Partnerschaft besteht seit mehr als 20 Jahren

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Berreits zwei Jahre vor der Wiedervereinigung bemühte sich Pfarrer Martin Ahlhaus um eine Partnergemeinde in der DDR. ▪

KIERSPE ▪ Vor 20 Jahren wurden viele Städtepartnerschaften zwischen Kommunen aus dem Westen und und Osten geschlossen. In Kierspe war da die Rönsahler Kirchengemeinde Vorreiter, die bereits zu DDR-Zeiten den Kontakt in den Osten suchten.

Als kämen die Nachrichten aus einer anderen Welt, so zumindest muten die Schreiben an, die Pfarrer Martin Ahlhaus in einem Ordner in seinem Arbeitszimmer gesammelt hat. Und obwohl die Briefe nur etwas älter als 20 Jahre sind, scheinen sie Relikte einer längst vergangenen Zeit zu sein. Handelt es sich doch um Schreiben eines Pfarrers aus der DDR.

Während andere Städte in diesem Jahr ihrer 20 Jahre währenden Partnerschaften mit Kommunen im Osten gedenken, kann die evangelische Kirchengemeinde Rönsahl bereits auf eine 22-jährige Beziehung zu einer Gemeinde in den Osten verweisen.

Denn damals kam aus den Reihen der Frauenhilfe der Wunsch nach einer Partnergemeinde in der DDR auf. Und da die Westfälische Landeskirche immer Kontakt zu Gemeinden in Brandenburg gehalten hatte, war es nur natürlich, dass sich die Rönsahler in diesem Gebiet nach einer Partnergemeinde umsahen. Über den Kirchenkreis Lüdenscheid, der damals bereits eine Partnerschaft mit der Gemeinde Berlin-Friedrichshain unterhielt, kam Ahlhaus dann zum ersten Mal mit Gemeinden im Osten in Kontakt. Untergebracht war er damals in einem Haus, in dem auch Rainer Eppelmann wohnte, der 1989 Weltgeschichte mitschrieb, als er zuerst als Oppositioneller das DDR-System in Frage stellte und schließlich sogar Verteidigungsminister in der letzten DDR-Regierung wurde. Doch davon gab es bei dem Besuch von Ahlhaus im Osten noch keine Spur. Die DDR schien ihren Bürgern 1988 noch festzementiert, kein Gedanke an Auflösung und auch noch keine Montages-Demonstrationen in Leipzig.

Über das Diakonische Werk bekam der Rönsahler Pfarrer damals die Adresse eines Amtskollegen in Fahrland (heute Potsdam). Bereits kurz nach der Rückkehr von seiner DDR-Reise schrieb Ahlhaus dann den ersten Brief an seinen Kollegen Herweg Schworn im Osten. Dieser hatte zuvor lange beim Diakonischen Werk gearbeitet und war gerade als neuer Gemeindepfarrer tätig.

Wie eine Botschaft

der Engel

Noch im November 1988 kam die Antwort aus der DDR. Darin hieß es unter anderem: „Ihr Schreiben kam uns vor wie eine Engelsbotschaft.“ Schworn nutzte dieses erste Schreiben, um über die Gemeinde zu berichten. Von maroden Kirchen und einer verwahrlosten Gemeinde war da die Rede.

Wie zutreffend diese Beschreibungen waren, konnten Pfarrer Ahlhaus und Kirchmeister Siegfried Turck bei einem ersten Besuch in Fahrland 1989 erfahren. „Von fünf Kirchen hatten vier undichte, zum Teil abgedeckte Dächer. Lediglich ein Gotteshaus war renoviert“, erinnert sich Ahlhaus. Und diese Renovierung sei nur geglückt, weil Schworn gemeinsam mit seiner Familie tatkräftig angepackt habe.

Ahlhaus: „Die Baumaterialien mussten getauscht werden. Jedes Wort kam auf die Goldwaage, weil die Menschen aus Angst vor der Stasi niemandem trauten. Trotzdem war damals eine große Unzufriedenheit und Anspannung zu spüren.“

Noch im gleichen Jahr brach sich diese Unzufriedenheit ihren Bahn. Die Demos in Leipzig und die Flucht in die deutsche Botschaft in Prag brachten letztlich nach 40 Jahren das Staatssystem zum Einsturz und ebneten den Weg für die Vereinigung der beiden deutschen Staaten.

Doch noch bevor aus DDR und BRD eins wurde, reiste eine Gruppe aus Fahrland nach Rönsahl – im März 1990 war das. Und noch im September des gleichen Jahres fuhr eine Gruppe Rönsahler nach Fahrland. Bereits kurz darauf kam Pfarrer Herweg Schworn nach Kierspe und hielt am 3. Oktober die Rede zur offiziellen Wiedervereinigungsfeier im PZ der Gesamtschule.

Differenzen beeinträchtigen Partnerschaft

„Wir wollten natürlich beim Wiederaufbau der Gemeinde im Osten helfen, klar war aber beiden Seiten auch, dass es unserer Gemeinde nicht möglich sein würde, größere Spenden zu überweisen“, so Ahlhaus, der sich erinnert, dass Hilfe vor allem beim Aufbau der Gemeindestruktur geleistet wurde. So habe man viel Material für die Gemeindearbeit versendet.

Anfang der 90er Jahre ließ der Kontakt zur Partnergemeinde etwas nach. Ahlhaus: „Die Gemeinde in Fahrland musste sich selbst finden und wir bauten zu dieser Zeit unser Gemeindehaus, zu dessen Einweihung aber auch Gäste aus der ehemaligen DDR kamen.“

1997 war dann eine Gruppe aus dem Westen in Fahrland, um an der 800-Jahr-Feier des Ortes teilzunehmen. In diesem Zusammenhang kam es zu einem kleinen Eklat. „Nach der Pensionierung von Schworn hatte ein Verwalter die Gemeinde übernommen. Dieser war allerdings im Rahmen der Feier sehr rüde mit seinem Amtsvorgänger und den Gästen umgegangen“, erinnert sich der Geistliche aus Rönsahl. In der Folge habe man sich schriftlich bei dem damaligen Bischof von Brandenburg, Wolfgang Huber, dem späteren Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche, beschwert und seine Sorge zum Ausdruck gebracht, dass dieser Verwalter die Gemeinde auf Dauer übernehmen könnte. Ahlhaus: „Dieses Schreiben hat in Fahrland natürlich nicht nur Begeisterung ausgelöst.“

Trotzdem kam es im folgenden Jahr zu einem Partnerschaftstreffen in Rönsahl und es reiste auch eine Abordnung zur Einführung der neuen Pfarrerin Gesine Bertheau nach Fahrland.

Von diesem Zeitpunkt an kam es jährlich zu einem Treffen, entweder in Fahrland oder in Rönsahl. Im vergangenen Jahr wurde der 20. Geburtstag der Partnerschaft gefeiert. Und auch in diesem Jahr wollen sich Fahrländer und Rönsahler treffen, dann allerdings in München auf dem Kirchentag.

Bereicherung des Gemeindelebens

Doch wie wirkt sich heute rückblickend die Partnerschaft zwischen den beiden Gemeinden aus? Aus Sicht des Rönsahler Pfarrers ausgesprochen positiv: „Wir haben einen anderen Menschenschlag kennengelernt, allein das war eine Bereicherung. Und wir konnten erleben, wie eine Kirche in der Minderheit zurechtkommt. Schließlich sind wir mit rund 1000 Mitgliedern in Rönsahl nach wie vor die größte Gruppe. Auch haben wir erlebt, dass die Gemeinden im Osten deutlich bescheidener und bedürftiger sind. Außerdem entscheiden sich die Menschen im Osten viel bewusster, ob sie Mitglied einer Gemeinde werden wollen.“ Für dir Zukunft wünscht sich der Pfarrer eine Weiterführung der Partnerschaft, die er als lebendig beschreibt. „Seit März gibt es mit Jens Greulich einen neuen Pfarrer in Fahrland, den werden wir dann wohl auf dem Kirchentag kennenlernen“, freut sich Ahlhaus. ▪ jobek

Kirchengemeinden aus Fahrland und Rönsahl sind seit 1989 miteinander verbunden. Hilfe beim Aufbau neuer Gemeindestruktur

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