Petra Crones persönliche Art, Politik zu machen

+
Seit 2009 befindet sich Petra Crones Arbeitsplatz als Abgeordnete im Reichtag. Hier ist sie mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier unterwegs. ▪

KIERSPE ▪ Seit der letzten Bundestagswahl am 27. September 2009 ist ihr Arbeitsplatz in Berlin: Unterirdische Gänge, luftige Höhen und transparente Einblicke in eine hypermoderne Architektur, so präsentiert sich der Sitz des Parlaments heute.

Die Tür des Nebeneingangs zur Spree hin geht auf, Petra Crone in rotem Rock und schwarzer Jacke kommt heraus und nimmt mich, vorbei an einem Wachmann, mit hinein. Eine Fahrstuhlfahrt, wir laufen durch ein paar Flure und um ein paar Ecken, nach wenigen Minuten sind wir in ihrem nüchtern und sachlich zurückhaltend eingerichteten Büro. Akten stehen in den Regalen, ein paar Papiere liegen auf dem Tisch, es riecht nach Arbeit, wie könnte es anders sein bei der Bundestagsabgeordneten aus Kierspe. Es ist drückend heiß an diesem Tag, daher kommt das angebotene Glas Wasser gerade richtig, bevor wir uns auf den Weg machen zu einem kurzen Rundgang durch die Parlamentsgebäude und den Reichstag.

Obwohl Petra Crone sich nach zwei Jahren im Amt und in Berlin inzwischen einigermaßen heimisch fühlt, passiert es ihr doch manchmal, dass sie sich auf den zahlreichen Etagen und in den vielen Gängen des riesigen Gebäudekomplexes erst einmal für einen Moment auf den richtigen Weg besinnen muss, um ans Ziel zu gelangen. Aber das geht vielen Parlamentariern so. Die Bundestagsabgeordnete gehört zwei Ausschüssen an, unterhält mehrere Büros und beschäftigt zwei wissenschaftliche Mitarbeiter. Das bedeutet für sie eine Menge Arbeit, in die sie sich aber mit großen Engagement und auch Zeitaufwand hineinkniet. Ob sie Reden hält, bei Diskussionsforen auf dem Podium sitzt, an Beratungen wie zum Bundeshaushalt teilnimmt oder an sozialdemokratischen Anträgen mitarbeitet, stets nimmt sie die Sache sehr ernst und bereitet sich so gut wie möglich vor. Für das umfangreiche kulturelle Leben der Metropole bleibt ihr daher oft nur wenig Zeit.

Die Kiersperin nimmt die Halbzeit im Amt jetzt zum Anlass für eine Bilanz: Als Neuling im Bundestag ist es ihr doch auffallend schnell gelungen, sich innerhalb der SPD-Fraktion zu etablieren und ihren Platz zu finden. Verantwortung scheut sie nicht. Die wenigsten Abgeordneten gehören so wie Crone zwei Bundestagsausschüssen an: Im Ausschuss Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz fallen der Wald und Forst, besonders mit den sozialen, ökonomischen und ökologischen Aspekten, in ihre Zuständigkeit. In ihrem anderen Ausschuss Familie, Senioren, Frauen und Jugend kümmert sie sich verantwortlich um den Bereich der Pflege- und Seniorengesetze. Aus ihrer Sicht sind beides ganz wichtige Themen. In die konzeptionelle Arbeit in diesen Gremien bringt sie ihre langjährigen Erfahrungen als Politikerin und Eindrücke aus ihren Heimatkreisen Olpe und Märkischer Kreis ein.

