Auf dem Pferd mit dem Ziel Istanbul

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Noud Dirks (rechts) ist mit seinem Pferd Jan und wechselnden Freunden auf dem Weg von Nijmegen nach Istanbul. Nach Kierspe wurde er von Jaap Woestenburg, Michel Jacobs und Hand DeLeeuw (von links) begleitet. Auch Hengst Karel macht die lange Reise mit. ▪

KIERSPE ▪ „Ihr habt doch einen Vogel!“ – Freundlich-spöttische Reaktionen wie diese begegnen der kleinen Reisegruppe um den Niederländer Noud Dirks immer wieder. Grund für die Ungläubigkeit der meisten ist nicht der Reiseweg von Nijmwegen nach Istanbul, sondern die Tatsache, dass sie die Strecke zu Pferde zurücklegen. Am Mittwoch machte die muntere Truppe in Kierspe Station.

Begonnen hat alles vor über 30 Jahren. Damals begegnete Nout Dirks auf einer Reise mit seiner Frau in Sofia einem Reiter auf ein Schimmel. Dieser erzählte den beiden, dass er auf seinem Pferd unterwegs sei von Jordanien nach Holland. Bei Dirks hinterließ diese Geschichte einen bleibenden Eindruck.

Die Jahre vergingen und das paar sprach nie wieder über diese Begegnung. 2009 verkauft der Niederländer, der mittlerweile 61 Jahre alt ist, sein Geschäft und beendete damit seine berufliche Laufbahn. Seine Frau ahnte was dann kommen sollte und sagte: „Ich weiß, was du jetzt tun wirst.“

Noud Dirks wollte sich seinen so lang gehegten Jugendtraum nun endlich erfüllen und sich auf eine ähnliche Reise begeben, wie der Reiter, der den Eheleuten vor so vielen Jahren begegnete. Er plante allerdings einen Ritt vom holländischen Nijmegen bis nach Istanbul in der Türkei. Doch da gab es zunächst ein grundsätzliches Problem zu lösen: „Ich hatte zwar mal ein Pferd gesehen“, bekennt Dirks lachend – aber reiten konnte er zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Es folgten also intensive Reitstunden, bei denen sich herausstellte, dass der 61-Jährige offensichtlich ein Naturtalent war. Dann schaffte er sich Jan, einen amerikanischen Appaloosa-Hengst an. Seine Frau war in Sorge wegen der langen Reise und wand ein, ob es nicht besser sei, noch ein zweites Pferd zu besorgen, damit ihr Mann noch Begleitung auf seinem Weg hätte. So wurde auch Hengst Karel Teil des Teams.

Als nächste Herausforderung galt es dann, Leute zu finden, die Noud Dirks auf der langen Reise begleiten würden. Keiner seiner Bekannten konnte sich eine fünfmonatige Auszeit nehmen, also erstellte der Niederländer eine Liste mit Leuten, die ihm jeweils für einige Tage zur Seite stehen.

Ein großer Transporter und ein Wohnwagen begleiten die beiden Reiter. Zum einen haben die Niederländer so die Möglichkeit, Dinge wie das Futter für die Tiere sowie Heu zu tranportieren. Zum anderen kann die Besatzung des Transporters schon einmal vorfahren, während die Reiter noch unterwegs sind und nach einer Unterkunft für die Pferde suchen. Außerdem brauchen die Reisenden Elektrizität. Meistens läuft alles über Mund-zu-Mund-Propaganda: Wenn sie irgendwo Unterschlupf gefunden haben, fragen sie dort nach, ob sie jemanden in einigen Kilometern Entfernung kennen, der den Holländern ebenfalls helfen kann. Und das klappt offensichtlich erstaunlich gut.

Bevor es los ging, kam Noud Dirks aber noch eine Idee und er verband die Erfüllung seines Jugendtraums mit einem guten Zweck. Er sammelt während seiner Reise Spenden für eine niederländische Stiftung, die es sich zum Zeil gesetzt hat, mit Vorsorge und Aufklärung die Krebsrate im Land zu senken. 100 000 Euro für einen Infobus sollen auf diese Weise zusammenkommen. In den Niederlanden wurde deswegen auch in verschiedenen Medien groß über die Reise berichtet.

Der Startschuss für die Reise fiel Ostern. Es ist geplant, 150 bis 180 Kilometer pro Woche zurückzulegen. Mehr soll auch den beiden Pferden nicht zugemutet werden. Die hatten es in den ersten Tagen ohnehin nicht einfach: Regen, zum Teil auch Schnee und eisige Temperaturen machten ihnen zu schaffen. Vor allem der hefitge Wind sei „furchtbar“ für die Tiere gewesen, so Noud Dirks beim Zwischenstop in Kierspe. Zuvor machte die Gruppe schon einen Zwischenstop in Breckerfeld beim aus „Bauer sucht Frau“ bekannten Pärchen Veit und Philipp. „Da haben wir so viel gelacht.“

Die Kiersper Familie Schliek bot den Reisenden und Pferden eine Unterkunft. „Wir machen selbst solche Pferdewanderungen, da war es für uns selbstverständlich, sie aufzunehmen.“ Der 61-jährige Hans DeLeeuw und der 21-jährige Jaap Woestenburg sind in dieser Woche im Wohnmobil unterwegs. Auf Karel reitet Michel Jacobs. Die Truppe freut sich vor allem über den herzlichen Empfang, der ihnen überall bereitet wird. Zwar halten die meisten die Idee mit der langen Reise auf dem Pferderücken für etwas sonderlich. Aber Hilfe wird den Niederländern trotzdem überall gerne gewährt. Zum Teil warten an der nächsten Station schon kleine Begrüßungskomitees, ausgerüstet mit Fotoapparaten und Kameras, die sich selbst ein Bild von der Reisegruppe machen wollen. Auch zum Essen werden sie oft eingeladen, manchmal wurden sogar schon Grillpartys für sie organisiert. Das alles kommt wieder dem guten Zweck zugute, denn alles, was an Geld gespart wird, fließt wieder in die Stiftung. Das einzige Problem sei zum Teil der schlechte Internetempfang. Noud Dirks will die Fortschritte seiner Reise schließlich regelmäßig dokumentieren, damit Unterstützer und Freunde wissen, wie es voran geht.

In den nächsten Wochen soll es von Deutschland nach Österreich und Ungarn gehen. Über Rumänien und Bulgarien will Noud Dirks mit seinen Begleitern dann schließlich in die Türkei gelangen. Die Besatzung des Transporters und der zweite Reiter wechseln wöchentlich. Bei der Orientierung zu Pferde hilft ein Navigationsgerät mit Karten speziell für Wanderreiter. An der türkischen Grenze könnte es dann noch einmal kompliziert werden, denn dann verlassen die Reisenden die EU und gerade für die Tiere seien sehr viele Papiere nötig, meint Noud Dirks.

Aber er hat sich ein festes Ziel gesetzt: Am 27. August will er mit seinem Jan in Istanbul ankommen. Und zwar genau um 13.40 Uhr, erklärt er grinsend. Dann werden ihn wohl um die 40 Freunde und Familienmitglieder aus seiner Heimat erwarten, die zuvor dorthin fliegen. Und Noud Dirks hat sich nicht nur einen Jugendtraum erfüllt, sondern medienwirksam einen guten Zweck unterstützt.

Auf der Internetseite http://www.opwegnaaristanbul.nl berichtet Noud Dirks regelmäßig von seinen Fortschritten. Auf http://www.loopvoorleven.nl gibt es Informationen über die Stiftung – allerdings sind beide Seiten auf Niederländisch.

▪ Andrea Mackenbruck

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