Orgel begleitet von der Geburt bis zum Tod

+
Auch die Metallpfeifen werden von Hubert Fasen gestimmt. Oder wie er sagt, „zum Sprechen gebracht.“

KIERSPE ▪ Die Orgel soll die Gemeinde begleiten – und das nicht nur musikalisch, sondern auch von der Geburt bis zum Tod. Denn eigentlich sollten die Instrumente „ewig“ halten. Doch als die Brüder Kleine die Orgel in der Rönsahler Servatiuskirche Ende des 18. Jahrhunderts einbauten, konnten sie nicht damit rechnen, in welcher Weise „ihr“ Instrument gefordert würde.

Die Windlade steht gleich hinter den Eingang, die Pfeifen liegen ein Stockwerk höher. In einem Nebenraum lagert der Pfeifenstock und in einem weiteren Raum der Werkstatt wird an einem neuen Blasebalg gearbeitet. Komplett zerlegt nimmt die Rönsahler Orgel viel Platz in der Orgelbauwerkstatt von Hubert Fasen ein.

Seit gut einem Jahr arbeitet der Orgelbaumeister mit seinen Mitarbeitern daran, das mehr als 200 Jahre alte Instrument zu reparieren, zu restaurieren und vor allem daran, es wieder in den Originalzustand zurück zu versetzen. „In der Vergangenheit wurde die Orgel nicht nur immer wieder instand gesetzt, sondern auch modernisiert“, so Fasen. Und wenn der Orgelbauer von Modernisierung spricht, dann klingt das ein bisschen wie Vandalismus.

Allerdings räumt er ein, dass diejenigen, die die Modernisierung vornahmen, damals einfach einem Zeitgeist folgten, um mehr aus dem Instrument herauszuholen. Aufgrund des Alters der Rönsahlers Orgel, musste das Instrument dann auch gleich zwei Modernisierungsschübe über sich ergehen lassen. Zum einen einen Umbau um die Zeit der Jahrhundertwende (Ende des 19. Anfang des 20 Jahrhunderts) und dann noch einmal 1958. Unter anderem bekam die Orgel ein zweites Manual. Das ist auch der Grund, warum der alte Spieltisch ausgetauscht wurde und so für immer verloren ging.

Doch diese Art des Umbaus wäre kein Grund für eine Reparatur. Vielmehr hat der Einbau der ersten Heizung und die damit verbundene Möglichkeit, den Kirchenraum im Winter schnell stark zu erhitzen, dem Instrument geschadet. Die Windladen wurden rissig, das Leder spröde und andere Teile haben sich bei den schnellen Temperaturschwankungen verzogen. Zwar finden sich überall Lederflicken, mit denen die Orgel repariert wurde. Doch zuletzt war es nicht mehr möglich, mit Arbeiten vor Ort einen dauerhaften Erfolg zu erzielen.

Da war es ein Glücksfall, dass, als sich die Rönsahler für eine grundlegende Überarbeitung ihres Instrumentes entschieden, die Firma Fasen gerade an der Kleine-Orgel in Eckenhagen arbeiteten. Durch Vermittlung des Orgelsachverständigen des Landes kamen Gemeinde und Orgelbauer ins Gespräch und schließlich auch ins Geschäft.

Dass Fasen den Auftrag bekam, bot sich nach den Arbeiten in Eckenhagen an. Denn schließlich hat Johann Christian Kleine alle seine Instrumente nach dem gleichen Muster aufgebaut – und er hat viele Zeichnungen und Baupläne seiner Instrumente hinterlassen. Diese lagern heute im Staatsarchiv in Münster und Fasen hatte sich bei den Arbeiten in Eckenhagen intensiv mit den Schriftstücken beschäftigt.

Seine Werkstatt selbst liegt aber nicht im Bergischen, sondern in Oberbettingen in der Vulkaneifel. Dort, wo größere Städte Namensgeber bekannter Mineralwässer sind und Krimiautoren so gerne morden lassen, wie in keiner anderen Region der Republick, dort lebt die Familie Fasen bereits seit Generationen. In der alten Dorfschmiede, die der Großvater von Hubert Fasen gründete und in der auch sein Vater noch tätig war, findet sich heute die Orgelbauwerkstatt.

Bereits als Schüler hatte Hubert Fasen Orgelunterricht genommen. Nach dem Abitur entschied er sich dann für den Beruf des Orgelbauers, den er in Trier erlernte. Später war er dann als Geselle in verschiedenen Betrieben tätig, bevor er sich 1994 als Meister im Elternhaus selbstständig machte – in einem Ort, in dem es keine Orgel gibt. Dafür steht aber im Nachbarort die älteste Orgel von Rheinland-Pfalz – und die Restaurierung dieses Instrumentes war der erste große Auftrag für Fasen. Und auch wenn er zum Ende seiner Meisterausbildung ein Instrument als Abschlussarbeit bauen musste, war die Restaurierung der Orgel von Balthasar König aus dem Jahr 1715 sein eigentliches „Meisterstück“. Denn damit konnte er sich einen Namen machen. Und jeder, der sich von dem Können von Fasen überzeugen wollte, musste nur in Niederehe in die Tasten der Orgel greifen.

