Neuntklässler erleben die Arbeitswelt

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Kindergarten St. Josef: „Ich werde die Kinder sehr vermissen“, ist sich Berta Tissen sicher.

KIERSPE ▪ Märchenbuch statt Vokabelheft, Fleischermesser statt Füllfederhalter: 188 Gesamtschüler schauen sich derzeit in der Berufswelt um. Seit Ende der Herbstferien ist der neunte Jahrgang im Betriebspraktikum. Eine Stippvisite bei den Jugendlichen ergibt: Sie fühlen sich wohl im Arbeitsleben.

„Die Vorstellung der meisten Schüler vom Alltag in einem Beruf ist defizitär“, stellt Bernd Weber fest. Der Gesamtschullehrer und Koordinator der Praktika hält die drei Wochen für sehr wichtig. Die Schüler müssten andere Anforderungen erfüllen als in der Schule, zum Beispiel in punkto gepflegtes Äußeres, aufmerksames Zuhören und Pünktlichkeit. „Wenn sie in der Schule zehn Minuten zu spät zum Unterricht kommen, passiert nicht viel. Ein Chef lässt sich das jedoch nicht mehrmals bieten. Da können zehn Minuten entscheidend sein“, erklärt Weber. Umso erfreulicher findet der Lehrer es, dass die meisten seiner Schützlinge selbst Initiative zeigten. Viele suchten sich eigenständig einen Praktikumsplatz. Nur wenige – in diesem Jahr sind es fünf Jugendliche – blickten nicht mit Interesse in ihre Zukunft. Sie unterstützen nun die Hausmeister der Schule.

Unterstützung in der Kuckucksgruppe

So etwas kam für Berta Tissen nicht in Frage. Die 14-Jährige wählte nicht nur selbst einen Kindergarten für ihr Praktikum. Sie entschied sich auch bewusst für die Einrichtung St. Josef am Glockenweg, da ihr eine konfessionelle Bindung wichtig ist. Seit zwei Wochen gehören nun Singen, Spielen, Basteln, Lachen und Beten mit den Kindern zum Alltag der Gesamtschülerin. In der Kuckucksgruppe unterstützt sie das dreiköpfige Erzieherteam. „Es ist wirklich schön hier. Ich werde die Kinder vermissen“, ahnt Beate Tissen bereits. Sie werde sich in jedem Fall über eine Ausbildung zur Erzieherin informieren.

Gegen Gummistiefel tauschten Jonathan Tide und Michael Esau vor zwei Wochen ihre Schultaschen ein. Statt im Klassenraum treffen sich die Jungen während des Praktikums frühmorgens bei der Metzgerei Hoffmann in Kierspe-Dorf. Gemeinsam lernen sie dort, welche Arbeitsschritte nötig sind, bis Wurst- und Fleischwaren in der Verkaufstheke liegen.

„Sauberkeit und Ordnung sind das Wichtigste“

„Zwiebeln schneiden, Kisten schleppen, Fleisch pökeln – auch Schlachten gehört dazu“, zählt Michael Esau auf. Für die Tiere sei das natürlich etwas traurig, ansonsten gefalle ihm das Praktikum beim Metzger jedoch gut, ergänzt Jonathan Tide. Der 15-Jährige kennt den Beruf von seinem Cousin. Die drei Wochen nach den Herbstferien nutzt er nun, um eigene Erfahrungen zu sammeln. „Sauberkeit und Ordnung sind das Wichtigste“, haben die Jungen eine entscheidende Regel des Handwerks bereits verinnerlicht.

Mit Begeisterung bei der Sache ist auch Dennis Kehler in Rönsahl. Nicht ausgeschlossen, dass sich der 14-Jährige später für den Beruf des Schreiners entscheiden wird. Arno Rutz, aktuell Chef des Schülers, freut sich, dass er in diesem Jahr wieder einen Praktikumsplatz zur Verfügung stellen kann. Er weiß um die wichtige Aufgabe, die der heimischen Wirtschaft diesbezüglich zukommt: „Es geht darum, dass die Jugendlichen einen Einblick in die Berufswelt bekommen. Nicht zuletzt erfahren sie dabei, dass das Sprichwort ‚Ohne Fleiß kein Preis‘ eine Berechtigung hat.“ Hin und wieder sei zudem ein Praktikant dabei, der sich später um eine Ausbildung in seinem Handwerk bemühe.

Ende der Krise bemerkbar

Nach weitgehend überstandener Wirtschaftskrise fiel es der Gesamtschule in diesem Jahr wieder leichter, für die Jugendlichen Praktikumsplätze im gewünschten Berufsfeld anbieten zu können. „Vergangenes Jahr brachen 40 Betriebe weg“, erinnert sich Bernd Weber. Bei Kurzarbeit gab es auch keine Arbeit für Praktikanten. „Das hat sich dieses Jahr doch sehr entspannt“, stellt der Koordinator des Betriebspraktikums zufrieden fest. ▪ pia/cr

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