„Gemeinsam haben wir es bis hierher geschafft“

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Viel Freizeit investierten die Nachbarn in Bauarbeiten, die Horst Wede mehr Lebensqualität bescheren sollen. ▪

KIERSPE ▪ Als Horst Wede von seinem Rollstuhl aus feierlich das rote Band durchschnitt, applaudierten alle Nachbarn des Hauses Nummer 71 am Haunerbusch. Zu einem kleinen Umtrunk hatten sie sich versammelt, um den Weg einzuweihen, den sie in Nachbarschaftshilfe eigenhändig für ihren Mitbewohner angelegt und gepflastert haben. „Horst-Wede-Allee Oktober 2012“ prangt auf dem kleinen Metallschild in Rollstuhlhöhe, gleich an der Seite.

„Ihr seid einfach Top-Kumpels, vielen Dank für alles, was ihr für mich und meine Familie getan habt“, sagte Horst Wede sichtlich bewegt und hob sein Sektglas zum Anstoßen.

Dass der 55-Jährige dazu wieder in der Lage ist, verdankt er guter medizinischer Behandlung und seinem eigenen unermüdlichen Üben jeden Tag.

Im Dezember vergangenen Jahres musste sich Horst Wede einer Zeh-Amputation unterziehen. Gerade aus dem Krankenhaus zurückgekehrt und auf dem Weg der Besserung erlitt er einen Schlaganfall in der Wirbelsäule, der ihn an beiden Armen und Beinen lähmte. „Als ich auf der Intensivstation aus dem Koma erwachte, hatte ich einen Filmriss und konnte gar nicht zuordnen, was mir passiert war“, erinnert er sich an die ersten Augenblicke im Klinikum Hellersen. Von seiner Frau Iris und den Ärzten erfuhr er von den Ereignissen.

Die anschließende Rehabilitationsmaßnahme führte das Ehepaar Wede in die Odebornklinik nach Bad Berleburg. Als Horst Wede den linken Arm und das Bein langsam wieder bewegen konnte, schöpfte er neue Hoffnung. Unter Anleitung der Therapeuten absolvierte er täglich stundenlang diszipliniert seine Übungen und freute sich über jeden kleinen Fortschritt. „Auch ich habe in dieser Zeit viel gelernt, um meinen Mann optimal unterstützen zu können“, erzählt Iris Wede.

Nach sieben Wochen musste der 55-jährige die Reha dann aber vorzeitig abbrechen. Massive Durchblutungsstörungen im rechten Bein machten eine Bypass-Operation im Kreiskrankenhaus Hellersen nötig. Als die anschließende Entzündung sich immer mehr ausbreitete und eine Blutvergiftung drohte, erfuhr Horst Wede, dass eine Amputation bis zum Oberschenkel unumgänglich sei. „Wenn meine Frau, mein Sohn und seine Familie damals nicht gewesen wären, hätte ich nicht die Kraft gehabt weiter zu machen“, sagt er über diese kritische Phase seines Lebens.

Nach der Amputation folgte eine erneute Rehabilitation, diesmal in der Baumrainklinik Bad Berleburg. Millimeterweise arbeitete Horst Wede sich in der Physiotherapie voran. „In diesen Wochen habe ich viel Elend gesehen und manchmal sogar gedacht, dass es mir doch eigentlich gar nicht so schlecht geht“, erzählt er nachdenklich. Aber natürlich gab es auch die dunklen Stunden, in denen er alles in Frage stellte.

„Zum Glück sind wir Kämpfer und haben es bis hierher geschafft“, bemerkt Iris Wede, die sich an der Seite ihres Mannes zur wahren „Fachfrau“ entwickelt hat. Sie hat auch die Nachbarn daheim über den Gesundheitszustand ihres Mannes auf dem Laufenden gehalten.

„Als wir erfahren haben, dass Horst jetzt im Rollstuhl sitzt und gar nicht aus der Wohnung herauskommt, wollten wir ihm unbedingt helfen“, berichtet Gerd Wilfersegger. Gemeinsam mit Detlef Funke und anderen Hausbewohnern baute er zunächst eine Holzrampe für das Treppenhaus, die an der Wand hochgeklappt werden kann. Dank der findigen Konstruktion, kann Horst Wede jetzt von seiner Familie nach draußen geschoben werden.

Damit gaben die Nachbarn sich aber noch nicht zufrieden, denn auch die Strecke zum Garagenhof musste überwunden werden. Nachdem alle Hausbewohner dem Bau eines Wirtschaftsweges zugestimmt hatten, machten sie sich bei strömendem Regen an die Ausschachtarbeiten. „Abends um 20.30 Uhr haben sie mich rausgeholt, um mir die ersten Erfolge zu zeigen“, erinnert sich Horst Wede lächelnd.

Viel Freizeit haben die Nachbarn in die Bauarbeiten gesteckt. „Der Horst soll ein Stück mehr Lebensqualität bekommen“, sind sich alle Beteiligten einig.

Fernziel ist für sie, dass ihr Nachbar sich bald wieder an den gemeinsamen Bastelarbeiten im Keller beteiligen kann, wo jedes Jahr Vogelhäuschen und Weihnachtskrippen entstehen. „Irgendwann werde ich wieder dabei sein, dafür übe ich jeden Tag“, mit diesen Worten hob Horst Wede lächelnd sein Glas. ▪ msh

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