Familienzusammenführung für jesidische Familie

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Endlich ist die Familie Mirza wieder vereint: Auf eine friedliche Zukunft in Kierspe hoffen Sundus, Jan, Gule, Marwan (von links). Die Flucht hatte bereits 2014 begonnen, als der IS sich dem Wohnort der Mirzas näherte.

Kierspe - Es ist ein Alltagsbild, wie die vier an dem Tisch im Café sitzen. Doch für Marvan Mirza hat dieses Bild nichts alltägliches – auch jetzt nicht, wo er schon fast drei Monate mit seiner Familie wieder zusammenlebt – nach Jahren der Trennung und Flucht.

Der sogenannte Islamische Staat (IS) war nicht zimperlich bei der Auswahl seiner Opfer. Doch bei Jesiden kannten und kennen die Fundamentalisten keine Gnade. Regelrecht abgeschlachtet wurden die Menschen, die dieser Religion anhängen, in Syrien und dem Irak. Jesidische Frauen, die nicht gleich getötet wurde, wurden verkauft oder wie Kriegsbeute gehalten. 

Diesem Schicksal wollten Marwan Mirza und seine Frau Sundus mit der damals einjährigen Tochter Gule entgehen, als der IS im Sommer 2014 den irakischen Norden einnahm. Mehr als 6000 Menschen flohen damals ins Sinjar-Gebirge – wo sie von den Terroristen eingekesselt wurden. Nur schlecht bewaffnet konnten die Eingeschlossenen so lange Widerstand leisten, bis es kurdischen Peschmerga-Kämpfern gelang, den Menschen zur Flucht zu verhelfen. Über Syrien gelangte die Familie in ein Lager im Nordirak. Dort traf Marwan Mirza, damals 28 Jahre alt, eine folgenschwere Entscheidung. 

Nach langer Zeit im Lager – in dem auch sein heute zweieinhaljähriger Sohn Jan geboren wurde – entschloss er sich, die Flucht nach Europa allein anzutreten. „Wir konnten es uns nicht vorstellen, dass wir die Flucht mit den beiden kleinen Kindern schaffen“, erzählt er heute. Er selbst kam damals gut durch und in nur drei Wochen nach Deutschland – in Kierspe lebt der Jeside jetzt seit November 2015. Doch trotzt seiner eindeutigen Situation als Jeside, der nicht nur vom IS mit dem Tode bedroht wurde, sondern auch von anderen Moslems nicht viel Gutes zu erwarten hat, dauerte es bis zum Frühjahr des vergangenen Jahres, bis er eine Aufenthaltsgenehmigung bekam. Sofort nach der Anerkennung hatte Mirza mit Unterstützung des Vereins „Menschen helfen“ einen Antrag auf Familienzusammenführung gestellt. Wollte der junge Geflüchtete doch endlich seine Familie wieder in die Arme schließen. 

Doch der deutsche Staat ließ sich Zeit – letztlich rund ein Jahr. Ein Jahr, das nicht nur eine kaum auszuhaltende Ungewissheit für die Familie bedeutete, sondern auch psychische Störungen bei Marwan Mirza auslöste. Nach seiner Auskunft und der von Mitgliedern von „Menschen helfen“ waren die „psychogenen Krampfanfälle“, ausschließlich auf die Trennung von seiner Familie zurückzuführen. So hatten es Fachärzte diagnostiziert. Natürlich hatte auch die Situation, in der sich seine Frau und seine Kinder befanden, nicht zu einer Besserung beigetragen. Denn Sundus und die beiden Kinder waren in dem Lager in der Nähe von Mossul erneut vom IS bedroht. Gemeinsam mit ihren beiden Kindern und ihrem Vater floh die junge Frau mit einer Gruppe von Jesiden in die Türkei – und von dort weiter über eine griechische Insel aufs griechische Festland. Für den Vater der Jesidin war das alles viel zu viel. Er starb beim Erreichen der griechischen Insel. 

Dass Sundus samt der Kinder in Griechenland für acht Tage in Haft kam und danach 17 Tage in ein eingezäuntes und bewachtes Lager, erfuhr Marwan erst, nachdem er seine Frau im Winter des vergangenen Jahres in Griechenland besuchen konnte. Die Kosten hatten hilfsbereite Mitglieder des Vereins „Menschen helfen“ übernommen. Dieser Verein war es auch, der gemeinsam mit dem Bürgerzentrum Hand in Hand zu weiteren Spenden aufrief, um die Reisekosten, die sich aus einer Familienzusammenführung ergeben, übernehmen zu können. 

Ende Februar dieses Jahres war es dann endlich so weit. Von Athen durften Sundus, Gule und Jan ausreisen. Als klar war, dass die Familie bald eintreffen würde, kümmerte sich der Verein um eine Wohnung an der Friedrich-Ebert-Straße, renovierte diese und richtete sie mit gespendeten Möbeln ein. Für die Familie begann endlich die Zeit, auf die sie so lange warten mussten. „Wir hatten kein Leben, jetzt können wir in Frieden leben“, sagt Sundus Mirza an diesem Morgen im Café, wobei ihr Mann übersetzen muss. Sie selbst besucht jetzt einen Alphabetisierungskurs in Lüdenscheid und Marwan absolviert ein Praktikum über einen Anbieter, der sich auf Berufsvorbereitung spezialisiert hat. 

Eng getaktet ist damit der Tag der beiden, damit die Betreuung der Kinder sichergestellt ist. Marwan Mirza: „Anfangs war ich den Kindern fern. Sie sahen in mir eher einen Onkel.“ Deshalb war es Sundus auch gar nicht recht, die Kinder ausschließlich vom Vater betreuen zu lassen. Zu viel hatten die Kleinen in den Jahren der Flucht und des Lagerlebens erleben müssen. Mittlerweile ist diese Sorge kein Thema mehr. Die Kinder haben den Zugang zum Vater gefunden – und ab August werden sie auch gemeinsam eine Kindertagesstätte besuchen können.

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