Oberkiefer vom Schädel getrennt: Bewährung

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Kierspe/Meinerzhagen - Eine heftige Auseinandersetzung vor einer Kneipe in Meinerzhagen nach dem WM-Spiel Deutschland gegen Frankreich landete jetzt vor dem Amtsgericht. Die Verhandlung endete mit einer Bewährungsstrafe.

„Was soll ich noch sagen, das ist doof gelaufen“, mit diesem sinnfreien Ausspruch verschwendete der Angeklagte sein letztes Wort vor der Urteilsverkündung. Kein Wort der Entschuldigung, keine Reue und auch keine Dankbarkeit für die goldene Brücke, die ihm Richter und Staatsanwalt bauten und über die er nur zögernd und nach langem Zureden seines Verteidigers gegangen war.

Heftig ins Gesicht getreten

Nur ein paar Zentimeter höher, nur noch ein bisschen fester oder bei einem unglücklichen Aufkommen des Opfers, dann wäre der Angeklagte wohl nicht wegen schwerer Körperverletzung, sondern wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt worden. Und dann hätte ihn seine bisherige Vorstrafenlosigkeit auch nicht vor einem langen Aufenthalt in einer Haftanstalt bewahrt. Der 31-jährige Kiersper hatte einem 25-jährigen Meinerzhagener so fest ins Gesicht getreten, dass sich der Oberkiefer vom Schädelknochen löste. Mehrfache Brüche des Kiefers, Operationen, das Einsetzen von neun Platten um den Knochen zu stabilisieren, ein einmonatiger Krankenhausaufenthalt, Sprachstörungen und Schmerzen beim Kauen waren und sind die Folgen dieses Trittes. Zu dem massiven Angriff war es nach einer Auseinandersetzung in Meinerzhagen gekommen.

Frage nach einer Kippe der Streitauslöser

Der Kiersper hatte am 4. Juli des vergangenen Jahres nach dem WM-Spiel Deutschland gegen Frankreich vor der Tür einer Meinerzhagener Kneipe gestanden und geraucht. Aus der Gaststätte kam dann der Meinerzhagener und fragte nach einer „Kippe“. In Folge dieser Frage kam es zu einer Auseinandersetzung – an deren Auslöser sich die beiden, damals stark alkoholisierten, Männer nicht mehr erinnern konnten. Es wurde beleidigt, geschubst und schließlich auch geschlagen. Beide landeten feste Treffer im Gesicht des jeweils anderen, wobei der erste Schlag von dem Meinerzhagener ausging. Dafür stand dieser auch bereits vor einigen Wochen vor Gericht. Gegen Zahlung von 600 Euro wurde das Verfahren damals eingestellt.

„Das war ein Elfmeterschuss“

Während sich der Angeklagte an dieses Geschehen noch sehr gut erinnern konnte, war seine Gedächtnisleistung bei allem Folgenden stark getrübt. Doch aus der Zeugenaussage des 25-Jährigen und der polizeilichen Vernehmung ergibt sich folgender Ablauf: Die beiden Streithähne wurden von Umstehenden getrennt. Der Meinerzhagener kniete auf dem Boden und versuchte seine Blutungen zu stoppen. Dann kam der Angeklagte auf den 25-Jährigen zu und trat ihm mit großer Wucht ins Gesicht. „Das war ein Elfmeterschuss“, schildert das Opfer. Da die Tat in keinem unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit der vorherigen Schlägerei stand, wurde sie als Einzeltat gewertet.

Verhandlung mehrfach unterbrochen

Noch bevor weitere Zeugen gehört wurden, machte sich der Staatsanwalt Gedanken darüber, ob der Fall nicht ein höheres Strafmaß fordere, als es ein Einzelrichter verhängen könne. Es war letztlich Richter Guido Varney, der den Vorschlag machte, sich auf eine spürbare Freiheitsstrafe und eine Strafzahlung zu einigen. Das erforderte aber ein Schuldeingeständnis des Angeklagten. Rund zehn Minuten berieten sich der Kiersper und sein Verteidiger außerhalb des Saales. Im Gericht gab es dann noch einmal Gesprächsbedarf und eine erneute Unterbrechung. Schließlich räumte der Anwalt im Namen seines Mandanten die Tat ein und akzeptierte das Ergebnis der vorausgegangenen Verhandlungen: Ein Jahr auf Bewährung und eine Zahlung von 2000 Euro an das Opfer.

Tritt kann noch deutlich teurer werden

Doch der Tritt kann noch deutlich teurer werden. Nämlich dann, wenn Krankenkasse und Arbeitgeber des Opfers ihre Kosten geltend machen. Und auch der 25-Jährige kann noch Schmerzensgeld fordern.

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