Insgesamt 15 weitere Orgeln hat er seitdem restauriert und 15 weitere vollständig neu gebaut. Wobei sich die Neubauten auch noch dadurch auszeichnen, dass die künstlerische Gestaltung komplett beim Orgelbauer liegt.

Derzeit gilt das Können von Fasen dem Instrument aus Rönsahl. Wobei er auch ein Auge auf eine Orgel aus einer anglikanischen Kirche in England hat, die nach der Überarbeitung in einer katholischen Kirche in Deutschland erklingen wird – natürlich erst nach einer entsprechenden Weihe.

Insgesamt wird es wohl ein Jahr reiner Arbeitszeit bedürfen, bis die Rönsahler Orgel komplett fertiggestellt ist. Da aber auch noch andere Arbeiten anliegen, werden insgesamt rund zwei Jahre ins Land gehen, bis das Instrument an seinem angestammten Platz in der Servatiuskirche wieder erklingen wird.

Doch für den Orgelbauer ist das Restaurieren nicht nur Handwerk. Er freut sich über jede Besonderheit die er entdeckt – und manchmal entwickelt er sogar detektivische Fähigkeiten. Hatte Kleine, wie andere Orgelbauer auch, doch gerne seine alte Korrespondenz verwendet, um mit dem Briefpapier die Windlade zu dichten. So fanden sich bei dem Rönsahler Instrument Papiere, die die Unterschrift des Orgelbauers Kleine trugen und ein Angebot für eine Orgel in Oberholzklau im Siegerland. Fasen: „Bei vielen Orgeln sind alle Papiere im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen. Da können solche Funde einen wichtigen Hinweis geben.“ Deshalb werden die Handschriften abfotografiert und anschließend, so weit es noch möglich ist, „übersetzt“.

Ziel der Restaurierung ist es nicht nur, den Originalzustand wiederherzustellen, sondern dies auch mit den Materialien zu tun, die bereits Kleine zur Verfügung hatte. So ist Schafsleder das Material der Wahl, um bewegliche Teile zu dichten, Knochenleim dichtet und verbindet das Holz und in Handarbeit werden Holzschrauben hergestellt, um den größeren Werkstücken Halt zu geben.

Selbst in den Bereichen, die komplett neu gebaut werden müssen, wie den Blasebälgen, die in Rönsahl nicht mehr vorhanden waren, hält sich Fasen an die Pläne des ursprünglichen Entwurfs. Später kann dann die Orgel sowohl von Hand – wie 1786 erdacht – mit Luft versorgt werden, als auch mit einem elektrisch betriebenen Gebläse.

Dann wird auch das zweite Manual verschwinden, das erst im vergangenen Jahrhundert nachgerüstet wurde. Stattdessen erhält die Orgel ein zweites Register im Pedal. „Letztlich lässt sich mit der Orgel all die Musik spielen, die vor der Erbauung geschrieben wurde. Aber der Bestand an Noten aus dieser Zeit ist gigantisch“, erklärt Fasen.

Bis dahin wartet noch viel Arbeit auf die Handwerker. Denn als sie die Orgel abbauten, waren nur noch 35 Prozent der Originalpfeifen vorhanden. Insgesamt wird die Orgel nach der Restaurierung 16 Register mit 1050 Pfeifen besitzen. Wobei 825 Pfeifen aus einer Zinn-Blei-Legierung gefertigt werden. 117 bestehen aus Holz und bei 108 weiteren handelt es sich um sogeannte Zungenpfeifen. Währen die Holzpfeifen in der Werkstatt von Fasen nach den Kleine-Plänen hergestellt werden können, stammen die neuen Metallpfeifen aus einem Fachbetrieb im Oberbergischen. Gestimmt werden aber auch diese von Fasen, der auch die gesamte Orgel stimmen wird – auf einen bestimmten Punkt in der Kirche. Überhaupt ist der Sitzplatz in der Kirche entscheidend für den Hörgenuss. „Gerade bei größeren Kirchen überlagern sich die Töne auf dem Weg durch das Gebäude. Da ist der Platz in der Nähe des Instruments und möglichst auf gleicher Höhe der beste“, so der Orgelbaumeister. Anders ausgedrückt: Was als Klassik aus der Orgel kommt, wird am entferntesten Platz der Kirche zu Pop.

In Rönsahl wird diese Gefahr aufgrund der Gebäudegröße aber nicht bestehen. Dafür wartet eine ganz andere Herausforderung dort auf den Orgelbauer. Muss er sich doch beim Stimmen weit zurücknehmen, denn letztlich soll das Instrument so klingen, wie Kleine es erdacht hat und nicht, wie Fasen es am liebsten hören würde. Doch bis es soweit ist, wird der Meister noch so manches Mal durch alle Räume seiner Werkstatt gehen, um an dem Instrument zu arbeiten. Denn sein Ziel ist es, eine Orgel abzuliefern, die die Beständigkeit und Qualität eines Neubaus hat. ▪ Johannes Becker

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare