftsführerteam aufmerksam.

1986 wurden Lager und Versand mit einer Lastwagenrampe angebaut und 1999 eine 800 Quadratmeter große Halle für das Rohstoff- und Fertigteillager. „Sie bietet heute Platz für 200 Paletten“, informieren Stefan Orth und Andrea Bornträger, die den Betrieb im Jahr 1999 von ihrem Vater überschrieben erhielten, der sich in den folgenden Jahren nach und nach zurückzog.

Zu einer extrem schwierigen Situation, die sogar zu einer Existenzbedrohung hätte führen können, kam es 2011, als eine der Hallen nach einer Brandstiftung abbrannte. Jedoch ging das Unternehmen letztlich sogar gestärkt daraus hervor.

Die Firma Plastika Orth und Wächter feiert ihr 50-jähriges Bestehen gleich zweimal: Eine offizielle Jubiläumsveranstaltung findet am kommenden Freitag, 27. September, ab 13 Uhr an der Osemundstraße statt. Eingeladen sind neben den Mitarbeitern und ihren Familien auch ehemalige langjährige Beschäftigte, die Kunden, Lieferanten und die Honoratioren der Stadt sowie die Nachbarn und Unternehmen, die bei dem Brand vor zwei Jahren dabei geholfen haben, dass die schwierige Zeit überstanden wurde. Es wird Führungen durch den Betrieb geben, einen Imbiss sowie ein kleines Musik- und Unterhaltungsprogramm.

Am Montag, 30. September, wird dann ab 8 Uhr zum Unternehmerfrühstück des Stadtmarketingvereins eingeladen. Dann referieren Fachleute aus dem Versicherungs- und Gutachterwesen darüber, was im Falle eines Brandes wichtig ist.

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