„Ich habe den Eindruck, dass hier nichts mehr passiert“

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Jörg Hentschel tritt bei der Bürgermeisterwahl im Mai für die Kiersper SPD an. In der MZ stellt er seine Vorstellungen von diesem Amt vor.

Kierspe -  Neun Wochen noch bis zur Kommunalwahl – eine spannende Zeit nicht nur für die Parteien, sondern auch für die Kandidaten für das Bürgermeisteramt. In Kierspe gibt es derzeit zwei: Amtsinhaber Frank Emde und Jörg Hentschel, den die SPD Kierspe ins Rennen schickt. Im Gespräch mit Frank Zacharias erklärte der Sozialdemokrat, was ihn antreibt – und welche Ziele er sich als Bürgermeister setzen würde

Herr Hentschel, als Bürgermeisterkandidat stehen Sie nun im Fokus der Öffentlichkeit – mit allen üblichen Folgen. Wenn es etwa um die „Präsenzpflicht“ bei vielen Terminen geht. Wann reifte bei Ihnen der Entschluss, diese Mühen auf sich nehmen zu wollen?

Zur Person

Jörg Hentschel wurde am 26. Juli 1969 in Remscheid geboren, ist verheiratet und hat vier Kinder – zwei Mädchen und zwei Jungen im Alter von fünf bis elf Jahren. Der Polizeibeamte arbeitet bei der Kripo in Lüdenscheid und wohnt seit 2004 in Kierspe. Bei der Kommunalwahl am 25. Mai tritt er als Bürgermeisterkandidat der SPD an.

Jörg Hentschel:  Ich wohne jetzt seit 2004 in Kierspe und habe damals den Wahlkampf zwischen Petra Crone und Frank Emde verfolgt. Ich habe mich sofort hier wohlgefühlt – und kurze Zeit später konnte ich mir schon vorstellen, hier irgendwann einmal Bürgermeister zu werden. Kierspe ist eine überschaubare Stadt. Das gefällt mir und mein Herz brennt für diese Stadt.

Und es ging recht schnell um heikle Themen: etwa um die Zusammenlegung von Sozial- und Ordnungsamt. Sie haben das Vorgehen der Verwaltung scharf kritisiert. Was stört Sie besonders? 

Hentschel: Ich selbst arbeite in einer Behörde und weiß, dass solch eine Zusammenlegung der erste Schritt ist, nicht nur vermeintlich Geld, sondern auch Mitarbeiter einzusparen. Das hat auch eine höhere Belastung der verbleibenden Mitarbeiter zur Folge. Bei der Leitung des Ordnungs- und Sozialamts geht es um zwei wichtige Ämter, die erhalten bleiben müssen.

Sie bezeichneten in Ihrer Stellungnahme Olaf Stelse als „Gehilfen“ des Bürgermeisters. Ist diese Formulierung klug gewählt, wenn man bedenkt, dass Sie eventuell auf die Dienste des Beigeordneten angewiesen sein werden? 

Hentschel: Ich kenne Olaf Stelse auch privat und habe den Begriff des „Gehilfen“ nicht aus Respektlosigkeit geäußert, wie Herr Emde es kritisiert. Ich interpretiere den Begriff anders, schließlich gibt es auch Steuerfachgehilfen. Und als Polizisten wurden wir lange auch als Hilfsbeamte der Staatsanwaltschaft bezeichnet, obwohl wir als Polizisten in das höchste Gut der Menschen eingreifen, nämlich in das Grundrecht. Ich schätze Herrn Stelse sehr und würde mich sehr freuen, wenn eine Zusammenarbeit zustande käme. Mir ist wichtig, dass ich mit Menschen respektvoll zusammenarbeite und sie als Mensch und Mitarbeiter schätze. Das ist eine meiner Stärken.

Auf dem Weg zur Zusammenarbeit mit Olaf Stelse gilt es aber zunächst, die Wahl zu gewinnen. Wie sehr schmälert die Wahlempfehlung von CDU, UWG und FDP, die allesamt Frank Emde bevorzugen, Ihre Chancen? 

Hentschel: Es ist ja verständlich, wenn die Parteien, die damals Frank Emde bei der sten Wahl unterstützt haben, es weiterhin tun. Aber auch meine Partei unterstützt mich – und ich bin in Kierspe durch meine ehrenamtlichen Tätigkeiten nicht ganz unbekannt. Das habe ich auch in dem bislang noch recht kurzen Wahlkampf festgestellt. Da habe ich bisher nur positive Rückmeldungen erhalten – und das stärkt mich natürlich in der Kandidatur.

Warum wünschen sich die Menschen, mit denen Sie gesprochen haben, denn einen Wechsel?

Hentschel:  Ein Grund war, dass man den Bürgermeister nicht kennt und man keine Beziehung zu ihm hat. Das war für mich überraschend. Der zweite war, dass sich nichts mehr bewegt in Kierspe. Ein über 80-Jähriger hat mir etwa gesagt: Mensch, ist ja toll, da kommt mal neuer Schwung in die Stadt.

Was wären denn in den ersten 100 Tagen Ihrer Amtszeit als Bürgermeister Schwerpunkte Ihrer Arbeit? 

Hentschel: Mir ist auch im Rahmen meiner Polizeitätigkeit aufgefallen, dass sich die Gesellschaft immer weiter auseinander entwickelt – auch in Kierspe. Ich will die Leute zusammenbringen, eine Gesellschaft haben, wo sich die Leute gegenseitig helfen. Wo Leuten geholfen wird, die einsam sind und keine Kontakte haben.

Für die soziale Ausgewogenheit in einer Stadt können auch Unternehmen sorgen, die Arbeitsplätze bieten. Der Fortzug von gwk war und ist ein großes Thema. Wie wollen Sie Kierspe für Gewerbetreibende attraktiver machen?

Hentschel: Ich habe nebenbei auch erfahren, dass nicht nur gwk, sondern auch viele kleinere Betriebe weggegangen sind. Das ist für mich als Bürger und Kandidat traurig. Auch wegen der finanziellen Seite, da sie keine Gewerbesteuer mehr zahlen, und wegen der verlorgen gegangenen Arbeitsplätze. Am Hebesatz von 430 Prozent möchten wir als SPD und ich als Bürgermeisterkandidat nichts ändern. Aber wir müssen neue Gewerbeflächen ausweisen.

Das haben andere auch schon versucht. Ein schwieriges Feld in Kierspe...

Hentschel: Die Bezirksregierung deckelt die Flächen bis zu einer gewissen Größe. Da muss man Überzeugungsarbeit in Arnsberg leisten.

Gewerbebetriebe sind das eine Thema, der demographische Wandel ist ein anderes. Die Bevölkerung wird immer älter. Wie wollen Sie auf diese Entwicklung reagieren? Gibt es ein ausreichendes Angebot an seniorengerechten Wohnungen?

Hentschel: Es sind in Kierspe in den letzten zwei Jahren ein Seniorenwohnheim und ein Haus „altersgerechtes Wohnen“ entstanden. An so etwas müssen wir anknüpfen. Eine weitere Frage ist aber, was mit dem gwk-Gelände geschieht. Das ist eine Lage zwischen Kierspe-Dorf und Stadt, wo es auch eine gute Busanbindung gäbe. Noch steht ja nicht fest, was mit dem Gebäude geschieht. Entsteht da ein Industriepark mit mehreren kleinen Firmen oder kann man da auch ein Mehrgenerationenhaus platzieren? Da müssen aber erst einmal weitere Gespräche geführt werden, zumal das Gebäude ja nicht der Stadt gehört.

Doch es gilt auch, das andere Ende der Alterspyramide zu beachten: die jungen Familien, für die unter anderem das Schulangebot wichtig ist. Wie sehen Sie die Zukunft der Schullandschaft? 

Hentschel:  Durch den Zusammenschluss als Verbundschule von Pestalozzi- und Schanhollen-Schule und die in der Übergangsphase befindliche Bismarck-/Servatiusschule sehe ich sehr gute Möglichkeiten, die Schulen zu erhalten. Die Gesamtschule verliert auf absehbare Zeit Schüler, was ebenfalls mit dem demographischen Wandel zu tun hat. Das sehe ich aber nicht als Problem. Die Ausstattung der Schule ist toll. Viele kommen auch von außerhalb.

Wie kann man Kierspe sonst noch für junge Familien attraktiv machen? 

Hentschel: Ich sehe den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen als wichtigen Bestandteil. Zur Attraktivität gehört aber auch, dass die Stadt ansich etwas zu bieten hat. Wir haben keine richtige Kirmes mehr, der Weihnachtsmarkt an der Margarethenkirche war, wenn man vorher in Rönsahl war, ein Schlag ins Kontor. In Rönsahl oder zuletzt bei „Haunerbusch on the rocks“ sieht man: Wenn man etwas auf die Beine stellen will, dann schafft man das. Warum sollen Rönsahl und Kierspe nicht näher zusammenrücken, um einen gemeinsamen Weihnachtsmarkt anzubieten?

Der Druck auf Kommunen in finanziell schwieriger Lage wächst. Wie wollen Sie schmerzhafte Einschnitte verhindern, wenn es etwa um freiwillige Leistungen geht?

Hentschel:  Die freiwilligen Leistungen machen nur drei Prozent des Gesamthaushaltes von Kierspe aus, sie müssen erhalten bleiben. Einsparungen, die man da vornehmen könnte, sind gering, sie würden aber in den einzelnen Bereichen einen so großen Einschnitt bedeuten, dass diese daran kaputtgehen könnten. Um den Haushaltsplan mit seinen 240 Seiten detailliert zu kennen, muss man einzelne Punkte genau betrachten und auswerten. Die freiwilligen Leistungen bleiben aber.

Sie haben noch anstrengende Wochen vor sich. Wie schwer fällt die Arbeit, wenn man als vermeintlicher Außenseiter ins Rennen geht?

Hentschel: Es ist natürlich schwierig, wenn man gegen einen amtierenden Verwaltungschef antritt, der seit zehn Jahren das Amt bekleidet und sich in allen Details auskennt. Das stimmt. Aber in Gesprächen bestätigen mir die Leute, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich möchte in der Stadt Kierspe etwas bewegen – weil ich selbst den Eindruck habe, dass nichts mehr passiert.

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