Kfz-Haftpflicht: Seit 80 Jahren vorgeschrieben

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Nach einem Verkehrsunfall ist die Versicherung gefragt. Die Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung wurde heute vor 80 Jahren in Deutschland zur Pflichtversicherung.

Kierspe - Ohne Haftplichtversicherung darf in Deutschland kein Kraftfahrzeug auf die Straße – und das seit genau 80 Jahren. Wobei die Kfz-Versicherung deutlich älter ist.

„Die Kfz-Versicherung ist für viele Menschen die erste eigene Versicherung und für uns auch die Chance, einen neuen Kunden zu gewinnen“, erzählt Armin Jung. Der Kiersper hat seit Jahrzehnten mit Versicherungen zu tun, mittlerweile als Partner in der Ergo-Versicherungsagentur Scharpe und Budna in Meinerzhagen. In den vielen Jahren im Versicherungsgeschäft hat der Kiersper einiges erlebt. Fahrzeuge, die im Gewässer landeten oder gestohlene Fahrzeuge, die mehr als ein Jahr nach ihrem Verschwinden wieder auftauchten. Jung: „Meist bleiben aber die Versicherungsfälle mit dramatischem Ausgang in Erinnerung. Oft dann, wenn Menschen zu Tode kamen.“

Doch auch dann, wenn der Unfallverursacher bei einem Unfall sterbe, müsse der, der unverschuldet in den Unfall verwickelt wurde, nicht um seine Leistungen fürchten – ein Vorteil der Pflichtversicherung. Als diese gegründet wurde, waren die Millionensummen, bis zu denen heute Fahrzeuge versichert sind, noch unvorstellbar. 1928, also noch elf Jahre bevor die Kfz-Versicherung verpflichtend wurden, wurden die sogenannten Deckungssummen eingeführt. Bis zu 100 000 seien aber auch damals schon bei Personenschäden gezahlt worden und bei Sachschäden sei bis 10 000 Euro abgerechnet worden, sagt Jung.

Zu dieser Zeit seien auch erstmals Prämien nach Art und Motorisierung des Fahrzeugs fällig geworden, zuvor habe man lediglich zwischen Motorrad, Personenwagen und Lastwagen unterschieden.

Der Kiersper Armin Jung ist seit Jahrzehnten im Versicherungsgeschäft tätig.

Heute sehen sich die Versicherungsnehmer und Versicherer mit einem deutlich aufwendigeren Tarifwerk konfrontiert. „Da richten sich Prämien nach Fahrerfahrung, Laufleistung im Jahr, dem Parkplatz, an dem der Wagen üblicherweise abgestellt wird, oder der Werkstatt, in der der Wagen nach einem Unfall repariert wird“, sagt Jung. Er springt dabei gerne zwischen Haftpflicht und Vollkaskoversicherung hin und her. Denn auch, wenn nur die Haftpflicht verpflichtend ist, schließen doch die meisten Kunden weitere Policen rund ums eigene Auto ab. Jung: „Gerade bei uns gibt es kaum einen Kunden, der auf die Teilkasko verzichtet, da diese auch Unfälle mit Tieren reguliert. Und diese kommen bei uns doch recht häufig vor.“ Erfreulich sei dagegen, dass in der Region relativ wenig Autos aufgebrochen würden – der Diebstahl ganzer Fahrzeuge käme dagegen durchaus öfter vor, wenn auch längst nicht mehr so oft wie noch vor zehn oder 15 Jahren.

Ein typisches Anfängerauto wie es noch vor 30 oder 40 Jahren der Käfer gewesen sei, gebe es mittlerweile kaum noch. Vor ein paar Jahren hätten junge Kunden noch öfter Golf oder Polo angemeldet, doch diese Zeiten seien vorbei. Was man aber gerade auf dem Land noch merke, sei, dass die Marken, die in der Umgebung durch einen Vertragshändler angeboten würden, auch stärker zugelassen würden.

Da wird schon deutlich, dass die Region für Versicherungen eine große Rolle spielt, die sich sogar in den Regionalklassen ausdrückt. Da liege der Märkische Kreis im Mittelfeld, berichtet Jung. Entscheidender als die Regionalklasse sei die Typklasse. Denn die Versicherungen schauen nicht nur danach, wo die meisten Schäden zu verzeichnen sind, sondern auch, mit welchen Fahrzeugtypen sie verursacht werden. „Da kann es sich schon lohnen, vor dem Kauf die Auswirkungen der Typklasse zu berücksichtigen“, rät der Kiersper.

Doch auch, wenn er nicht sagen kann, welches Auto heute ein typisches Anfängerauto ist, so gibt es doch erkennbare Unterschiede beim Autokauf, je nach Kundengruppe. So würden von Frauen andere Autos zugelassen als von Männern. Und auch wenn es wie ein Klischee klinge, auch die Herkunft oder Abstammung spiele oft eine Rolle. „Junge Fahrer mit Migrationshintergrund greifen doch eher zum etwas hochwertigeren Fahrzeug, auch wenn dafür natürlich höhere Prämien fällig werden“, erzählt Jung.

Wobei der Unterschied zwischen den Prämien sich vor allem bei der Vollkasko zeige und gar nicht so sehr bei der Haftpflicht. „In der Gesamtrechnung kann dann die Jahresrechnung für Haftpflicht-, Teilkasko- und Vollkaskoversicherung auch schon mal auf mehr als 2000 Euro steigen – immer gerechnet auf einen 30-jährigen Durchschnittskunden mit entsprechender Fahrpraxis. Je jünger und unerfahrener der Kunde sei, desto höher auch die Prämien. Welche Auswüchse solche Prämien annehmen können, schildert er an einer Police, die sein Kollege ausgestellt habe – 14 000 Euro Prämie im Jahr für einen recht seltenen Oldtimer, da sei die Haftpflicht aber kaum ins Gewicht gefallen.

Ansonsten rät Jung: „Auch wenn jedes Auto seit 80 Jahren haftpflichtversichert sein muss, lohnt es sich, die Bedingungen der einzelnen Versicherer genau anzuschauen. Da kann es sich lohnen, darauf zu achten, dass die sogenannte ,grobe Fahrlässigkeit’ nicht zum Ausschluss der Zahlung führt. Denn dafür reicht unter Umständen schon eine bei rot überfahrene Ampel.“

80 Jahre Kfz-Haftpflichtversicherung

Die Versicherung von Verkehrsmitteln ist sehr viel älter als das Auto. Schon die alten Griechen haben ihre Handelsschiffe und vor allem die Ladungen gegen die Unwägbarkeiten der Seefahrt mit sogenannten See-Darlehen abgesichert. Ab dem 17. Jahrhundert kamen im Zuge der Industrialisierung Feuerversicherungen dazu. 1899 bot der Allgemeinde Deutsche Versicherungsverein eine erste Unfall- und Haftpflichtversicherung an, die kurz darauf durch eine Karambolage-Versicherung ergänzt wurde. 1902 führte der Gesetzgeber Kfz-Haftpflichtversicherungen ein – allerdings auf freiwilliger Basis. 1909 wurde das Gesetz zur Gefährdungshaftung eingeführt und sorgte für eine starke Nachfrage nach den Haftpflichtversicherungen. Ab dem 9. November 1939 verlangte der Gesetzgeber diese Versicherung als Pflichtversicherung.

64,8 Millionen Fahrzeuge zugelassen

In Deutschland ereigneten sich 2018 rund 2,6 Millionen Unfälle im Straßenverkehr. Kein Wunder, waren doch auch am 1. Januar dieses Jahres in Deutschland rund 64,8 Millionen Fahrzeuge zugelassen, davon 47,1 Millionen Pkw. Das Durchschnittsalter lag zu diesem Stichtag bei 9,5 Jahren. 2018 nahmen die 89 bestehenden Versicherungsunternehmen in Deutschland rund 28 Milliarden Euro an Beiträgen ein. Den größten Anteil daran hatte die Kfz-Haftplicht mit 16,85 Milliarden Euro, von denen aber auch 14,9 Milliarden als Leistung ausgeschüttet wurden.

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