Erste und einzige

Kiersper Abgeordnete

„Ich arbeite Gesetzesentwürfe aus, die von der Bundestagsfraktion dann als Anträge eingebracht werden“, schildert sie aus der Praxis. Auch verschiedene kleine und große Anfragen kamen bereits von ihr. In den vergangenen Monaten nahmen die Haushaltsberatungen breiten Raum ein. Intensiv beschäftigt hat sie sich mit den Mehrgenerationenhäusern und den gestalterischen Rahmenbedingungen für diese, vor allem ihrer weiteren Förderung. „Auch in Lüdenscheid und Olpe gibt es welche. Aber ich habe genauso viele andere besucht“, deutet sie an, dass sie sich den Themen am liebsten auch über die praktische Seite annähert. „Meine Art Politik zu machen ist es, dass ich in die Region gehe und mit den Menschen spreche. Das ist aus meiner Sicht neben der wissenschaftlichen Herangehensweise ein guter Weg“, betont Crone. So erfuhr sie, welche Bedürfnisse die Menschen haben, die diese Wohnform wählen und nutzen.

Sie nimmt neben der normalen parlamentarischen Arbeit an Diskussionen und Themenveranstaltungen teil. „Meine Themen sind dabei Demografie, Pflege, Wald und erneuerbare Energien, der ländliche Raum, auch mit der ärztlichen Versorgung, oder auch die kommunale Finanzreform“, beschreibt sei ihre Schwerpunkte, die vor allem im Sozial- und Umweltbereich liegen. So war sie vor kurzem zu einem zweitägigen Demografie-Kongress in Berlin eingeladen und saß zusammen Wissenschaftlern und anderen Experten sowie auch Vertretern aus dem Ministerium und außerdem, wie sie schnell noch anmerkt, Franz Müntefering, auf dem Podium. „Es drehte sich um den demografischen Wandel und um bürgerschaftliches Engagement“, fasst sie zusammen. Wenige Wochen später ging es bei einer anderen Podiumsdiskussion um den Naturschutz.

Rückblickend stellt Crone fest: „Als ich vor zwei Jahren nach Berlin kam, war das schon sehr aufregend, wenn ich auch viele Bundespolitiker durch meine überregionale Arbeit, beispielsweise im Parteirat, kannte. Sie haben mir geholfen, so dass ich mich rasch zurechtfand.“ Anfänglich hätte sie nie gedacht, wie viel Spaß ihr die neue Aufgabe machen würde und welch ein befriedigendes Gefühl bei ihr damit verbunden wäre. Hatte sie doch angenommen, dass Oppositionsarbeit eigentlich ein Ohnmachtgefühl auslösen müsse, sah das dann völlig anders aus. „Tatsächlich findet auch in dieser Rolle eine oft erfolgreiche und positive Arbeit statt“, so die Kiersperin, obwohl natürlich klar sei, dass viele Anliegen aus der Opposition heraus nicht oder nur schwer durchsetzbar seien.

Auf dem Flur von Petra Crones Büro sind noch weitere Abgeordnetenbüros, in einem separaten Gang, auf den mich die 61-Jährige im Vorbeigehen hinweist, befinden sich die Zimmer des Fraktionsvorstandes mit Frank-Walter Steinmeier, den wir hinterher noch kurz treffen. Dann geht es wieder im Fahrstuhl nach unten und durch die unterirdischen Gänge ins Reichstagsgebäude. Ein kurzer Halt an den auch nach Entkernung und Umbau erhaltenen Mauern des historischen Gebäudes, die von Graffitis überzogen sind, auf denen sich die russischen Soldaten nach ihrem Einmarsch 1945 in Berlin verewigt haben, manchmal nur mit ihren Namen, manchmal auch mit Sprüchen. Dann ein Blick in den an diesem Tag leeren Plenarsaal mit dem Bundesadler hinten an der Wand. Beim Umbau des Reichstages von 1994 bis 1999, so informiert Petra Crone, konnte sich der britische Stararchitekt Sir Norman Foster mit seinem Vorschlag, den Adler komplett neu zu gestalten, nicht durchsetzen. Lediglich die im Reichstagsgebäude sichtbare Rückseite des Adlers durfte neu entworfen werden, die Vorderseite dagegen entspricht den aus Bonn bekannten Adlern. Anschließend schauen wir uns den Bereich an, wo die Pressekonferenzen stattfinden, den Tagungssaal der Fraktion und in einem der Türme des Reichstages den Raum für den Fraktionsvorstand.

