Einschränkungen halten an

Noch keine Normalität in der Tagespflege

Auch der Einrichtungsleiter Ralf Ullrich muss sich dem morgendlichen Screening unterziehen – dazu gehört auch das Messen der Temperatur.
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Auch der Einrichtungsleiter Ralf Ullrich muss sich dem morgendlichen Screening unterziehen – dazu gehört auch das Messen der Temperatur.

Das Interesse an der Tagespflege ist ungebrochen. Mittlerweile stehen 14 Menschen auf der Warteliste von Rat und Tat, doch es wird dauern, bis sie dort ihre Zeit verbringen können. Denn selbst die, die dort schon einen Platz haben, können nicht jeden Tag kommen. Nach wie vor diktiert die Corona-Pandemie den Tagesablauf in der Einrichtung an der Kölner Straße.

Kierspe - Als Ralf Ullrich, Eigentümer des Pflegedienstes und der Tageseinrichtung Rat und Tat, vor mehr als einem halben Jahr mit der Meinerzhagener Zeitung sprach, sagte er: „Ich denke, dass die Situation, wie sie jetzt ist, noch lange bleiben wird.“ Es sieht aus, als sollte er Recht behalten.

Immerhin darf er trotz der Entwicklung bei den Infektionen seine Einrichtung öffnen. Das war im vergangenen Jahr noch ganz anders. Da musste er für gut zwei Monate die Türen geschlossen halten. Danach konnte mit weniger Gästen und unter strengen Auflagen wieder geöffnet werden.

Statt der angemeldeten 13 Gäste durfte gerade einmal die Hälfte kommen. Daran hat sich auch nichts mehr geändert. Und auch das morgendliche Screenings der Besucher ist geblieben – Abfragen des Gesundheitszustands, Fieber messen und Hände desinfizieren. Ohne diese Prozedur gibt es keinen Weg in die Räume, die nach wie vor viel zu groß wirken, weil sie so sparsam eingerichtet sind.

Abstand halten

Möbel gibt es genügend, doch diese türmen sich in einem Nebenraum, der früher als Rückzugsort genutzt wurde. In der Einrichtung selbst gibt es seit dem vergangenen Jahr sogenannte Inseln, in denen sich die Gäste aufhalten müssen – immerhin dürfen sie dort den Mund-Nasenschutz ablegen. Doch sobald die Toilette aufgesucht, wird, muss die Maske wieder angelegt werden. Zweifel an den Maßnahen hat Ullrich keine: „Bislang hatten wir keinen Covid-Erkrankten, weder unter den Gästen noch unter den Mitarbeitern.“

In Zukunft sollen auch die Impfungen helfen, dass es so bleibt. Rund die Hälfte der Gäste und auch 50 Prozent der Mitarbeiter haben mittlerweile die Spritze in den Oberarm bekommen – zumindest die erste von zweien. Da die Mitarbeiter wie auch Ullrich selbst mit Astrazeneca geimpft wurden, ist jetzt unklar, wann sie erneut geimpft werden und womit.

Nicht alle geimpft

Doch selbst wenn alle geimpft wären, geht Ullrich nicht davon aus, dass die strengen Regeln sich schnell wieder ändern werden. Das hat auch seine Pläne, auf der großen Terrasse einen Anbau für weitere Tagespflegeplätze errichten zu lassen, erst einmal zunichte gemacht.

Auswirkungen hat die Situation aber nicht nur auf die Gäste, sondern auch aufs Personal. Nach wie vor sind zwei der vier Kräfte in der Tagespflege in Kurzarbeit.

Nach Einschätzung von Ralf Ullrich wird es noch lange dauern, bis das Leben in der Tagespflegeeinrichtung Rat und Tat wieder so unbeschwert ist, wie es nach der Eröffnung vor vier Jahren war.

Für die, die im ambulanten Bereich arbeiten, gibt es keine Kurzarbeit. Denn neben der Tagespflege bietet Rat und Tat auch hauswirtschaftliche Dienstleistungen und Betreuung an. Die vier Mitarbeiter in diesem Bereich reinigen Wohnungen, erledigen Einkäufe, stehen zum Gespräch bereit oder begleiten zum Arzt. Insgesamt 99 Kiersper nehmen diese Leistungen in Anspruch – zu ganz unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlicher Intensität. Auch bei der Betreuung und der hauswirtschaftlichen Arbeit gelten strenge Hygienevorschriften. „Ist ein Kunde auch nur leicht erkältet, drehen die Mitarbeiter auf dem Absatz um. Neben den üblichen Maßnahmen wie Maske und Hygiene werden auch nach jedem Einsatz, wenn Kunden befördert wurden, die Fahrzeuge desinfiziert“, erzählt Ullrich.

Seit zehn Jahren aktiv

In diesem Jahr betreibt der Kiersper sein Unternehmen im zehnten Jahr. Gestartet ist er mit Betreuung, Hauswirtschaft und Grundpflege. „Wir wollten damals alles ganz anders machen. Wir wollten uns viel mehr Zeit für die Menschen nehmen“, erinnert er sich an den Start des Unternehmens. Doch er sei von der Wirklichkeit der Abrechnung durch die Pflegekasse eingeholt worden. Was geblieben ist, ist auf jeden Fall die intensive Beratung. „Dafür stehen wir nach wie vor. Gerade derzeit rufen viele Menschen an, um Hilfe bei Fragen rund um die Pflege zu bekommen“, sagt er.

Ich denke, dass die Situation, wie sie jetzt ist, noch lange bleiben wird.

Ralf Ullrich, Rat und Tat

Nach sieben Jahren, in denen er sein Büro im alten Sparkassengebäude an der Kölner Straße hatte, ist er dann an die Kreuzung Wildenkuhlen gezogen, wo am 1. Juli 2017 die Tagespflege eröffnet wurde.

Eineinhalb Jahre später gab es einen Rückschlag. Der Mangel an qualifiziertem Personal sei es gewesen, der ihn gezwungen habe, den Pflegedienst wieder einzustellen, sagt Ullrich. Geblieben sind der Betreuungsdienst und die hauswirtschaftlichen Dienstleistungen.

Gesetzesänderung

Und die Zukunft? Da zuckt Ullrich erst einmal mit den Schultern. In der Tagespflege wird die Situation aufgrund der Pandemie sicher noch einige Zeit so bleiben, wie sie ist, davon ist er überzeugt. Bei den Rahmenbedingungen sieht er aber deutliche Verschlechterungen auf seine Branche zukommen. „Der Gesundheitsminister plant ein neues Gesetz, das sicher vieles verändern wird“, so Ullrich. Demnach soll es zwar eine deutlich bessere Bezahlung der Pflegekräfte geben, was auch der Kiersper sehr begrüßt. „Aber letztlich bedeuten die Vorhaben, die derzeit im Entwurf stehen, eine Abkehr des Grundsatzes ,ambulant vor stationär’“, sagt Ullrich. Denn in Zukunft solle der Eigenanteil, den zu Pflegende im Heim zahlen, reduziert und gedeckelt werden. Dafür, so Ullrich, solle bei der Tagespflege gespart werden. Dazu komme, dass Reduzierungen bei der Verhinderungspflege geplant seien, dafür aber weitere Möglichkeiten bei der Kurzzeitpflege. „Ob das alles so kommt, wissen wir nicht. Aber wenn es so kommt, dann wird der gesamte Pflegebereich durcheinandergewirbelt – und das sicher nicht zum Besten der Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, und deren Angehörige“, da ist sich Ullrich sicher.

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