Flüchtlinge: Die Hilfe wird weiter gebraucht

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Noch immer werden Möbel benötigt, da nach Umzügen, Geburten und Familienzusammenführungen Bedarf besteht. Deshalb wird der Verein Menschen helfen auch das Möbelager weiterhin betreiben. Die Zeiten, an denen Karin Schmid-Essing mehrmals die Woche mithelfen musste, Möbel zu tragen, sind aber vorbei.

Kierspe - Seit Mai des vergangenen Jahres ist Kierspe kein Flüchtling mehr zugewiesen worden. Trotzdem ist der Verein Menschen helfen mit vielen Ehrenamtlern noch aktiv – und es gibt auch noch viel zu tun.

Längt vorbei die Zeit, in der sich viele Kiersper aus Vereinen, Einrichtungen und Kirchen zu runden Tischen trafen, um zu beraten, wie man dem massiven Zuzug, den Kierspe Ende 2014 und während des Jahres 2015 erlebte, am besten begegnen sollte. Wohnungen wurden angemietet, „Begrüßungspakete“ mit dem Allernötigsten gepackt, Sprachunterricht organisiert und ein Möbellager eingerichtet.

Doch auch heute, wo schon seit Monaten keine neuen Geflüchteten mehr in Kierspe angekommen sind, sind viele Helfer nach wie vor aktiv. Rund 25 sind es nach Angaben von Karin Schmid-Essing, die noch nahezu täglich mit dem Thema zu tun hat und im Vorstand des Vereins Menschen helfen tätig ist. „Wer damals begonnen hat, sich um eine Familie zu kümmern, bleibt meistens auch dabei.“ Denn viele der Flüchtlinge brauchten noch Begleitung bei Behördengängen oder Arztbesuchen. Es gebe aber auch Umzüge, Familienzusammenführungen und Hilfe beim Einstieg in den Beruf. „Nahezu alle Männer, die in den vergangenen Jahren zu uns gekommen sind, befinden sich in Arbeit, Ausbildung oder im Studium“, freut sich der Vereinsvorsitzende Fritz Schmid. Bei den Frauen sehe das anders aus. Dort greife doch meist noch ein traditionelleres Familienbild, erklärt Schmid.

Gerade aus der beruflichen Tätigkeit und Ausbildung ergeben sich auch neue Aufgaben. So gibt es für die Berufsschüler einen regelmäßigen Mathematikunterricht, aber auch Deutsch wird weiter unterrichtet. Davon profitieren vor allem die, für die der Unterricht aus den Integrationskursen nicht ausreichend ist. Aber auch die Arbeitgeber sind nach den Erfahrungen der Vereinsmitglieder froh, dass die jungen Azubis, die als Schutzzsuchende ins Land kamen, noch Unterstützung erhalten. Sind es doch meist kleinere Firmen, bei denen die Neuankömmlinge zum Dachdecker, KfZ-Mechatroniker, Köchin oder Elektriker ausgebildet werden.

In diesem Bereich fallen auch immer noch Kosten an, weil Dokumente übersetzt oder angefordert werden müssen oder Schulmaterial angeschafft werden muss. Deshalb ist der Verein auch nach wie vor auf Spenden angewiesen.

Spenden werden auch benötigt, um weiterhin das Möbellager und die Fahrradwerkstatt betreiben zu können. Schmid-Essing: „Durch Umzüge, Geburten oder Familienzusammenführungen werden nach wie vor Möbel benötigt, aber auch Menschen, die helfen, diese zu transportieren und aufzubauen.“ Längst sind es nicht nur Flüchtlinge, die von diesem Lager profitieren, sondern auch Menschen, die beispielsweise nach einer Trennung wohnungslos geworden sind, aber kein Geld für Möbel haben. Ende 2018 kamen auch auf einmal einige Zuwanderer aus Süditalien, die dort aufgrund der wirtschaftlichen Lage keine Arbeit mehr fanden. Auch diesen konnte aus den Beständen des Lagers geholfen werden. Derzeit fehlen – so sagt es Schmid-Essing – vor allem Einzelbetten und kleinere (zweitürige) Kleiderschränke.