Es ist das erste Mal, dass aus Kierspe mit Petra Crone ein Bundestagsabgeordneter kommt und, wie es momentan aussieht, zumindest auf absehbare Zeit wohl auch das letzte Mal. Die SPD-Politikerin ist durch ihren Einzug ins Parlament in der deutschen Hauptstadt vorläufig auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen. Nachdem sie 2005 bei ihrem ersten Versuch zu kandidieren, noch parteiintern an ihrem Olper Kontrahenten Uwe Beul gescheitert war, wurde sie vier Jahre später im zweiten Anlauf von 91 Prozent der sozialdemokratischen Delegierten gewählt. Ihre Chance bekam sie aufgrund des tiefschwarzen Olper Teils des Wahlkreises 150, der ansonsten noch aus dem südlichen Märkischen Kreis besteht, letztlich jedoch nur durch ihre gute Platzierung auf der SPD-Landesliste, wo sie auf dem 12. Platz rangierte. Trotzdem gab es für die überzeuge Sozialdemokratin eine Zitterpartie, bis erst am anderen Morgen nach der Bundestagswahl, mehr als zehn Stunden nach Schließung der Wahllokale, feststand, dass auch dieser Platz zog und sie es daher schafft hatte.

Wäre nicht ihr Ehemann Michael gewesen, wäre es gar nicht so weit gekommen: Denn nachdem sie gefragt worden war, ob sie sich vorstellen könnte, nochmals für die SPD anzutreten, und ihr dabei auch die volle Unterstützung zugesichert wurde, war sie erst unschlüssig gewesen und hatte sogar überlegt abzulehnen. „Ich habe mich nie danach gedrängt, in den Bundestag zu gehen. Aber Michael hat gesagt: Mach’s, das ist die Krönung deiner Laufbahn“, so Petra Crone. Er wie überhaupt ihre ganze Familie mit ihren drei Töchtern, der Restauratorin Angela, der Philosophiedozentin Katja und der Kinderärztin Julia, seien auch die wichtigsten Rat- und Impulsgeber in ihrem Leben gewesen, wie sie hervorhebt. An politischen Vorbildern, die sie ansonsten geprägt haben, nennt sie an erster Stelle den früheren Bundeskanzler Willy Brandt.

Familie als Berater und Willy Brandt als Vorbild

Vom Dach des Reichstagsgebäudes aus genießt Petra Crone zusammen mit mir kurz die frische Luft und den fantastischen Blick über die Hauptstadt: Ganz nah gegenüber das Kanzleramt und auf der anderen Seite das Brandenburger Tor und in der Ferne der Fernsehturm am Alexanderplatz. Beeindruckend die hoch aufragende und begehbare im Durchmesser 40 Meter große und 800 Tonnen schwere gläserne Kuppel, in der sich auch gerade wieder Besuchergruppen tummeln.

Im nördlichen Lichthof tief unten zeigt sie mir das Kunstwerk von Hans Haacke aus dem Jahr 2000. Es besteht aus einem Kasten gefüllt mit Kies und Erde, aus dem verschiedene Pflanzen sprießen, und in dessen Mitte der von innen beleuchtete Schriftzug „Der Bevölkerung“ angebracht ist. Der Schriftzug ist von allen Etagen des Gebäudes aus zu lesen. Mitglieder des Deutschen Bundestages sind aufgefordert, Erde aus ihrem Wahlkreis in die Arbeit einzubringen. Die Pflanzen wachsen spontan aus zufällig gelandeten Samen. „Ich erwarte demnächst eine Gruppe aus meinem Wahlkreis, die von zuhause Erde mitbringen wird“, freut sie sich schon auf den Besuch.

