Persönlicher Kabarettabend mit Christian Ehring 

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Kierspe - Viel Persönliches konnten die Besucher im ausverkauften PZ der Gesamtschule über Christian Ehring erfahren. Oder doch zumindest über das Alter-Ego, das der Kabarettist sich für diesen Samstagabend in einer kleinen Stadt zulegte. Kaum waren sich er und das Publikum unter Vermittlung des Kulturvereins Kuk begegnet, geriet ein Abschied für immer in den Blick: „Das sind vermutlich die einzigen zwei Stunden, die wir in unserem Leben miteinander verbringen.“ Doch was für ein Ich stand da auf der Bühne?

Das zu Beginn gesungene und am Flügel begleitete Loblied auf die Authentizität lieferte noch keine Antwort: „Ich bin ich.“ Ja schön, und was noch? Ein Vater, dessen angeblich stinkender Sohn gerade die „dunklen Jahre“ zwischen dem zwölften und 18. Lebensjahr hinter sich hatte. Ein Vater, der sich um die Zukunft des Puma-Trägers sorgt und sein Abgleiten in Studiengänge wie „Vergleichende Konsolenkunde“ und „Cannabis-Wissenschaften“ verhindern will. Kurz: Ein Vater, der für seinen Sprössling ein freiwilliges soziales Jahr in einem Slum in Buenos Aires organisiert, um ihm das wirkliche Leben näherzubringen. 

Zuhause bleiben die Gattin, die Depressionen und eine nunmehr leergezogene Einliegerwohnung, die nach einer Füllung ruft. Für eine Pflegekraft ist es noch zu früh, auch wenn das Ehring-Alter-Ego merkwürdige Verhaltensweisen zeigt: Seine kompositorische Leidenschaft gehört veganen Kinderliedern nach dem Muster „Schrot, du hast das Korn gestohlen“. Und auch die Rückbildungs- und Beckenbodengymnastik als Hauptsportart ließe nichts Gutes über seinen Geisteszustand ahnen, wenn da nicht diese hellwachen Momente wären: Voll orientiert zeigt er sich etwa über den merkwürdigen Trendsport von Politikern und anderen Geistesgrößen, immer neue Schulfächer vorzuschlagen: Ernährung, Pflege, Feuerwehr, Alltagswissen, Volksmusik, Emotionen, Drogen- und Denkmalkunde. 

Leider schlug die depressive Grundverfassung beim Nachdenken über den schönsten Wohnort durch: Es gefiel ihm weder auf dem Land noch in kleinen Städten, und auch die Großstädte kamen nicht gut weg. Sein Lob für Kierspe verdankte sich hingegen dessen unbestreitbaren Qualitäten von „zwei Motoball-Mannschaften, die in der Bundesliga spielen“, bis zum historisch bedeutsamen Haus Rhade. „Cool sein in Berlin – das kann jeder. Die Challenge heißt Kierspe.“ Ein Ort, der nicht mehr Provinz ist, als jede andere Stadt auf dieser Erde – aus Sicht eines gigantischen Weltalls jedenfalls, demgegenüber unser Planet kaum ein Staubkorn ist. 

„Der Flüchtling sagt ab“, verkündete das Ehring-Alter-Ego schließlich auch das Ende der lange verfolgten zweiten Idee zur Nutzung der Einliegerwohnung. Was blieb, war die Einsamkeit eines auf sich verwiesenen Ehepaares und der Beifall im PZ. Nicht immer hatte die erzählte Welt, die der wirklichen in einigen Beziehungen stark ähnelte, zum Lachen gereizt – manchmal geriet sie sogar ein bisschen flach. Und so blieb nach einem netten Abend die Vorfreude auf Christian Ehrings nächstes Gastspiel in der Heute-Show.

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