Genau fünf Jahre ist diese Aufnahme alt. Damals gab Fritz Schmid in der Arbeitsbibliothek der Gesamtschule Deutschunterricht. Heute werden Deutsch- und Matheunterricht vor allem für Berufsschüler angeboten.

Im gleichen Gebäude an der Straße Kamperbach, in der das Lager seinen Platz hat, findet sich im Erdgeschoss die Fahrradwerkstatt, in der nach wie vor ein Team aus ehrenamtlichen Helfern alte Räder aufbereitet und den Geflüchteten bei der Reparatur ihrer Räder behilflich ist. Geöffnet sind beide Einrichtungen jeden zweiten und vierten Dienstag im Monat von 17 bis 19 Uhr. Allerdings gibt es auch immer wieder Probleme. So würden immer wieder Kiersper ihren Sperrmüll vor dem Lager abstellen. Schmid: „Vor ein paar Wochen lagen vier Pkw-Räder vor der Tür. Das ist kein Versehen, das machen Leute, um uns zu ärgern.“ Letztlich verursachen sie damit aber nur Kosten, die von allen Kierspern getragen werden müssen, denn entsorgen muss diesen Müll die Stadt.

Durch die rigide Gesetzgebung waren Familienzusammenführungen für etliche Jahre ausgesetzt. Und auch jetzt, wo diese für etliche Flüchtlinge möglich wären, kommen nur wenige Angehörige nach. Im vergangenen Jahr waren das gerade einmal zwei Familien. „Oft sind sich die Menschen fremd geworden, haben sie sich doch meist mehr als drei Jahre nicht mehr gesehen“, berichtet Schmid-Essing von ihren Erfahrungen. Doch im Gegensatz zu denen, die vor fünf Jahren kamen, finden die Angehörigen nun geordnete Strukturen, wenn sie nach Deutschland kommen – und bekommen auch schnell einen Platz im Integrationskurs.

Problematisch sei die Situation aber nach wie vor bei der Arbeitsagentur, da müsse man oft sehr lange auf Termine warten“, berichten die Vereinsmitglieder. Schmid-Essing: „Es werden auch wenig Qualifizierungsangebote gemacht. An der Stelle fehlt einfach ein Integrationsbeauftragter. Eine Stelle, die die Stadtverwaltung leider nie eingerichtet hat.“

Kritisch sehen die beiden Vorstandsmitglieder auch, dass viele Menschen immer noch von Abschiebung bedroht seien. „Es wäre sehr viel sinnvoller, die jungen Menschen, die hier sind, in Pflegeberufen auszubilden, als ausgebildete Krankenschwestern auf den Philippinen anzuwerben“, so Schmid-Essing, die in diesem Zusammenhang vor allem auf junge Albaner verweist, die Deutschland wieder verlassen mussten, aber auch Afghanen, die von Abschiebung bedroht sind. Schmid setzt aber auch auf die Gerichte. So hat erst vor kurzem das Verwaltungsgericht in Arnsberg zugunsten einer afghanischen Familie entschieden, die mit ihrem Kind in das Land, in dem nach wie vor Krieg herrscht, abgeschoben werden sollte.

Wichtig ist den beiden aber auch zu betonen, dass es zwar die rigide Flüchtlingspolitik gibt, aber auch Unterstützung vom Staat für die Arbeit mit den Geflüchteten. So zahlt das Land über den Kreis bislang regelmäßig im Rahmen des Programms „Komm an NRW“. Dort gebe es zum einen Hilfe für die Helfer, um deren Ausgaben zu reduzieren, aber auch Geld für Begegnungs- und kulturelle Veranstaltungen.

Spenden

Wer den Verein „Menschen helfen Kierspe“ unterstützen möchte, kann auf das Konto des Vereins bei der Sparkasse Kierspe-Meinerzhagen, IBAN 55 4585 1665 0000 0499 73, spenden.

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