Crone hat zwar eine schöne Wohnung in Wilmersdorf und liebt auch das besondere Flair von Berlin, trotzdem zieht es sie immer wieder nach Hause nach Hinterste Vornberg hoch über den Schleipe- und dem Volmetal, wo Crones, als sie 1972 von Lüdenscheid nach Kierspe zogen, die damals zum Verkauf stehende alte Schule erworben hatten und seitdem leben. Durch ihr Engagement in den Mitwirkungsgremien von Kindergärten und Schulen fiel sie bald den Sozialdemokraten vor Ort auf, die sie fragten, ob sie nicht in der Partei mitmachen wolle. Der Schulausschuss und der Umweltausschuss waren Petra Crones erste Betätigungsfelder.Trotz der Familie blieb bei ihr der Wunsch, auch beruflich noch mehr aus ihrem Leben zu machen. An eine bundespolitische Laufbahn dachte sie vermutlich damals aber nicht einmal im Traum. Petra Crone hegte den Wunsch zu studieren und erfüllte ihn sich, indem sie auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachmachte und anschließend an der Universität Wuppertal Sozialwissenschaften studierte.

Seit 1994 gehört sie dem Rat der Stadt Kierspe an, zwischen 1999 und 2007 war sie Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten Sie ist zudem mehrere Jahre lang zweite stellvertretende Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Märkischer Kreis sowie Mitglied im Landes- und Bundesparteirat der Sozialdemokraten. Als solches hat sie bereits lange ziemlich gute Kontakte zur SPD-Führung. 2004 schickte ihre Partei sie als Gegenkandidatin für den zwar parteilosen, aber vom konservativen Lager unterstützten Frank Emde bei der Kiersper Bürgermeisterwahl ins Rennen, sie unterlag allerdings. Petra Crones Kandidatur gab der sozialdemokratischen Arbeit vor Ort neuen Schub. Durch die von ihr initiierte Reihe der Stadtgespräche zu aktuellen und oftmals brisanten Themen wie in diesem Jahr beispielsweise der Atomausstieg und die Nutzung erneuerbarer Energien oder auch erst in dieser Woche das Kinderbildungsgesetz (Kibiz) nach der erfolgten Nachbesserung arbeiteten die Sozialdemokraten erfolgreich am eigenen Profil.

Viele Kilometer im

Wahlkreis unterwegs

Wenn die Bundestagsabgeordnete in Kierspe ist, wie möglichst fast an jedem Wochenende, bleibt ihr trotzdem häufig nicht besonders viel Zeit, denn dann ist sie oft unterwegs und legt dabei im Auto zum Teil große Distanzen zurück, um von einer Veranstaltung zur nächsten zu tingeln. Denn natürlich bekommt sie in ihrer Funktion zahlreiche Einladungen. Von ihr wird erwartet, dass sie überall erscheint und teilnimmt. Und ebenfalls in dem Punkt nimmt sie den Job sehr ernst. „Vor kurzem bin ich wieder 1200 Kilometer durch meinen Wahlkreis gefahren“, macht sie darauf aufmerksam, dass diese dieser in seiner Ausdehnung von Lüdenscheid bis Finnentrop und Lennestadt reicht und daher extrem groß ist. Aber die 61-Jährige hat sich vorgenommen, trotz ihrer Aufgabe in der Hauptstadt einen engen und intensiven Kontakt zur Parteibasis und den Menschen in ihrer Heimatregion zu halten. „Diese Bindung an den Wahlkreis ist mir mit meinen Themen gelungen, so glaube ich“, zeigt sie sich überzeugt und bilanziert in dem Punkt positiv. Themen seien dabei genauso Holz für Biomasse, Windkraft im Wald oder generell der Wald gewesen.

„Wenn ich durch das Land fahre, werbe ich für Bürgerwindparks“, berichtet Crone und lässt keinen Zweifel daran, dass gerade Südwestfalen, was die Nutzung erneuerbarer Energien angeht, geradezu rückschrittig sei und ein immenser Nachholbedarf bestehe. Sie plädiert hier für genossenschaftliche Lösungen. Vor den Hintergrund des Atomausstiegs erkennt sie eine veränderte Perspektive und damit einer neue Chance. Sie weiß aber auch um die Abhängigkeit der Industrie, besonders energieintensiver Branchen, von einer ausreichenden und günstigen Versorgung. Auf ihrer Sommerreise besuchte sie viele Betriebe und konnte sich von der enormen Wirtschaftskompetenz in der Region überzeugen. Und sie plant, sich dafür einzusetzen, diese weiter zu fördern.

Rolf Haase

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare