Neue Kontomodelle ohne teure Dispozinsen

Die beiden Kiersper Volksbankvorstände Stephan Böhse und Stephan Baldschun verweisen auf das noch recht neue Kontoführungsmodell mit einem Dispozinssatz von nur 7 Prozent.

KIERSPE/MEINERZHAGEN - Fast schon seit Beginn der Niedrigzinsphase häuft sich die Kritik an der im Vergleich teilweise wuchernden Höhe der Zinsen für Dispositionskredite bei Girokonten. Wie sieht es vor Ort in den beiden Volmestädten aus? Betrachtet man ausschließlich den Maximalzins, liegt die Volksbank Kierspe bei 13,75 Prozent, die Sparkasse Kierspe-Meinerzhagen bei 12,25 Prozent und die Volksbank im Märkischen Kreis bei 11,45 Prozent.

Von Rolf Haase

Allerdings bieten alle drei auch Kontoführungsmodelle an, bei denen der Zinssatz deutlich niedriger ist wie im Fall der Volksbank Kierspe nun im umgekehrten Ranking mit 7 Prozent, hier jetzt also am niedrigsten, sowie bei der Sparkasse mit 7,4 Prozent und bei der Volksbank im Märkischen Kreis mit 8,45 Prozent. Bei den Instituten sind abgestimmt auf den Einzelfall zudem noch individuelle Konditionen vereinbar.

Wie Sparkassendirektor Wolfgang Opitz informiert, gebe es die Girokontoführungsmodelle Premium, das eine Kreditkarte mit beinhaltet, sowie Premium light, die beide diesen extrem günstigen Zinssatz aufweisen, bereits seit rund einem Jahr und die Kunden, für die diese Modelle interessant sein könnten, würden gezielt darauf angesprochen. Zudem sei bei der Einführung damals umfassend darüber informiert worden unter anderem im Internet, in den Aushängen und auf den Kontoauszügen, macht der Sparkassenvorstandsvorsitzende deutlich, dass dafür offensiv geworben worden sei. Alle drei Monate erfolgten automatisch Überprüfungen und Zinsanpassungen.

Aktuell entflammt ist die Diskussion durch die Erhebung der Zeitschrift Finanztest, die im Ergebnis feststellt: „Die größten Abzocker unter den 1538 Banken in Deutschland sind ausgerechnet die kleinsten.“ Viele nutzten ihre Vormachtstellung in ländlichen Regionen aus und verlangten mehr als 13 Prozent Dispozins, wenn ein Kunde sein Konto überzieht, lautet der Vorwurf. Vor allem kleine Volks- und Raiffeisenbanken sowie Sparkassen schröpften so ihre Kunden, stellen die Tester fest, die weiter betonen, dass ein wirklich gerechtfertigter Zinssatz unter zehn Prozent liegen müsse.

Dies vor allem natürlich angesichts eines Leitzinses der Europäischen Zentralbank, der von 2011 bis 2013 von 1,5 Prozent auf nunmehr 0,5 Prozent gesunken ist. Hier hakt allerdings Sparkassendirektor Wolfgang Opitz ein, dass sich die kleineren Regionalbanken anders als die großen Systembanken aufgrund ihres hohen Zuflusses auf der Passivseite meist gar kein EZB-Geld holten. Der Vorstandsvorsitzende: „Der Leitzins wird ganz bewusst gezielt niedrig gehalten wegen der in Schieflage geratenen Großbanken.“ Außerdem würden bei steigendem Leitzins noch mehr Staaten kippen, nennt er einen weiteren Grund.

Einen direkten Zusammenhang zwischen dem EZB-Leitzins und den Dispo-Zinsen herzustellen ist laut Aussage der beiden Kiersper Volksbankvorstände Stephan Böhse und Stephan Baldschun ohnehin irreführend, denn damit werde suggeriert, dass dies die Gewinnspanne der Bank sei. Alle Einstands- und Vorhaltekosten würden völlig außen vor gelassen, üben sie Kritik. Letztlich müssten, so führt Sparkassendirektor Wolfgang Opitz aus, bei den kleinen Regionalbanken auch Geschäftsstellen, Geldautomaten, das Eigenkapital und zudem die Risiken finanziert werden, was eben durch das Geldgeschäft passiere. Er geht davon aus, dass künftig immer mehr Banken mit den Zinsspannen nicht mehr zurechtkommen. Dabei mache der Aufwandsbereich bei der Sparkasse Kierspe-Meinerzhagen nur noch 1,6 Prozent der Bilanzsumme aus, sei also im Vergleich extrem gering.

Stephan Böhse von der Volksbank führt ergänzend aus, dass sich in Preis und Zins finanzwirtschaftlich unter anderem eben das Ausfallrisiko niederschlage und dieses sei bei einem Dispokredit tendenziell höher, da dieser vielfach formlos ohne tiefgründige Ratinganalyse eingerichtet werde, häufig bis auf weiteres gelte und auf gegenseitigem Vertrauen basiere. Ansonsten unterhalte die Volksbank in Kierspe zurzeit vier Geldautomaten, demnächst sogar fünf. Und diese würden bei weitem nicht so rentabel betrieben, wie ein Geldautomat in der Fußgängerzone einer Großstadt oder eines Einkaufszentrums. Außerdem gäbe es in jeder Filiale Mitarbeiter, die Beratungen im Zusammenhang mit der Kontoführung und dem Zahlungsverkehr leisteten. „Diese personellen, technischen und räumlichen Gegebenheiten blieben unberücksichtigt, wenn allein über Preise für Kontoführungsmodelle gesprochen werde, merkt Böhse an.

