Kein leichter Weg: Flucht, Kirchenasyl, Abitur

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Vor nicht einmal vier Jahren kam Mohammed A Khalil nach Kierspe. Nun hat er an der Gesamtschule sein Abitur bestanden.

Kierspe - Als Mohammed A Khalil nach Deutschland kam, hatte er Träume – aber auch viele entsetzliche Erfahrungen gemacht. Kein Wort Deutsch sprach der junge Syrer, als er vor nicht einmal fünf Jahren nach Kierspe zog – heute nimmt er sein Abiturzeugnis entgegen.

Flucht, Verletzung im Krieg, Entbehrungen, schlechte Behandlung und Kirchenasyl liegen hinter Mohammed A Khalil. Doch er spricht viel lieber von all dem Guten, das er in den vergangenen Jahren im Sauerland erfahren hat.

Wenn heute Abend der Abiball in der Gesamtschule gefeiert wird, werden die meisten Abiturienten ihre Eltern im Zuschauerraum des PZ wissen. Auch Mohammed A Khalil kommt nicht alleine, doch auf seine Eltern muss er verzichten. Diese durften sich nur am Telefon freuen, als ihnen ihr Sohn mitteilte, dass er sein Abitur mit einer 2,2 geschafft hatte – und das in der Regelzeit von gerade einmal drei Jahren. Dass das überhaupt möglich wurde, verdankt Mohammed zum großen Teil seinen Gästen auf dem Ball. Denn gleich nachdem der junge Syrer in Kierspe angekommen war, nahmen sich seiner Karin Schmid-Essing und deren Mann Fritz Schmid an. Doch es gab noch viele andere Helfer, ohne die ein Abitur in so kurzer Zeit wohl nicht möglich gewesen wäre.

Mohammed nennt da gleich die Schulleitung der Gesamtschule. „Ich habe mich auch in Essen an einer Schule beworben, weil ich in der Stadt Verwandte habe. Doch dort wollte man mich nicht aufnehmen, weil ich schon zu alt sei“, erzählt er. Tatsächlich war Mohammed A Khalil bereits 18 Jahre alt, als er nach Kierspe kam. In der syrischen Stadt Aleppo war er damals auf dem besten Weg, an einer syrischen Schule sein Abitur zu machen. Doch der Krieg mit seinen vielen Angriffen auf die Stadt machten diese Pläne zunichte. Da sein älterer Bruder und auch er in der Gefahr standen, von den Regierungstruppen zum Armeedienst gezwungen zu werden, drängten die Eltern auf eine Flucht der Söhne (siehe Infokasten).

In Kierspe stand dem Syrer sein Alter nicht im Wege. Die Schulleitung nahm den jungen Mann auf und unterstützte ihn so gut wie möglich. Eine Lehrerin suchte beispielsweise einen Sitznachbarn aus, der sich um Mohammed kümmerte, mit ihm lernte und ihn auch in seinen Freundeskreis aufnahm. „Mohammed hat sich schnell mit meinen Freunden angefreundet. Mohammed hat ein gutes Herz und tritt jedem offen gegenüber. Davon kann man viel lernen“, erzählt sein Schulfreund in einem Interview mit dem WDR in einem speziellen Internet-Angebot für Flüchtlinge.

Rückhalt hat dem Schüler aber vor allem gegeben, dass er sich jederzeit an Schmids wenden konnte. „Egal welches Problem auftauchte, ich konnte mich immer an die beiden wenden“, erzählt Mohammed. Und er wurde auch nie enttäuscht. Wie selbstverständlich sitzt der junge Mann oft am Tisch des Kiersper Ehepaares. Und die beiden sind sichtlich stolz auf den Syrer. Und auch mit Blick auf die weitere Pläne des junge Mannes verspricht Fritz Schmid: „Wir werden immer für ihn da sein, wenn er uns braucht. Mohammed ist uns sehr ans Herz gewachsen.“ Voller Bewunderung spricht der frühere Schulleiter über die Leistungen seines Schützlings.

Und diese sind auch nicht zu unterschätzen. Denn es war nicht nur die Sprache, die Mohammed nicht kannte, er musste auch in Fächern bestehen, die es so an seiner syrischen Schule nicht gab. Als Beispiel nennt er Sozialwissenschaften, aber auch den Biologie-Unterricht habe es in dieser Form in Syrien nicht gegeben.

Mohammed A Khalil (rechts) mit Fritz Schmid.


