Blattgold und Lapislazuli für die eigenen vier Wände

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4: Klaus Schulz (rechts) und Daniel Witt leiten den gleichnamigen Malerbetrieb in Kierspe. Für die beiden Geschäftsführer arbeiten sechs Gesellen, eine Bürokraft und eine Auszubildende. ▪

KIERSPE ▪ Blaue Farbe aus Lapislazuli, Weißtöne auf Kreidebasis und braune Farbe aus erdigem Umbra: Klaus Schulz und Daniel Witt vom gleichnamigen Malerbetrieb wollen zurück zum Ursprung des Malerhandwerks.

Naturpigmente stehen wieder hoch im Kurs. Zwar bieten die Maler auch klassische Renovierungsarbeiten an und streichen mit Industriefarben. Doch immer mehr Kunden wünschen sich etwas Besonderes für ihr Zuhause.

Bis zum Ende der 60er Jahre rührte jeder Malerbetrieb seine Farben aus Naturpigmenten wie Kalk, Bindemitteln wie Leim und Verdünnungsmitteln selbst an. Dann sei der Umbruch gekommen, erklärt Klaus Schulz: Die industrielle Herstellung von Farben mit künstlichen Pigmenten setzte sich im großen Umfang durch.

Diese neuen Farben seien eine Erleichterung gewesen, sagt Schulz. Weiße Wände zum Beispiel hätten bis dahin abgefärbt, „gekreidet“. „Außerdem gibt es die natürlichen Erden auch gar nicht in der Menge, wie man sie bräuchte“, sagt der Malermeister. Inzwischen stellt die Industrie auch Farben mit Naturpigmenten her, dadurch habe sich die Qualität enorm verbessert. „Das kann man nicht mehr vergleichen mit dem, was man früher selbst angerührt hat“, so der Handwerker.

Nicht nur in Sachen Farben waren die 1960er Jahre der Wendepunkt. Auch neue Arbeitsgeräte kamen in dieser Zeit auf den Markt. „Früher wurde Farbe mit dem Quast aufgebracht“, erzählt Daniel Witt. „Erst in den 1960er Jahren gab es die erste Lammfellrolle.“ Heute nutzen die Maler Spritzgeräte, um Farbe auf große Flächen aufzutragen.

Klaus Schulz hat in seiner Lehrzeit noch gelernt, Farben selbst herzustellen. Ein „Malermeister vom alten Schrot und Korn“ habe ihn ausgebildet, sagt der 62-Jährige. „Der machte in den 1920er oder 1930er Jahren seine Lehre. Sein Vater war auch schon Maler, das war eine Familientradition.“ Doch Schulz wusste die Naturfarben erst viel später zu schätzen. „Für mich als Azubi war das lästig“, erzählt er schmunzelnd. „Es gab doch schon das fertige Zeug, da musste man ja nur den Eimer aufmachen.“

Seit etwa 15 Jahren gebe es wieder einen Trend zurück zu natürlichen Materialien, sagen die Maler. Sie ließen den Raum wärmer erscheinen und schimmerten intensiv, wenn Licht darauf falle. „Man muss sich aber davor hüten zu sagen, das eine oder das andere wäre besser“, findet Schulz. Feuerfeste Lacke und Farben für Kunststofffenster könnten nur industriell mit Kunststofffarben hergestellt werden. Auch um zum Beispiel einen Wassertank zu beschichten, brauche man spezielle Materialien, die sich nicht lösten.

Dass Kunden wieder auf Naturfarben zurückgreifen und in ihrer Wohnung auf Hingucker wie rote Wände setzen, beobachten die Maler schon seit einigen Jahren. „Die Leute besinnen sich wieder mehr auf die eigene Wohnung“, glaubt Klaus Schulz. Lange hätte diese hinter Autos und Urlauben zurückstehen müssen.

„Kochshows im Fernsehen haben dazu geführt, dass wieder mehr zuhause gekocht wird“, sagt Daniel Witt, der den Betrieb seit vier Jahren mit Klaus Schulz gemeinsam führt. Und wenn dann Freunde und Bekannte zum Essen kämen, solle das eigene Zuhause eben etwas hermachen und dürfe nicht hinter den Wohnungen anderer zurückstehen, so der 29-Jährige.

Vor allem Menschen mit einem höheren Einkommen seien es heute, die Malerbetriebe beauftragten, sagt Klaus Schulz, „ab der gehobenen Mittelschicht“. Früher hätte es in diesem Bereich kaum Heimwerker gegeben, weil nur die wenigsten Laien Farben selbst anrühren konnten. „Heute gibt es ja fertige Farben im Baumarkt, das ist günstiger.“ Auch dem Wunsch nach außergewöhnlicher Gestaltung der eigenen vier Wände kommen Baumärkte entgegen und bieten zum Beispiel Kurse zu bestimmten Wischtechniken an.

Doch Klaus Schulz, Daniel Witt und ihre Mitarbeiter haben genug zu tun. Sechs Gesellen beschäftigen die beiden neben einer Bürokraft und einer Auszubildenden. Zwei Drittel ihrer Aufträge entfallen auf normale Renovierungsarbeiten, der Rest sind ausgefallenere Projekte. „Eine Nische“, sagen die Geschäftsführer.

In ihren Büroräumen stapeln sich Kataloge, quadratische Kacheln zeigen Farbpaletten. „Diese Betonoptik entsteht durch einen Kalk-Marmor-Putz“, erklärt Witt und zeigt auf eine Säule mit einem Muster aus rankenden Blättern. „Da wird eine Grundschicht aufgebracht, dann eine zweite Schicht über eine Schablone drübergespachtelt.“ Kurz bevor alles trocknet, ziehen die Maler die Schablonen heraus, so dass das Muster zurückbleibt.

„Teile des Musters können noch mit Blattgold ausgelegt werden“, sagt der 29-Jährige. Firmen stellten solche Säulen in ihrem Foyer auf oder nutzten sie für Ausstellungen. „Wir könnten das aber auch als Hingucker auf eine ganze Wand aufmalen.“

Constanze Raidt

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