Ähnlich wie die Zeitschrift Finanztest hatte auch die Stiftung Warentest bereits im Herbst 2012 die Dispozinsen der deutschen Banken unter die Lupe genommen, damals hatte der Zins im Mittel bei 12,5 Prozent gelegen.

Dass in den aktuellen Vergleich der Zeitschrift Finanztest die anderen Kontoführunsmodelle mit deutlich niedrigerem Zinssatz nicht weiter berücksichtigt wurden, wird in in Kierspe und Meinerzhagen ebenfalls bemängelt. So verfügt die Volksbank Kierspe allein über fünf Kontomodelle. Vorstand Stephan Baldschun: „Wir haben so für alle Kunden ein bedarfsgerechtes Modell: Für Kunden, die technisch veranlagt sind und ihr Konto online führen möchten, bieten wir ein sehr günstiges Online-Konto an, ohne auf die persönliche Betreuung durch unsere Kundenberater verzichten zu müssen. Für die Vielnutzer mit umfangreichen Kontobewegungen mit Lastschriften und Überweisungen haben wir ein Pauschalmodell und seit einiger Zeit bieten wir unseren Kunden auch ein Konto mit einer festen, monatlichen Preisberechnung an, bei dem der Zinssatz für einen Dispokredit mit 7 Prozent auf einem äußerst attraktiven Niveau liegt.“ Welches für den jeweiligen Kunden das richtige und günstigste Modell ist, müsse geprüft werden.

Sparkassenkollege Wolfgang Opitz fasst zusammen: „Wir haben inzwischen nach der Einführung der beiden Premium-Modelle acht Kontomodelle inklusive des kostenfreien Jugendgirokontos, mit dessen Einführung wir damals eine Marktführerrolle einnahmen.“

Bei der Volksbank im Märkischen Kreis, die unter anderem auch Meinerzhagen betreut, sind die Dispozinsen abhängig vom Modell des Kontos: Wie Pressesprecherin Lavinia Heße erklärte, schwankten die Zinsen hier zwischen 8,45 und 11,45 Prozent, wobei die gängigsten Kontoarten Dispo-Zinsen von 10,45 oder 11,45 Prozent beinhalten.

Sparkassendirektor Wolfgang Opitz macht außerdem deutlich, dass sein Institut den derzeit niedrigen Zinssatz auf der Passivseite durchaus auch auf der Aktivseite weitergebe: Gefragt sei so das Zuwachssparen, das bei 0,7 Prozent Zinsen beginne und bei 2,75 Prozent aufhöre. Auf sechs Jahre gebe es so 1 Prozent und auf zehn Jahre 1,53 Prozent. Demgegenüber stehe ein Wohnungsbaukredit über fünf Jahre, der 2,10 Prozent koste und über einen Bausparvertrag sogar bloß 1,5 Prozent. Übrigens sei der durchschnittliche Sollzinssatz der heimischen Sparkasse günstiger als insgesamt der Sparkassen in Westfalen-Lippe.

Auch gebe es gar nicht so viele Kunden, die den Dispo lange und hoch beanspruchen, weiß Opitz genau wie ebenfalls seine Volksbankkollegen Stephan Böhse und Stephan Baldschun. Laut einer Emnid-Umfrage nutzen nur etwa 30 Prozent aller Bankkunden den eingeräumten Dispositionskredit und davon wieder bloß 10 Prozent häufiger als einmal oder zweimal pro Jahr. Die zwei Volksbankdirektoren berichten, dass die meisten Kunden lieber einen passenden Kredit in Anspruch nähmen: „Ein Dispo ist nur für den Ausgleich von kurzfristigen Liquiditätsengpässen gedacht. Bei größeren Anschaffungen wie für Autos, Möbel oder Urlaubsreisen sollten daher Anschaffungsdarlehen genutzt werden, die eine feste Laufzeit und feste Monatsraten haben und in der Regel günstiger als der Dispokredit sind“, macht Stephan Baldschun aufmerksam und ergänzt: „Wir führen mit unseren Kunden vertrauensvolle Gespräche und entscheiden gemeinsam, welche Kreditart für sie geeignet ist. Bei übermäßiger Inanspruchnahme des Dispokredites setzen wir uns mit unseren Kunden in Verbindung, um gemeinsame Lösungen, wie etwa ein Umschuldungsangebot in einen Ratenkredit wie ein Anschaffungsdarlehen, zu finden.“

Die Alternative zu kostendeckenden Dispositions- und Überziehungskrediten ist laut Stephan Böhse die Quersubventionierung aus anderen Geschäften. Dies aber sei betriebswirtschaftlich wenig ratsam. „Wir brauchen profitable Produkte, da wir bei geschäftlichen Schwierigkeiten kein Geld vom Staat bekommen und unsere Selbstständigkeit aus eigener Kraft darstellen müssen. Das dürfte allen Banken so gehen, die nicht systemrelvant sind“, erläutert Böhse. Und dann weiter: „In unserer Branche ist es mittlerweile gängige Praxis, geringste Margen zu kalkulieren und bei Schieflagen den Staat anzupumpen. Wir haben Wettbewerber, die bieten 50 Euro für eine Kontoeröffnung und weitere 50 Euro, wenn der Neukunde bei Nichtzufriedenheit das Bankhaus wieder verlässt. Gleichzeitig haben diese aber Staatshilfen in Anspruch genommen. Das ist der absolute Wahnsinn.“

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