Mehr, als nur ein Kalenderblatt abreißen

Die Messe am Heiligen Abend ist sorgfältig geprobt. Der besondere Gottesdienst ist Pastor Gregor Myrda auch immer eine Herzensangelegenheit. - Archivfoto: Goldbach

Kierspe - Für Kinder ist der Sinn von Weihnachten ganz klar – der Gabentisch. Für den Einzelhändler ist es der Umsatz und für den Paketzusteller wird das Fest zum puren Stress. Doch was ist es für einen Pastor – von allem ein bisschen oder doch in erster Linie eine Pflicht, die professionell erledigt werden muss? Für Gregor Myrda zumindest ist es sicher ein Mix aus alldem, aber auch eines der wichtigsten Feste im Jahr.

Von Johannes Becker

„Weihnachten bedeutet für mich nicht, ein Kalenderblatt abzureißen – und dann ist Weihnachten. Weihnachten erleben kann ich nur, wenn ich mich darauf vorbereite, mich darauf einstimme und mich dafür geöffnet habe“, erklärt Pastor Gregor Myrda.

Dabei helfe ihm die Adventszeit mit ihren Frühschichten, den Adventssonntagen, die biblisch und symbolisch immer mehr auf das kommende Fest hinweisen würden, aber auch all die Adventsfeiern und Konzerte, die in der Gemeinde stattfänden.

Doch neben dem privaten Gregor Myrda gibt es auch noch den dienstlichen, der allein an Weihnachten vier Messen zu halten hat. Das geht nicht spurlos an ihm vorüber – und manchmal wird es ihm auch gesagt. „Es kommen immer wieder Gemeindemitglieder auf mich zu, die mir sagen, dass ich in der Vorweihnachtszeit so ernst schauen würde. Und ich stehe dann auch unter einer starken Anspannung, die erst abfällt, wenn die Messen gehalten sind. Wenn alles geklappt hat, dann fühle ich mich erleichtert und auch zufrieden.“

Damit sich dieses Gefühl einstellen kann, muss viel geprobt werden. Unter anderem der Einzug mit 20 Messdienern in die Kirche am heeiligen Abend. „Nebenbei“ muss er im Bistum auch noch die Beichte in polnischer Sprache abnehmen. „Das ist zwar zusätzlicher Stress, zwingt aber auch zur Besinnung. Und dabei wird auch deutlich, wie wichtig das Weihnachtsfest vielen Menschen immer noch ist.“

Seine ersten Erfahrungen mit Weihnachten machte Myrda damals noch in Polen. „Da wurde im Kreis der Familie gefeiert. Es gab immer Karpfen und niemals Fleisch, dazu die polnischen Klöße“, erinnert er sich an diese Zeit.

Heute spielt die Familie – nach dem Tod der Mutter ist das vor allem der Bruder in Dortmund – immer noch eine große Rolle. Denn dort kann er privat sein, wird nicht als Pastor wahrgenommen und muss es auch für ein paar Stunden nicht sein. Doch am Heiligen Abend wird er wohl nicht mehr ins Ruhrgebiet fahren. Wo genau er selbst feiert, hält er sich offen: „Es gibt da eine Familie, dort wird in diesem Jahr ein Stuhl leerbleiben, vielleicht gehe ich dorthin.“ Mehr will er dazu nicht sagen, das würde wohl auch nicht zu seinem Beruf als Seelsorger passen.

Überhaupt Beruf – als Pastor ist er nicht nur Christ, sondern auch ein Profi, der Feste inszenieren muss, der die immer gleichen Texte spricht und die immer gleichen Lieder anstimmt. Doch das gehört für ihn dazu, dafür ist er Teil eines Konzerns, der weltweit aktiv ist und zu dem rund 1,22 Milliarden römisch-katholische Christen in 2945 Diözesen gehören. „Aber ich bin immer noch gerne Priester, das ist ein Beruf der mich erfüllt – und auch nach all den Jahren noch immer Berufung“, erzählt der Mann, der um ein Haar eher Häuser gebaut als das Wort Gottes verbreitet hätte.

Denn auch wenn der Wunsch Priester zu werden bereits in Polen existierte, wurde er Anfang er 1980er Jahre „im goldenen Westen“ Bautechniker – ein Beruf, in dem er keinen Tag gearbeitet hat. Vielmehr entschied er sich nach dem Abschluss dieser Ausbildung dazu, Priester zu werden.

Nach einigen Dienstjahren im Ruhrgebiet kam er dann vor acht Jahren nach Kierspe. „Das war nicht unbedingt mein Traumziel“, bekennt er und schiebt nach: „Ich habe hier aber eine lebendige Gemeinde mit vielen engagierten Ehrenamtlichen vorgefunden.“

Doch die fordern auch, allein während seines zweistündigen Gespräches mit der MZ läutet es viermal an der Tür – da werden eben noch letzte Details für eine Beerdigung besprochen, ein Gemeindemitglied hat noch eine drängende Frage und eine ältere Dame bittet den Pastor, sie nach Hause zu fahren.

Der Bitte will er gerne entsprechen, vorher aber noch das Gespräch in seinem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer beenden. Dort brennt auf dem Tisch eine massive Kerze. Das flackernde Licht ist nicht nur weihnachtliche Deko, sondern das Backup (Sicherungskopie) des Lichtes aus Bethlehem, das in der Vorweihnachtszeit in der Kirche brennt. „Wenn da mal was schiefgeht, habe ich ja noch diese Kerze.“

Auf die Frage, was er sich denn persönlich zu Weihnachten wünsche, antwortet der Profi Myrda: „Frieden, nicht nur zwischen den Völkern, sondern auch in den Familien. Denn es gibt auch hier in Kierspe viele Familien, denen es schwer fallen wird, in Weihnachtsstimmung zu kommen.“

Doch wenn man mit dem Priester spricht, im Hintergrund das Dauerläuten des Telefons, dann würde man ihm aber auch noch etwas anderes schenken wollen: Zeit. Denn diese fehlt ihm an jedem Tag. Und so wird das, was bei anderen Menschen Freizeit heißt, bei ihm zur kleinen Auszeit, die er auch gerne mal im Schwimmbad verbringt. Doch sicher nicht in der Zeit vor dem Weihnachtsfest.

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