Eine virtuelle Stadtchronik

So sieht sie aus, die Facebook-Seite. Minütlich gibt es neue Einträge und Mitglieder.

KIERPSE ▪ Der erste Kuss in der letzten Reihe des Scala-Theaters, eine Süßigkeitentüte von Popinga und die Masern wurden von Dr. Crone behandelt: Wer in Kierspe groß geworden ist, kann sich sicherlich noch gut an all diese Dinge erinnern.

Kiersper tauschen seit drei Wochen in der Facebook-Gruppe „Du bist Kiersper, wenn...“ ihre Erinnerungen aus – mittlerweile beteiligen sich mehr als 880 Volmestädter, die weit mehr als 3000 Kommentare verfasst haben. Allein am Dienstag wuchs die Gruppe um 100 Mitglieder.

„Die Gruppe ist zu einem Selbstläufer geworden. Ich habe sie nur gegründet – aber dass sie so einschlägt, damit hätte ich nicht gerechnet“, erklärt Sven-Christian Hennekes. Die Idee dazu sei jedoch geklaut: „Ich bin ja nur ein halber Kiersper. Eigentlich komme ich aus Iserlohn und da gab es diese Gruppe schon. Ich fand die Idee einfach super.“ Für ihn sei die Facebook-Seite eine Chance, Menschen zusammenzubringen und sie zu motivieren, über ihre Stadt zu reden. „Es ist eine Art Stadtforum, ich lasse die einfach mal machen, ich bleibe im Hintergrund. Ich verfolge damit keine politischen Ziele oder so“, sagt Hennekes.

Und sein Konzept scheint aufzugehen. Was langsam begann hat sich innerhalb weniger Tage zu einem echten Renner entwickelt. Allein am Mittwoch gab es innerhalb von drei Stunden mehr als 30 Einträge und Kommentare. Von Bilderrätseln „Wo ist das?“ bis hin zu alten Erinnerungen von Feiern, Schrauben im Rathaus, Wiegeaktionen oder Einkaufserlebnissen. „Kierspe ist ein Dorf“, hört man auf den Straßen immer wieder und das wird auch im Netz deutlich: Jeder kennt jeden, über irgendwelche Ecken. Hier unterhält sich eine Gruppe über legendäre Partys in der Gesamtschule, dort wird gerätselt, welche Tiere früher auf dem Gelände der Deutschen Bank grasten.

Interessant zu beobachten: Alle Generationen haben etwas beizutragen: Die einen erinnern sich noch an Milch-Klaus und an Tage als eine Kugel Eis am Hallenbad noch 25 Pfennige kostete. Legendär war für andere das Kino, ein Gruppenmitglied schreibt: „Werde ich nie vergessen: Zur Schulzeit noch, unsere Freundinnen wollten unbedingt da rein – dreieinhalb Stunden Sperrsitz-Komfort im Scala-Theater: Vom Winde verweht.“ Andere können sich noch an „Ostfriesen Riesen“ erinnern, eine Art Porno-Film, in den sie sich als Jugendliche heimlich reinschlichen. Insgesamt 43 Erinnerungen zu diesem Thema gab es am Mittwoch bereits.

Fehlen dürfen auch nicht Stricheleien gegen die Nachbarstadt: „Meinerzhagen war Ausland.“ Und auch die Ortsteile Bahnhof und Dorf bekriegen sich: „Wer sich daran nicht erinnern kann, musste seine Kindheit vermutlich in Bahnhof verbringen.“ ▪ lm

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