Auch die Unterrichtsmethoden waren Mohammed fremd. Gruppenarbeit lernte er erst in Kierspe kennen – und auch schätzen. „Mir hat immer gut gefallen, dass man an der Gesamtschule sehr respektvoll miteinander umgeht.“ Geholfen hat dem jungen Mann dabei aber neben seinem Ehrgeiz auch die eigene Toleranz, die es ihm ermöglichte, die Menschen und ihr Denken vorbehaltlos anzunehmen. Das bescheinigt auch Fritz Schmid: „Mohammed muss in einer sehr toleranten Familie aufgewachsen sein. Trotzdem muss er viel lernen, um in unserer Gesellschaft zurechtzukommen - und er macht das wunderbar.“

In Zukunft werden sich die drei wohl nicht mehr so nahe sein, denn Mohammed möchte gerne Architektur studieren, am liebsten in Aachen. Damit er dieses Ziel erreichen kann und seine Pläne nicht an dem Numerus clausus scheitern, ist er in diese Woche auch noch einmal in die Nachprüfung gegangen, in der es ihm gelungen ist, seinen sowieso schon guten Schnitt von 2,2 auf 2,1 zu verbessern.

Stationen einer Flucht

Im Jahr 2013 änderte sich das Leben des damals 17-jährigen Mohammed A Khalil dramatisch. Statt seine Schule mit dem Abitur zu beenden, musste er in der umkämpften Stadt Aleppo um sein Leben fürchten. Bei einem Bombenangriff wurde er am Bein verletzt. Aus Sorge, Mohammed und sein älterer Bruder würden zum Militärdienst eingezogen, drängten die Eltern auf eine Flucht der Söhne. Mit dem Bus ging es schließlich nach Istanbul. Im Jahr darauf gelang es den Brüdern, unterstützt von Fluchthelfern, nach Bulgarien zu kommen. Von dort ging es weiter über Serbien nach Ungarn. Dort wurden bei der Registrierung seine Fingerabdrücke erfasst. Und in Ungarn wurde er mit mehr als 100 anderen Menschen, die ebenfalls auf der Flucht waren, in einen Raum gesperrt, bei sehr schlechter hygienischer Versorgung und auch die Verpflegung sei bei weitem nicht ausreichend gewesen, erinnert sich Mohammed A Khalil. Die nächste Station war ein Lager. „Dort wollte ich auf keinen Fall bleiben“, erinnert sich der Syrer. Gemeinsam mit seinem Bruder und mit Hilfe von Fluchtexperten machte er sich auf den Weg nach Deutschland. In Passau wurde der junge Mann erneut registriert. Da war den Brüdern aber schnell klar, dass sie nach Dortmund wollten, da in Bayern sehr viele Flüchtlinge ankamen. Mit dem Schnellbus ging es dann in den Norden – und von Dortmund nach Burbach und schließlich nach Kierspe, wo er am 12. Dezember 2014 ankam. Untergebracht wurde er mit seinem Bruder in den städtischen Häusern am Herlinghauser Weg. Dort lernte Mohammed auch Karin und Fritz Schmid kennen. Wäre es nach den Behörden gegangen, dann wäre Mohammed zurück nach Ungarn geschickt worden, denn aufgrund der Gesetzeslage hätte ihn das Land aufnehmen müssen, in dem er zuerst registriert wurde. Letzter Ausweg war das Kirchenasyl, in dem er mit zwei weiteren jungen Flüchtlingen die nächsten beiden Monate leben musste. Durch eine Änderung im Asylverfahren konnte Mohammed in Kierspe bleiben, wo er eine Ausbildung zum Bauzeichner begann. Doch aufgrund der fehlenden Deutschkenntnisse war ein erfolgreicher Besuch der Berufsschule unmöglich. Nach intensivem Erlernen der deutschen Sprache kam er 2016 in die Oberstufe der Gesamtschule, die er nun mit dem Abitur verlassen kann. Seine nächste Station soll ein Architekturstudium sein. Auf die Frage, ob er je wieder nach Syrien möchte, antwortet Mohammed A Khalil ausweichend: „Syrien ist meine Heimat. Doch so, wie es dort jetzt ist, kann ich da nicht leben. Hier in Deutschland kann ich meine Entscheidungen selbst treffen und in Freiheit leben.“

Mittlerweile hat er zu seinen Eltern wieder telefonischen Kontakt. Die beiden konnten mit ihrer Tochter nach Aleppo zurückziehen, allerdings erst, nachdem der Vater die vom Krieg beschädigte Wohnung wieder hergerichtet hatte.

Die beiden jungen Männer, die mit Mohammed A Khalil im Kirchenasyl waren, haben ebenfalls ihren Weg gemacht. Der eine arbeitet in Festanstellung in Kierspe, der andere studiert mittlerweile Medizintechnik.

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