Kalb Ende Juni gerissen

Nach Wolfsichtung: Landwirt erhebt schwere Vorwürfe gegen Behörden

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Landwirt Reiner Grafe vor der Weide, auf der er das vom Wolf gerissene Kalb fand.

Kierspe - Der Tod kam nachts, leise und unbarmherzig. Reiner Grafe wurde von einem mehr als unschönen Anblick überrascht, als er morgens seine Weide betrat. Unangenehm überrascht wurde er aber auch von der Reaktion der Behörden, bei denen der Nachweis eines Wolfes in Kierspe wohl keine Priorität hatte.

Als unser Portal am Sonntag von der Wolfssichtung eines Jägers berichtete, war auch von einem gerissenen Kalb zu lesen. Nun hat sich der Landwirt gemeldet – um seinem Unmut über das „Behördenversagen“ Luft zu machen.

Doch der Reihe nach: Am Dienstag, 25. Juni, konnte der Berufslandwirt gegen 22.30 Uhr beobachten, wie eine Kuh auf einer Weide unweit seines Wohnhauses abkalbte. Kurz darauf stand das Neugeborene neben seiner Mutter. Für Reiner Grafe, der die Tiere immer den ersten Tag bei der Mutter lässt, ein ganz normaler Vorgang. Doch am nächsten Morgen war alles anders. 

Furchtbarer Anblick auf der Weide

Als er rund 12 Stunden nach der Geburt die Weide betrat, bot sich ihm ein furchtbarer Anblick. Das Kalb war regelrecht zerrissen. Die ein mal drei Zentimeter starken Rippen zerbissen, das Tier ausgeweidet. Letztlich hätten die Reste des Tieres nur noch 15 Kilogramm gewogen, und das bei einem Geburtsgewicht von üblicherweise mehr als 40 Kilogramm. Für Reiner Grafe war klar: Das kann weder ein Fuchs noch ein Wildschwein gewesen sein – das musste der Wolf sein, auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch keine Sichtung vorlag. 

Behörden: "Nicht zuständig"

Doch obwohl die Rückkehr des Wolfes ein Dauerthema ist, im Märkischen Kreis schien niemand so rechtes Interesse an dem Vorfall zu haben. „Ich habe dann gleich beim Ordnungsamt angerufen. Dort erklärte man sich aber für nicht zuständig. Das Veterinäramt des Kreises verwies auf den Wolfsberater und dieser auf seinen Terminkalender. 

Dieses Foto machte Helmut Brand am 6. Juli bei Hohenholten.

„Nachdem ich dort auf den Anrufbeantworter gesprochen hatte, erfolgte gegen 11.30 Uhr auch ein Rückruf. Allerdings teilte mir der Wolfsberater nur mit, dass er keine Zeit habe. Außerdem zweifelte er an, dass es sich tatsächlich um einen Wolf gehandelt habe. Am gleichen Abend hat er dann endgültig für den Mittwoch abgesagt, um am nächsten Morgen mitzuteilen, dass jetzt zu viel Zeit vergangen sei, um noch DNA-Material zu sichern“, schildert Grafe seine Erlebnisse. 

Anrufe beim Landwirtschaftsverband in Lüdenscheid und der Kammer in Unna brachten nur die Erkenntnis, dass man sich auch dort nicht zuständig fühlte. „Ich habe dann das Tier geborgen und unseren Tierarzt angerufen, der anhand der Bisspuren bestätigte, dass es sich entweder um einen Wolf oder einen wildernden Hund gehandelt habe“, so Grafe.

Letztlich habe er dann noch bei der Polizei angerufen, um eine amtliche Bestätigung zu bekommen. „Die Beamten kamen auch recht schnell, erklärten sich aber ebenfalls für nicht zuständig. Letztlich blieb dann nichts anderes übrig, als am Freitag die Tierkörperbeseitigung anzurufen, die das Kalb dann am Montag abholte.“ 

Reaktion erst nach neuer Sichtung

Neuen Schwung bekam die Sache eine gute Woche später, da meldete sich – nach der Sichtung durch den Jäger und einem Gespräch zwischen Grafe und dem Jagdpächter – das beim zuständigen Ministerium angesiedelte Wolfsmonitoring bei Reiner Grafe. „Die Dame war sehr erzürnt, dass der Wolfsberater sich nicht gekümmert hat. Sie fragte noch, ob ich eine Entschädigung beantragen möchte, allerdings rief sie zehn Minuten später dann noch mal an, um mitzuteilen, dass es keine Entschädigung gebe, da der Fall ja nicht protokolliert und damit bewiesen sei.“ 

"Es geht mir nicht um die Entschädigung"

„Es geht mir nicht um die Entschädigung von vielleicht 200 Euro, aber ich bin entsetzt, wie auf solch eine Meldung reagiert wird. Alle Welt redet vom Wolf, wenn er dann da ist, sind alle ganz überrascht“, ärgert sich der Landwirt. Doch letztlich ist die nicht gezahlte Entschädigung der Punkt, an dem Grafe nun ansetzen will. 

Auf dem Hof wird sich einiges ändern

„Ich habe mir jetzt einen Rechtsanwalt genommen und werde gegen diese Art der Behandlung vorgehen“, sagt er. Um Schaden von anderen Tierbesitzern abzuwenden, hat er Schafhalter in der Umgebung über den Vorfall informiert. Und auch auf seinem Hof wird sich nun einiges ändern. In Zukunft wird er wohl die Neugeborenen sofort von der Mutter trennen, damit diese keiner Gefahr mehr ausgesetzt sind. Auch überlegt er, ob die jungen Tiere, die üblicherweise den Sommer Tag und Nacht auf der Weide verbringen dürfen, zukünftig im Stall hält. „Für die Tiere ist das nicht schön, und ich verliere die Sommerweide-Prämie.“ 

Aus seinen Erfahrungen zieht er aber auch grundsätzliche Schlüsse: „Wer den Wolf will, der muss das Leiden der Weidetiere in Kauf nehmen – und auch, dass sich die Tierhaltung komplett verändern wird. Das muss jeder wissen, der sich für den Wolf ausspricht“, sagt Grafe.

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